Deutsch-ukrainischer Ärztestreit um Timoschenko entbrannt

Neue Runde im Ringen um Julia Timoschenko: Eine Gefängnisärztin in Charkiw wirft dem Berliner Charité-Chef Karl Einhäupl politisch motivierte Medizin vor. Der Angegriffene nennt die Attacke absurd.

Zwischen deutschen und ukrainischen Ärzten ist ein Streit über den Gesundheitszustand und die Behandlung von Julia Timoschenko entbrannt. Kurz vor Beginn eines weiteren Prozesses gegen die Oppositionsführerin am Donnerstag warf die zuständige Gefängnisärztin am Gerichtsort Charkiw ihren Kollegen von der Berliner Charité Verstöße gegen die medizinische Ethik aus politischen Gründen vor. „Einerseits behaupten sie, eine Therapie sei dringend erforderlich. Andererseits verschieben sie ihre Entscheidungen bewusst um fünf Tage, um sich mit irgendjemandem (politisch) zu beraten. Als Ärztin fällt es mir schwer, diese Position zu verstehen“, sagte Tatjana Demtschenko, die Timoschenko im Straflager 54 in Charkiw betreut, der Nachrichtenagentur Interfax.

Charité-Chefarzt Karl Einhäupl wies den Vorwurf auf Anfrage „entschieden zurück“. Eine medizinische Stellungnahme erfordere „insbesondere in einem so umstrittenen Fall“ Zeit. „Der Vorwurf des Hinauszögerns der Diagnose ist absurd“, sagte Einhäupl. Es hätten ausschließlich medizinische Gesichtspunkte eine Rolle gespielt. Der Charité-Chef und der Orthopäde Norbert Haas hatten Timoschenko am vergangenen Freitag besucht und die medizinischen Einrichtungen vor Ort inspiziert.

Am Mittwoch schickte die Charité-Leitung ihr Gutachten an die ukrainischen Justizbehörden, die eine Verlegung der Gefangenen in eine Klinik in Charkiw planen. Eine Veröffentlichung seiner Stellungnahme lehnte Einhäupl ab, solange keine Antwort aus der Ukraine vorliege. Der Arzt hatte allerdings bereits am Wochenende gesagt, Timoschenko sei „sehr krank und nicht verhandlungsfähig“. Die 51-Jährige leidet an starken Rückenschmerzen und hat nach Angaben ihrer Familie einen Bandscheibenvorfall erlitten.

Gefängnisärztin Demtschenko empörte sich vor allem über den „politischen Aspekt“, den die Berliner Mediziner der Erkrankung ihrer Patientin zugeschrieben hätten. Einhäupl hatte nach seinem Besuch in Charkiw gesagt, im Fall Timoschenko gebe es „einen Dreiklang“. Zu berücksichtigen seien „der physische Zustand, der psychische Zustand und die politische Dimension“. Demtschenko mutmaßte nun: „Möglicherweise haben sich die deutschen Ärzte wegen der politischen Komponente geweigert, Timoschenko sofort zu therapieren.“

Die Bundesregierung verhandelt nach eigenen Angaben mit Kiew über eine Behandlung der prowestlichen Oppositionspolitikerin in der Berliner Charité. Dennoch betonte Einhäupl: „Der Vorwurf, unsere Stellungnahme zuerst mit politischen Gremien abzustimmen, entbehrt jeder Grundlage.“

Fakt ist: Im Falle einer rechtskräftig festgestellten Verhandlungsunfähigkeit könnte der für den heutigen Donnerstag angesetzte zweite Prozess gegen Timoschenko nicht beginnen. Dazu müssten sich allerdings die ukrainischen Amtsärzte der Einschätzung Einhäupls kurzfristig anschließen. Das gilt als unwahrscheinlich. In Kreisen von Timoschenkos wichtigstem Gegenspieler, dem prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, hieß es am Mittwoch, die Diagnose der Berliner Ärzte sei „inoffiziell und voreilig“. Timoschenko werde es nur dann gelingen, sich der Strafverfolgung zu entziehen, wenn sie für unzurechnungsfähig erklärt werde.

Die Staatsanwaltschaft wirft der ehemaligen Regierungschefin in dem neuen Verfahren vor, in den 90er Jahren als Chefin eines Energieunternehmens EESU Steuern in dreistelliger Millionenhöhe hinterzogen zu haben. Ihr drohen bis zu zwölf Jahre Haft. Timoschenkos Anwalt Sergei Wlasenko nannte die Beschuldigungen „völlig absurd“. Seine Mandantin sei in dem fraglichen Zeitraum Abgeordnete und nicht für EESU tätig gewesen, sagte er auf Anfrage. Timoschenko ließ am Mittwoch mitteilen, sie werde in keinem Fall an der Verhandlung im Gerichtssaal teilnehmen. Beobachter vermuten, dass Janukowitsch mit Hilfe der von ihm abhängigen Justiz Timoschenko politisch handlungsunfähig machen will. Im Herbst wird in der Ukraine ein neues Parlament gewählt.

Eine Verurteilung in dem EESU-Prozess würde es Janukowitsch zugleich erlauben, den im Westen scharf kritisierten ersten Schuldspruch aufheben zu lassen. Ein Kiewer Gericht hatte Timoschenko im vergangenen Herbst zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil sie beim Abschluss eines russisch-ukrainischen Gasvertrags ihr Amt als Ministerpräsidentin missbraucht haben soll. Die EU spricht von einem Akt politisch motivierter Rachejustiz und macht die weitere Annäherung zwischen Kiew und Brüssel von der Freilassung Timoschenkos abhängig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.