„Töten Deutsche keine Hunde?“

Boykottaufruf vor der Fußball-Europameisterschaft: Der Streit um Tiermorde in der Ukraine spitzt sich erneut zu.

Die Männer wuchten eine Steinplatte vom Schacht der ehemaligen Chemikalien-Deponie. Der Blick fällt hinunter auf einen Kadaver-Berg, in dem sich Fell und Blut mischen. Tote Tieraugen starren zurück. „Erschossene, erhängte, vergiftete Hunde und erschlagene Welpen liegen  in diesem Massengrab“, irgendwo in den entlegenen Weiten der ostukrainischen Provinz. So zumindest berichtet es die deutsche Tierschutzorganisation Peta und liefert ein Video gleich mit.

Die Botschaft, die Peta dieser Tage verbreitet, ist eindeutig: Die ukrainische Regierung hat ihr Versprechen, die brutalen Hundetötungen im Land zu unterbinden, nicht eingelöst. Um den vermeintlichen „Massenmord“ zu stoppen, fordern die Tierschützer nun vom Deutschen Fußball-Bund, seine „Teilnahme an der Europameisterschaft zu überdenken“. Die Ukraine, die das Turnier im Juni gemeinsam mit Polen ausrichtet, war bereits im vergangenen Jahr wegen der Tötung tausender Straßenhunde in die Schlagzeilen geraten. Von mobilen Tierkrematorien war damals die Rede. Sinn und Zweck der Operation war nach Ansicht der Kritiker die „Säuberung“ der EM-Städte Lemberg, Kiew, Charkiw und Donezk.

Oleg Beresjuk schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er diese „an den Haaren herbeigezogenen Skandalgeschichten“ hört. Der redegewandte Kommunikationsdirektor der Lemberger Stadtverwaltung spricht von einer „Hunde-Hysterie“, die sich vor allem in Deutschland und Österreich breitgemacht habe. Für Beresjuk ist das besonders unangenehm, denn in der alten Habsburger-Metropole Lemberg tritt die deutsche Nationalelf im Juni zu zwei Vorrundenspielen an. „Wir freuen uns riesig auf die Fans“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung und beklagt, dass „diese Horrorberichte so viel kaputt machen“.

Die Tierschützer von Peta ihrerseits rufen die Fußball-Fans zum aktiven Widerstand gegen die Hundetötungen auf. Unterstützer hätten bereits 100.000 Protest-E-Mails an den DFB versandt, vermeldet Peta. Die Organisation räumt zwar ein, dass sich die Lage „in Kiew entspannt hat“. Andernorts gehe das Morden aber weiter. Und auch wenn Peta vor allem aus dem Osten der Ukraine berichtet, fühlt sich Beresjuk in Sippenhaft genommen. „Lemberg hat schon vor vier Jahren als erste Stadt in der Ukraine eine eigene Sterilisationsklinik eingerichtet“, sagt er und fragt provozierend: „Werden in Deutschland und Österreich etwa keine Hunde getötet? Das glaubt doch kein Mensch!“

Schützenhilfe bekommt Bresjuk in seinem Kampf gegen die „Skandalisierung“ unter anderem von Bloggern der Universität Wien. Auf dem Höhepunkt der Hundedebatte im vergangenen Herbst wiesen sie nach, dass zahlreiche westliche Medienberichte über die Tiermorde übertrieben waren und die Macher teilweise mit gestellten oder gefälschten Bildern arbeiteten. Die Tierschützer von Peta setzen vor allem auf Emotionen. Das jüngste Beweisvideo aus der Ostukraine beginnt mit einem herzzerreißenden Vorspann, der Hundeleichen am Straßenrand, im Müllcontainer und auf einem Spielplatz zeigt, während im Hintergrund ein Kleinkind schaukelt. Unterlegt ist das Ganze mit trauriger Klaviermusik.

Die ukrainische Justiz hat unterdessen einen ersten Prozess gegen einen sogenannten Doghunter eröffnet. Diese privaten Hundejäger töten angeblich gezielt Straßenhunde. Auftraggeber sollen besser betuchte Bürger sein, die in ihren Stadtvierteln keine Streuner dulden wollen. Tierschützern zufolge hat aber im vergangenen Jahr auch der Staat auf die Arbeit der Hundekiller vertraut. In Kiew muss sich nun ein 19-Jähriger vor Gericht verantworten, der rund 30 Tiere abgeschlachtet haben soll. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass es sich um eine Art Schauprozess handelt, mit dem die Behörden vor der Europameisterschaft Tatkraft  demonstrieren wollen. Die Botschaft könnte lauten: „Seht her, wir tun alles, um die Probleme in den Griff zu bekommen, und ihr diffamiert uns trotzdem.“

Wer recht hat in diesem Meinungskrieg, ist schwer auszumachen. Belastbares Faktenmaterial über die Situation der Straßentiere in der Ukraine gibt es nicht. Rund 200.000 heimatlose Hunde soll es im Land geben. Offenkundig ist, dass die meisten Tierheime in einem verheerenden Zustand sind. Wenn es denn überhaupt Asylstationen gibt, so sind sie heillos überfüllt. Viel spricht dafür, dass in den wenigen Heimen tatsächlich gezielt getötet wird. Das lässt schon die Situation im zweiten EM-Gastgeberland erahnen. Im EU-Staat Polen ist die Lage in vielen Tierstationen kaum besser. Dort allerdings ist es amtlich: Polens Oberste Kontrollbehörde NIK hat im vergangenen Jahr einen Bericht vorgelegt, dem zufolge jeder vierte Hund in polnischen Tierheimen vorzeitig stirbt oder gezielt getötet wird.

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