EM-Stadt Danzig: Eine neue Zeitrechnung

Während der Fußball-Europameisterschaft schlägt die deutsche Nationalelf im Juni ihr Quartier in Danzig auf. In Teil 1 einer Reportageserie aus den EM-Spielorten begebe ich mich auf Spurensuche in der Stadt, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg entfesselten.

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Die EM-Stadt Danzig bezaubert Besucher vor allem durch ihre Altstadt (im Hintergrund die Merienkirche).

Das Auto gerät immer stärker ins Holpern und Hüpfen. Über Kopfsteinpflaster und Schlaglöcher führt der Weg immer tiefer in einen Wald. Doch dann tut sich unvermittelt eine Lichtung auf. Das „Freudental“ umfängt den Besucher mit einem frischen Luftzug, der von der nahen Ostsee herüberweht. Bäche schlängeln sich zwischen reetgedeckten Landhäusern hindurch und lassen ein sanftes Plätschern hören. „Es ist wahrhaftig ein Tal der Freude“, sagt Maja Lubomańska zur Begrüßung.

Die junge Frau ist PR-Managerin des Fünf-Sterne-Hotels „Dwór Oliwski“. Hier, am Rande von Danzig, wird während der Europameisterschaft im Juni die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Quartier beziehen. Der DFB hat das komplette Anwesen bis zum Finale am 1. Juli gebucht. Ein ausgedehnter Fitnessbereich mit Schwimmbad, Whirlpool und Sauna gehört ebenso dazu wie ein separater Restaurant- und Küchenkomplex. Zwei Golfplätze gibt es in der Nähe, und die rustikale Rumpelzufahrt erleichtert notfalls die Abschottung. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

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Dwor Oliwski: Blick in eines der Zimmer, in denen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Juni ihr Quartier bezieht.

Tatsächlich hat es vor allem praktische Gründe, dass sich die deutschen Fußballer während der EM in Danzig niederlassen. „Die Abgeschiedenheit und die Ostseeluft, das ist genau das Richtige, um zwischen den Spielen durchzuatmen“, sagt Niersbach. Auch die Danziger sind „glücklich darüber, dass die Deutschen hier sein werden“, erklärt Bürgermeister Paweł Adamowicz im Gespräch. Doch wer aus dem „Freudental“ im Vorort Oliwa mit einem Schlenker an der Ostsee entlang in die Danziger Altstadt fährt, den kann ein mulmiges Gefühl beschleichen. Der Blick wandert hinüber zur Westerplatte, jener Halbinsel, mit deren Beschuss am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ nahm Polen ins Visier. Die Wehrmacht überrannte das Land kurz darauf und eröffnete einen nie da gewesenen Vernichtungskrieg. Kann man in Danzig wirklich „glücklich“ über die Anwesenheit der Deutschen sein?

Andrzej Januszajtis nähert sich der Frage auf Umwegen. Der alte Mann bittet zu einem Treffen vor St. Marien. Die mittelalterliche Backsteinkirche im Herzen der Hansestadt gehört zu den größten und schönsten Gotteshäusern Europas. Von der Ostsee weht auch hier ein scharfer Wind herüber, bündelt sich in den engen Gassen und treibt Januszajtis Tränen in die Augen. Doch selbst im Schutz der mächtigen Mauern von St. Marien verschwindet der Schleier nicht aus seinem Blick. Als der 83-Jährige die himmelwärts strebenden Gewölbe betritt, ist seine Seele sichtlich bewegt. Dabei kennt er jeden Pfeiler und jede Skulptur, so oft war er hier.

Januszajtis ist das, was man ein Urgestein nennt, auch wenn er nicht in Danzig geboren ist und „erst“ seit rund 65 Jahren in der Stadt lebt. Nach dem Sturz des Kommunismus war der Universitätsdirektor fünf Jahre lang Vorsitzender des Stadtrats. Inzwischen hat er sich auf die Erforschung der 1000-jährigen Geschichte seiner Heimat verlegt – aus polnischer Perspektive, wie er betont, denn trotz seines litauischen Namens und seines Geburtsortes Lida im heutigen Weißrussland sei er „unzweifelhaft ein Pole“.

Die Marienkirche ist für Januszajtis Inbegriff Danziger Geschichte. Schnell steuert er das Seitenschiff an. „Das dort ist mein Lieblingskind“, sagt er und weist auf einen hohen Holzkasten mit Zeiger. Abbildungen der Tierkreiszeichen und der Mondphasen sind darauf zu erkennen. „Es ist eine astronomische Uhr aus dem 15. Jahrhundert. Wir haben sie rekonstruiert“, sagt der emeritierte Physik-Professor nicht ohne Stolz.

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Andrzej Januszajtis vor der astrologischen Uhr in der Danziger Marienkirche.

Als sich die Überreste des Kunstwerks lange nach der Zerstörung im Weltkrieg wiederfanden, richteten Januszajtis und seine Freunde die Uhr in mühevoller Kleinarbeit wieder her. Das war in den finsteren 80er Jahren, als in Polen nach dem Danziger Solidarność-Aufstand das Kriegsrecht herrschte. „1990 begannen die Zeiger wieder zu laufen“, erzählt er. Ausgerechnet 1990, als nicht nur in der Marienkirche, sondern in Polen und ganz Europa nach einem halben Jahrhundert des Kalten Krieges eine neue Zeitrechnung begann.

Die kurzen, festen Schritte von Andrzej Januszajtis hallen im Kirchengewölbe lange nach. Der alte Mann selbst scheint eher das Echo der Vergangenheit zu hören. Er berichtet von den immer wieder wechselnden Loyalitäten der Stadt zu deutschen und polnischen Herrschern, zu Ordensrittern und Hansekaufleuten, zum Papst in Rom und zu protestantischen Preußen. Das 1000-jährige Danzig  wird in diesen Erzählungen zu einer Art Resonanzraum europäischer Geschichte und Kultur. Und der Weltkrieg, den Hitler und die Deutschen entfesselten?

Es zieht Januszajtis zurück zu seinem „Lieblingskind“, der astronomischen Uhr. Im Zentrum der Kalenderscheibe prangt eine Muttergottesfigur. „Wir wollen die Versöhnung mit den Deutschen“, sagt er. „Die Alten sterben ohnehin aus. Sollen wir unseren Hass mit ins Grab nehmen?“ Die Anwesenheit der deutschen Nationalmannschaft ist für Januszajtis „kein Problem, natürlich nicht!“

Dabei hätte der 83-Jährige Grund genug zu Rachegefühlen. „Die Nazis haben fast die gesamte Familie meiner Mutter ermordet. Meine Tante haben sie auf offener Straße erschossen. Mein Vater hat im KZ sechs Monate durchgehalten. Dann wurde er krank, und sie haben ihm eine Spritze ins Herz gesetzt. Das war damals üblich. Bis heute habe ich seine Häftlingsnummer im Kopf. 19288 – ich werde diese Zahl nie vergessen“, sagt Januszajtis und schweigt eine Weile. „Aber wie lange kann man hassen?“, fragt er dann. „Am Ende des Krieges habe ich beschlossen, nicht mehr zu hassen. Weil der Hass mich selbst zerstört.“

Januszajtis weiß auch um das Leid der anderen. „Wir haben in Deutschland viele Freunde unter den vertriebenen Danzigern“, erzählt er. „Als Pole kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Vertreibung ist ein Unrecht. Ich bin als Junge während des Krieges selbst dreimal zwangsumgesiedelt worden. Ich bedauere die Vertreibung der Deutschen. Für mich ist das eine Tragödie.“

Die Frage, ob Danzig eine genuin deutsche oder eine polnische Stadt sei, lässt Januszajtis nicht gelten. „Der Nationalismus ist ein Kind des 19. Jahrhunderts“, sagt er. „Und nun hat in Danzig ohnehin eine neue, eine europäische Zeitrechnung begonnen“, fügt Januszajtis hinzu. Dann wandert sein Blick wieder zur astronomischen Uhr. „Wir haben hier nur ein Problem“, erklärt der alte Mann und lächelt verschmitzt. „Unsere Danziger Uhr geht eine halbe Stunde pro Jahr nach. Wir müssen die Differenz zur echten Zeit immer wieder mechanisch ausgleichen.“ Die Uhren, so hat es den Anschein, ticken in Danzig auch in der neuen Zeit ein klein wenig anders.

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Panoramablick über die EM-Stadt Danzig.

Danzig kompakt:
In Danzig (Gdańsk) leben 460.000 Menschen. Die Stadt wird jedoch meist als Kern einer Metropolregion mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern begriffen. Zu dieser sogenannten Dreistadt (Trójmiescie) gehören der Kurort Sopot und die Hafenstadt Gdingen. Touristisches Muss ist die Altstadt mit Frauengasse und Langmarkt. Dort hat auch der berühmteste Danziger sein Büro: Friedensnobelpreisträger Lech Wałesa, der mit seiner Solidarność den Weg in die friedliche Revolution von 1989 bereitete. Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass, ebenfalls in Danzig geboren, ist Ehrenbürger der Stadt.
Das Danziger EM-Stadion, die nach einem Stromkonzern benannte PGE Arena, fasst 44.000 Zuschauer und ist Spielstätte des Erstligavereins KS Lechia Gdańsk. Drei Vorrundenspiele der Gruppe C (Spanien, Italien, Irland, Kroatien) und ein Viertelfinale werden dort ausgetragen. Vom 8. Juni an bis zum Finale am 1. Juli richten die Veranstalter auf dem plac Zebrań Ludowych nördlich der Danziger Altstadt eine Fanmeile für 30.000 Gäste ein.
Internet-Tipps für alle EM-Reisenden nach Danzig: www.polishguide2012.pl, www.inyourpocket.com/poland/gdansk, www.sopot.pl, www.de.gdansk.gda.pl, www.gdynia.pl/de, www.uefaeuro2012.gdansk.pl/de
Literaturhinweis: Peter Oliver Loew, Danzig – Biografie einer Stadt. München 2011 (Verlag C.H. Beck), ISBN 9783406605871, 24,95 Euro

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