Mörder und Lügner

Zwei Jahre nach dem Kaczynski-Absturz spaltet das Gedenken an die Flugzeugtragödie von Smolensk Polen noch immer.

Die polnische Politik inszeniert ihre Unversöhnlichkeit: Am zweiten Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smolensk haben sich Regierung und Opposition am Dienstag einen Wettlauf um das „richtige“ Gedenken geliefert. Parteien, Medien und Luftfahrtexperten entfachten zugleich einen neuen Streit über die Unglücksursache. Bei dem Absturz der Präsidentenmaschine waren am 10. April 2010 Staatschef Lech Kaczynski, seine Frau Maria und 94 weitere hochrangige Vertreter der polnischen Nation ums Leben gekommen.

Der rechtskonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski sprach offener als je zuvor von einem „Mord“ an seinem Bruder. Absolute Gewissheit habe er zwar nicht, gab der ehemalige Regierungschef zu. „Alles deutet aber auf einen Anschlag hin“, sagte Kaczynski, der auch zwei Jahre nach der Tragödie weiterhin Schwarz trägt. „Ich werde immer in Trauer bleiben. Der Verlust eines Zwillingsbruders ist ein Schmerz, den man sein ganzes Leben über empfindet“, erklärte der 62-Jährige. Ähnlich erschüttert zeigte sich die Tochter des verunglückten Präsidentenpaares, Marta Kaczynska. Die 31-Jährige betete am Grab ihrer Eltern in der Krakauer Königsgruft Wawel. „Die Bilder sind sofort wieder präsent. Da kommt man schnell ins Grübeln“, sagte Kaczynska.

Die Bilder, das sind die Szenen von den Wrackteilen der Tupolew 154 im westrussischen Smolensk. In dichtem Nebel hatte Pilot Arkadiusz Protasiuk an jenem verhängnisvollen Samstagmorgen um 8.41 Uhr zu landen versucht, obwohl die Lotsen davon abgeraten hatten. Der miserabel ausgestattete ehemalige Militärflugplatz verfügte nicht über die technischen Hilfsmittel, um die Maschine sicher lenken zu können. Protasiuk steuerte  aufgrund verzögerter und falscher Angaben aus dem Tower zu tief. Das Flugzeug streifte eine Baumgruppe und zerschellte.

So schildern polnische und russische Experten den Unglückshergang. Jaroslaw Kaczynski und seine Gesinnungsgefährten sind dagegen davon überzeugt, dass der polnische Präsident in Smolensk in eine Falle gelockt wurde. Sie sprechen wahlweise von einer Bombenexplosion, von bewusster Fehlsteuerung durch die Lotsen oder sogar von künstlich erzeugtem Nebel, der dem Kaczynski-Flieger zum Verhängnis geworden sei. Beweise gibt es dafür nicht. Als Schuldige benennen die meisten Verschwörungstheoretiker die russische Staatsführung, möglicherweise im Zusammenspiel mit der Regierung von Kaczynskis Gegenspieler Donald Tusk.

Am Vorabend des zweiten Jahrestages der Smolensk-Katastrophe protestierten rund 700 aufgebrachte Kaczynski-Anhänger vor der russischen Botschaft in Warschau und ließen dabei eine Puppe von Kreml-Chef Wladimir Putin in Flammen aufgehen. Dem offiziellen Polen um Tusk und Präsident Bronislaw Komorowski fiel es angesichts dieser Attacken nicht leicht, ein angemessenes Gedenken an die Opfer zu zelebrieren. Am Dienstag nahmen beide an einem Gottesdienst in einer Warschauer Militärkathedrale teil. Eine Regierungsdelegation flog mit Angehörigen der Opfer nach Smolensk, um vor Ort Blumen und Kränze niederzulegen.

Linksliberale Medien attackierten Kaczynski und seine Unterstützer als „Lügner“ und lenkten die Diskussion über die Unglücksursache in eine völlig andere Richtung: „Was sie zur Landung genötigt hat“, titelte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Dabei schwang erneut der Vorwurf mit, Präsident Kaczynski selbst könnte das riskante Flugmanöver im Nebel befohlen und den Absturz verursacht haben. Das Blatt zitierte einen Satz von Kaczynskis Protokollchef, den der Stimmrekorder vor dem Landungsversuch aufgezeichnet hat: „Eine Entscheidung des Präsidenten, was mir machen werden, liegt noch nicht vor.“

Hat Kaczynski anschließend entschieden, „was mir machen werden“? Klarheit darüber gibt es bis heute nicht. Noch immer ermitteln polnische und russische Staatsanwälte. Noch immer streiten Sachverständige über die Aufzeichnungen des Stimmrekorders. Viel spricht dafür, dass sich der angetrunkene Luftwaffenchef Andrzej Blasik beim Landungsversuch im Cockpit aufgehalten und Druck auf den Piloten ausgeübt hat. Doch bewiesen ist auch das nicht.

Der sozialistische Europaabgeordnete Wojciech Olejniczak bemühte angesichts dieser verwirrenden Faktenlage den gesunden Menschenverstand, um die Mordtheorie zu widerlegen. 2010 habe ohnehin eine Präsidentenwahl bevorgestanden, erklärte er und argumentierte: „Von allen Kandidaten hatte Amtsinhaber Kaczynski die schlechtesten Umfragewerte. Um ihn aus dem politischen Leben zu eliminieren, hätte es keine besonderen Anstrengungen gebraucht. Er hätte die Wahl demokratisch verloren.“

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