EM-Stadt Lwiw: Von Helden und Schurken

Die schwierige Suche nach Freiheit prägt die westukrainische EM-Stadt Lwiw.

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Freiheitskämpfer oder Kriegsverbrecher? Denkmal für Stepan Bandera in Lwiw. (Fotos: Krökel)

Erst auf mehrmaliges Klopfen hin öffnet sich ein Sichtfenster in der Eichenholztür. Der Lauf einer Maschinenpistole lugt hervor. „Parole!“, ruft aus dem Innern ein Mann, von dem nur die Militärmütze zu erkennen ist. „Ruhm der Ukraine“, lautet die Losung, ohne die der Zutritt versperrt bleibt. „Ruhm den Helden“, antwortet der Türsteher und gibt den Weg in das Kellergewölbe frei. Er trägt eine deutsche Landseruniform aus dem Zweiten Weltkrieg. An der Theke hinter ihm wartet eine junge Frau in schwarzem T-Shirt. In Rot prangen darauf der ukrainische Dreizack und der Schriftzug UPA. Lachen erfüllt den Raum. Die schweren Gläser klirren laut beim Zuprosten.

Das Restaurant „Kryiwka“ (Unterschlupf) im Herzen von Lwiw ist ein Ort der guten Laune und des schrägen Humors. Das dürre Papier der Speisekarte fühlt sich an wie ein 70 Jahre altes Propaganda-Flugblatt. Der „Wehrmachtsteller“ im Angebot entpuppt sich als Gemüse-Allerlei. Historische Bilder an den Wänden zeigen Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA, aber auch SS-Offiziere und Sowjetsoldaten. Gegen beide kämpfte die UPA, der militärische Arm der national-ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung der 30er und 40er Jahre. Mit den Nazis gab es allerdings auch Verbrüderungsversuche. Das „Kryiwka“ inszeniert all dies neu. Es ist eine Marketing-Masche.

„Kommen Sie“, lockt die Kellnerin und hält dem Besucher einen deutschen Stahlhelm hin. Sie rät zum Probeliegen am Weltkriegs-Maschinengewehr. „Die Touristen lieben das“, versichert sie und freut sich bereits „auf die Gäste aus Deutschland, die zur Fußball-Europameisterschaft anreisen“. Der UPA-Unterschlupf am Altstadtmarkt ist eine Attraktion in Lwiw, dem westlichsten ukrainischen EM-Spielort. Zwei Vorrundenbegegnungen trägt die deutsche Nationalmannschaft hier aus. Das Team und die Touristen sind willkommen. In der Gedankenwelt der „Kryiwka“-Strategen müsste es vermutlich heißen: „Willkommen wie einst die Wehrmacht im Kampf gegen Stalin.“

Dabei hat das Schock-Marketing der Restaurantbesitzer einen ernsten Hintergrund. Das ukrainische Lwiw gehörte als Lwów und Lemberg jahrhundertelang wechselweise zu Polen und zur österreichischen Habsburger-Monarchie, bevor die Sowjets die Stadt nach kurzer Nazi-Herrschaft im Zweiten Weltkrieg als Lwow zu russifizieren versuchten. Heute, 20 Jahre nach der ukrainischen Unabhängigkeit, ringt die galizische Metropole verzweifelt um ihre Identität. Das Zauberwort bei dieser Sinnsuche heißt Freiheit.

Danach benannt ist auch der wichtigste Straßenzug der Stadt. Auf dem Freiheitsboulevard flanieren in den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne elegant gekleidete junge Frauen. Ihre Männer haben es sich auf Bänken bequem gemacht und spielen Blitzschach oder Backgammon. Ein nach Kosakenart gekleideter Musiker zupft die Saiten einer Bandura, des lautenförmigen ukrainischen Nationalinstruments. Im Juni richtet die Stadt in der parkähnlichen Anlage ihre EM-Fanmeile ein. Doch vorerst gehört der Boulevard Müßiggängern und politischen Parteien. Vor allem Aktivisten der Swoboda-Bewegung verteilen hier ihre Flugblätter.

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Juri Michaltschischin

Juri Michaltschischin ist trotz seiner erst 29 Lebensjahre bereits einer der führenden Ideologen der Regionalpartei,die im Stadtrat gut ein Viertel der Abgeordneten und damit die stärkste Fraktion stellt. Die Unterstützung für die Gruppierung ist in Lwiw groß, auch wenn sie sich landesweit an der Fünf-Prozent-Hürde abarbeitet. „Swoboda heißt Freiheit“, erklärt Michaltschischin. Sein Blick ist ernst und entschlossen, der Händedruck kräftig. Wir wollen in der Ukraine einen Sozialnationalismus errichten“, sagt der junge Politikwissenschaftler. Aber ist Freiheit für ihn auch die Freiheit der Andersdenkenden?

„Wir streben eine soziale Marktwirtschaft und eine echte Demokratie an“, versichert Michaltschischin. Doch er sagt auch: „Die Ukraine soll vor allem für die Ukrainer da sein. Ukrainertum bedeutet ukrainisches Blut und Bewusstsein.“ Und das gelte auch für die Menschen im prorussischen Osten des Landes, aus dem der regierende Präsident Viktor Janukowitsch stammt. Dem Staatschef attestiert Michaltschischin eine „autoritäre Sowjetmentalität“.

Kritiker werfen Swoboda ihrerseits neofaschistische Tendenzen vor. Es ist nicht lange her, dass Michaltschischins Parteifreund Juri Sirotjuk den Ausschluss der ukrainischen Sängerin Gaitana vom Eurovision Songcontest forderte. „Durch ihre dunkle Hautfarbe wird die Ukraine mit Afrika assoziiert, das geht nicht“, ätzte Sirotjuk.

Es ist nicht leicht, in der EM-Stadt Lwiw die gesellschaftlichen Grundströmungen auszumachen und ihre Richtung zu bestimmen. Als Orientierungsmarke kann das monumentale Stepan-Bandera-Denkmal unweit des Hauptbahnhofs dienen. Die Skulptur des Freiheitskämpfers steht vor einem 30 Meter hohen Triumphbogen. „Bandera ist unser Held. Wir sind Bandera-Stadt“, sagt der 24-jährige Kolja, ein Geschichtsstudent, der in der Frühlingssonne an dem 2007 errichteten Mahnmal vorbeischlendert. Eine überwältigende Mehrheit der Bürger von Lwiw würde diese Sätze vermutlich unterschreiben.

Bandera stritt vor allem für eine unabhängige Ukraine. Im so lange fremdbestimmten Galizien zählt das viel. Doch es bleibt eine westukrainische Sichtweise. Im Osten des Landes gilt der 1959 von einem sowjetischen Agenten ermordete Nationalist als Verräter, weil er zeitweise mit den Nazis paktierte. Die Deutschen allerdings sperrten ihren vermeintlich willigen Helfer Bandera während des Krieges ins KZ, weil sie dessen Kampf für eine unabhängige Ukraine nicht dulden wollten.

War Bandera Held oder Schurke? Fest steht wohl: Das verzweifelte Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit hat ihn auf Um- und Abwege geführt. Und auf verschlungenen Pfaden suchen viele Menschen in Lwiw auch heute wieder nach ihrer Identität zwischen Ost und West. In einer finsteren Ecke der UPA-Untergrundkneipe „Kryiwka“ prangt ein verblasster Aufkleber an der Wand, der zur Unterstützung der orangenen Revolution aufruft. Bald acht Jahre muss er alt sein.

Die Demokratiebewegung nahm 2004 in Lwiw ihren Ausgang. Doch die Erhebung der Orangenen gilt nach ihrem vorübergehenden Triumph als gescheitert. Präsident ist heute der Ostukrainer Janukowitsch. Ihren Frohsinn und Optimismus haben die Westukrainer dennoch nicht verloren. „Man sieht sich im Leben oft zweimal“, sagt die Kellnerin im UPA-Shirt. Dann zieht sie eine Weltkriegs-Handgranate hervor und bietet die Attrappe für 25 Euro zum Kauf an.

Lwiw kompakt:
In Lemberg (ukrainisch: Lwiw) lebt rund eine Dreiviertelmillion Menschen. Der Stadtname geht auf den Sohn Lew (Löwe) des slawischen Gründerfürsten Daniil zurück. Im Namen spiegelt sich aber auch die verworrene Geschichte der galizischen Metropole. In Mittelalter und Früher Neuzeit war die Stadt polnisch (Lwów, sprich: Lwuw), seit 1772 als Lemberg österreichisch. Zwischen den Weltkriegen dominierten wieder die Polen, bevor die Stadt als russisch bezeichnetes Lwow der ukrainischen Sowjetrepublik zufiel. Vergessen wird darüber oft, dass bis zum Holocaust des 20. Jahrhunderts teilweise mehr als 100.000 Juden im jiddisch so genannten Lemberik lebten.
Die im Weltkrieg nur wenig zerstörte Altstadt von Lwiw/Lemberg gehört seit 1998 zum Unesco-Weltkulturerbe. Unbedingt sehenswert ist der historische Marktplatz mit dem alles beherrschenden spätklassizistischen Rathaus. Berühmtester Bürger von Lwiw ist der 2006 verstorbene jüdisch-polnische Schriftsteller und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem.
Das EM-Stadion in Lwiw gehörte lange zu den Problemzonen der ukrainischen Turnierorganisatoren. Nach langem Hin und Her um die Finanzierung konnte es erst im Oktober 2011 eröffnet werden und ist noch immer nicht vollständig fertig gestellt. Die Arena fasst 34.000 Zuschauer und ist Austragungsort von drei Vorrundenspielen der Gruppe B (Deutschland- Portugal, Dänemark-Portugal, Deutschland-Dänemark).
Internet-Tipps für alle EM-Reisenden nach Lwiw: www.touristinfo.lviv.ua/de, http://uefaeuro2012.lviv.ua/de/main, www.euro2012.ukrinform.ua/en, www.eway.in.ua/en/cities/lviv, www.hotelsukraine.com.ua/en

 

One comment

  1. Ich möchte fragen dich, Ulrich. Und was werden sie, Deutsche, machen, wann die Zahl (procent) Türken, und anderen Nichtdeutsche, meistens aus Asien, noch höher wird? Und sie alle werden dein Land auf eigene Weise überbauen…
    Ja, natürlich! Die Ukrainer ist eine schlechte Nation. Aber nach meiner Meinung nur damit, dass jahrhundertlang dem Fremden auf Kopf sich lasste. Und wann das zu höhe Punkt kam, war viel Blut. Es tut mir leid… Doch anders das konnte nicht sein! Sie, Deutsche… auch Polen, Franzosen, andere… macten in unsre Situation dasselbe. Und merke dir, daß wir als Nation heute weiter fallen. Wir können verlieren gewönliche für allen anderen Sachen (z.B für sie, Deutsche): Sprache, Freihet, verschiedene Freiheit! Unsere Geschicte sreibt für uns schon in Moskau. Innere Politik auch unter Kntrolle, und keine Äußerne… Es fehlt mir die Worte, um das alles zu erklären!
    Alle sehen usres Leben eigene Augen. Ich, Ukrainer, habe Verwandrte Polen im Poland (die verlieren Lwiw wehrend Krieg). Das sind normale Menschen, gebildet… doch in der Ukrainische Frage vole Mißverstendniss. Aber ich liebe sie.
    Ich habe auch Verwandte im Rußland. Die sind Russe. Die seufzen immer nach USSR, und können nicht verchtehen, warum ich keine Liebe zu heutige Russische Imperie habe. Doch Das stört mich nicht ihnen zu lieben auch.
    Und sie, Deutsche! Mit welchen Augen uns sehen? Polnische? Russische?
    Vitalis. Lwiw.

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