EM-Stadt Posen: Eine Glaubenssache

Zwischen Fan-Liebe und Hooligan-Hass: In der westpolnischen EM-Stadt Posen ist Fußball mehr als nur ein Sport.

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In den Adern blaues Blut, im Herzen Lech: Fan-Freude in Posen. (Foto: Baranowski)

Über dem Stadion liegt eine unwirkliche Ruhe.Im Gästeblock hüpfen und singen ein paar Dutzend Fans des Karpatenklubs Bielsko-Bialo. Doch ihnen gegenüber, auf Tribüne III der Posener EM-Arena, verharren 10.000 Zuschauer regungslos und bilden eine Wand aus Menschen. Im Unterrang sind sie in weiße Shirts gehüllt, darüber ist alles blau. Es sind die Farben von Lech Posen. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel an, und ein Sturm fegt alle Ruhe hinweg.

In einem vulkanartigen Ausbruch erbebt Tribüne III. Mit einem Schrei aus 10.000 Kehlen beginnt ein 90-minütiger Anfeuerungsmarathon. Im Rhythmus der Trommeln, die zwischen Tor und Tribüne aufgebaut sind, schlagen 20.000 Hände aneinander oder schleudern auf ein Kommando hin tonnenweise Papierschnipsel in die Luft. Vereinzelt krachen Böller. Ein Spruchband verkündet: „In den Adern blaues Blut, im Herzen Lech“.

Das Getöse löst sich vom Geschehen auf dem Rasen. Eckbälle, Fouls und Torszenen haben keinen Einfluss auf die Lautstärke im Stadion. Erst als Artjom Rudnevs in der 86. Minute einen Elfmeter zum 1:0 für Posen verwandelt, schwillt der Lärmpegel noch einmal an. Es ist das vorletzte Saisonspiel. Lech wahrt seine Chance auf die Meisterschaft. Am Ende wird es in einem Herzschlagfinale nur Platz vier.

„Das ist bitter“, sagt Radoslav Kaczmarek. „Dafür finden Sie eine solche Stimmung in kaum einem anderen Stadion in Europa.“ Der 26-Jährige ist Student, Sportreporter und Fan in einem. Schon als Zehnjähriger ist er mit seinem Vater zu den Spielen von Lech gepilgert. „Und mein Vater ist als Kind an der Hand meines Großvaters hingegangen. So ist das in Posen“, erklärt er. Kaczmarek sitzt in einem Café auf dem Altstadtmarkt und genießt die Mai-Sonne. „Vor zwei Jahren haben wir hier den Titel gefeiert. Die Leute sind auf Laternen und Denkmäler geklettert, um besser sehen zu können. Es war unbeschreiblich.“

Posen mit gut einer halben Million Einwohnern gilt als unterkühlte Wirtschaftsmetropole. Doch da ist auch die traditionsreiche Adam-Mickiewicz-Universität. Und da ist der Fußball, der in Posen stets mehr war als nur ein Sport. Als Polen nach Solidarnosc-Aufstand und Kriegsrecht am Boden lag, erkämpfte Lech 1983 und 1984 seine ersten Meisterschaften. In der dramatischen Umbruchzeit der politischen Wende kamen 1990, 1992 und 1993 drei Titel hinzu.

„Der Fußball schweißt in Posen zusammen. Es sind fast religiöse Gefühle damit verbunden“, sagt Kaczmarek. Der Fanklub des 90 Jahre alten Eisenbahnervereins KKS Lech heißt nicht von  ungefähr Wiara. Das Wort bedeutet Glaube, Treue. Der Anfeuerungsmarathon im Stadion wird vor jedem Spiel tagelang einstudiert. Die Fans zelebrieren die Fußball-Party im Stil einer Messe. „Wiara hat Lech vor dem Untergang gerettet“, sagt Kaczmarek.

Es ist der Frühsommer 2000, als der fünffache Meister den Gang in die zweite Liga antreten muss. Im neokapitalistischen Posen haben die Menschen plötzlich andere Dinge im Kopf als Fußball. Der Verein hat kaum noch Zuschauer. Schlägereien auf den Tribünen und Randale in der Stadt sind an der Tagesordnung. Mütter haben an Spieltagen Angst, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen. Wiara entsteht als Gegenbewegung.

2002 steigt Lech wieder auf. In Posen erblüht eine neue Liebe zu dem alten Verein. Der Fanklub, der im sechsten Meisterschaftsjahr 2010 rund 1000 Mitglieder zählt, diszipliniert die Schläger und sorgt für eine unvergleichliche Stimmung auf den Rängen. „Anwälte, Ärzte und Arbeiter rasten dort im positiven Sinne genauso aus wie Schüler und Studenten“, erklärt Kaczmarek. Außerhalb des Stadions organisiert Wiara Jugendturniere und unterstützt Kinderheime mit Spenden.

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Szymon Nowicki (Foto: Krökel)

„Das ist doch wunderbar.Es zeigt, dass der Fußball eine Antriebskraft für bejahende Gefühle ist“, sagt Szymon Nowicki. Der Priester schlendert im Ornat durch die Jesuitenkirche des Heiligen Stanislaw, nicht weit vom Altstadtmarkt entfernt. Der barocke Goldprunk des Gotteshauses lastet schwer auf den wenigen Besuchern, die an diesem Morgen in den Bänken knien und beten. Nowicki dient in der Pfarre als Sport-Seelsorger. Aber der 32-Jährige ist auch Anhänger von Lech Posen. Der Kragen der Jacke, die er übergeworfen hat, trägt das Vereinsblau.

Die Stille in der Kirche steht in krassem Gegensatz zum Getöse im Stadion. Der Priester liebt beide Stimmungslagen. „Gegen Bielsko-Bialo war ich wie bei jedem Spiel auf der Tribüne“, erzählt er im Missionscafé, das über einen Kreuzgang mit dem Seitenschiff von St. Stanislaw verbunden ist. Bei der EM will Nowicki in Posen „Zonen der Stille“ einrichten. Sie sind als Ergänzung zum Public Viewing auf der Fanmeile gedacht. „Mir ist klar, dass die Leute nicht zum Beten kommen, sondern um Fußball zu sehen und Bier zu trinken. Wir wollen die positiven Emotionen, die mit dem Sport verbunden sind, aufgreifen und verstärken.“

Doch was ist mit der dunklen Seite dieser Macht? Kurz nach der Meisterfeier 2010 geraten die Vorzeige-Fans von Wiara erstmals in die Negativschlagzeilen. Klubchef Krzysztof Markowicz, den alle nur Litar nennen, attackiert bei einem Länderspiel in der Posener Arena eine Familie mit Kindern. Dem Vater spuckt er ins Gesicht. Es ist eine schlechte Werbung für die EM-Stadt, in der im Juni drei Vorrundenspiele der Gruppe C ausgetragen werden. Italiener, Kroaten und Iren sind dann zu Gast.

Litar wird zu einem dreijährigen Stadionverbot und sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Doch kritische Medien haken nach. Vom Verein soll der Wiara-Chef günstige Konditionen für den Betrieb von Imbissbuden im Stadion bekommen haben. Fan-Unterstützung gegen lukrative Geschäfte, laute der Handel. Von dieser Meldung führt ein kurzer Weg zu den Horrornachrichten über die polnische Hooliganszene, die seit Jahren die Runde machen. „Auf den Tribünen werden kriminelle Geschäfte abgewickelt. Es geht um Handel mit Drogen, illegal gebranntem Alkohol und gestohlenen Autos“, heißt es bei der Polizei.

Pfarrer Nowicki hält das für maßlos übertrieben. „Angst vor Hooligans braucht niemand zu haben“, sagt er. Auf einem Steinsims hinter ihm blüht eine rosa Orchidee. Die Pastellfarben im Missionscafé erzeugen eine friedliche Atmosphäre. „Fans sind Menschen wie du und ich. Die Politik und die Medien spielen das Hooligan-Thema hoch. Wir sollten uns dagegen wehren, dass Sportbegeisterung nur durch dieses Prisma wahrgenommen wird“, sagt der Priester und fügt hinzu: „Gewalt ist eine Randerscheinung, trotz Bydgoszcz.“

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Die Stimmung kippt: Posener Fans entzünden bengalische Feuer. (Foto: Baranowski)

Gut ein Jahr ist „Bydgoszcz“ jetzt her.Am 3. Mai 2011 treffen dort im polnischen Pokalfinale die Erzrivalen Lech Posen und Legia Warschau aufeinander. Legia gewinnt im Elfmeterschießen. Nach dem Schlusspfiff stürmen vermummte Hooligans beider Vereine das Spielfeld. Sie zertrümmern Werbebanden, prügeln völlig enthemmt auf Ordner und Polizisten ein und zerlegen eine Tribüne in ihre Einzelteile. Erst Wasserwerfer stoppen die Gewaltorgie.

Der Skandal wird ein Jahr vor der EM zum Fanal für eine groß angelegte Gegenoffensive von Politik und Polizei. Sondereinheiten nehmen bei Razzien dutzende Hooligans fest. Zur Abschreckung veröffentlichen die Fahnder Videos von der Kommandoaktion im Internet. Sie zeigen halbnackte Hooligans in Handschellen. Die Regierung lässt über Wochen hinweg nur noch Geisterspiele zu und verschärft die Gesetze. Stadionverbote werden künftig mit elektronischen Fußfesseln überwacht. Das Innenministerium liebäugelt sogar mit dem Einsatz von Scharfschützen bei der EM.

„Genau das war der Sinn dieser Provokation“, sagt Pfarrer Nowicki. „Die Behörden haben die Krawalle in Bydgoszcz durch lasche Sicherheitsvorkehrungen erst möglich gemacht. Die Regierung wollte im Wahlkampf Stärke demonstrieren.“ Es sind ungewöhnlich Worte für einen Priester. Nowicki liebt seine Fans. Er organisiert für sie historische Vorträge in seiner Kirche. „Sie sind sehr patriotisch.“ Dass der Nationalstolz mit den Fußball-Anhängern bei der EM durchgehen könnte, hält der Jesuitenpriester für ausgeschlossen. Es ist, wie so vieles im fußballverrückten Posen, eine Glaubensfrage.

Posen kompakt:
Posen, polnisch Poznań, gilt zusammen mit dem nahen Gnesen als Wiege des polnischen Staates. Die Stadt an der Warthe war erster Bischofssitz im Land. Polens erster König, Boleslaw der Tapfere, wurde in Gnesen gekrönt und im Posener Dom begraben. Auch wenn Krakau bald zur Hauptstadt des Landes aufstieg, so entwickelte sich Posen doch rasant und wurde im Mittelalter zu einem wichtigen Handelszentrum im Herzen Europas.
Diese Rolle behielt Posen bis heute – ganz gleich, ob Polen, Preußen, Nazis oder Kommunisten in der Stadt das Sagen hatten. Heute sind an dem quirligen Messestandort zahlreiche internationale Großunternehmen ansässig, darunter VW. Posen mit seinen 560.000 Einwohnern boomt. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung.
Herzstück der Stadt und für jeden Besucher ein Muss ist der mittelalterliche Marktplatz (Stary Rynek), auf dem im Sommer dank dutzender Cafés und Restaurants ein südländisches Flair herrscht. Sehenswert ist auch die Dom-Insel. Posen ist der Geburtsort des preußischen Generals und späteren Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg.
Die Posener EM-Arena, das Städtische Stadion, ist Spielstätte des sechsfachen polnischen Meisters KKS Lech sowie des Traditionsvereins Warta Posen. 43.000 Zuschauer finden in der zwischen 2004 und 2010 sanierten Arena Platz.
Internettipps für alle EM-Reisenden nach Posen: www.poznan.pl/mim/uefaeuro2012/de/, www.polishguide2012.pl, www.inyourpocket.com/poland/poznan, http://de.uefa.com/uefaeuro/season=2012/hostcountries/poland/city=2556/index.html

 

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