Ein Pole, ein Ungar – zwei Brüder

Die Nachbarländer im östlichen Mitteleuropa pflegen eine jahrhundertelange Freundschaft, die auch in Krisenzeiten hält.

Im rot-weiß-grünen Fahnenmeer vor dem Budapester Parlamentsgebäude sind die weiß-roten Banner der Polen schwer auszumachen. Dennoch brandet spontan Beifall auf, als die Gäste auf den Kossuth-Platz marschieren. „Danke, danke!“, ruft eine ältere Budapesterin in gebrochenem Polnisch und murmelt: „Ein Pole, ein Ungar – zwei Brüder“. Es ist der Anfang eines mittelalterlichen Spruchreims, den es in beiden Sprachen gibt. Und an diesem 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag, beschreibt er die Szenen auf dem Kossuth-Platz perfekt.

Die rechtsnationale Zeitung „Gazeta Polska“ hat mit 2000 Teilnehmern eine „Große Fahrt nach Ungarn“ organisiert, um den rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orban in seinem Kampf gegen „linke Hetzer“ zu unterstützen. Die „Gazeta Polska“ steht Polens nationalkonservativem Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski nahe. Und der hat Orban zu seinem Vorbild erkoren. „Wir werden in Warschau ein zweites Budapest erleben“, verkündet er. Wie Orban in Ungarn, so werde auch er in Polen eine „nationale Revolution“ zum Erfolg führen. Der ungarische Ministerpräsident dankt es den „Brüdern“ an diesem sonnigen Nationalfeiertag mit dem Ruf: „Gott segne Polen!“

Doch die ungarisch-polnische Freundschaft trägt auch unabhängig von patriotischen Schwüren. Erst vor wenigen Tagen hat sich Polen im Kreise der EU-Finanzminister als einziges Land enthalten, als die Runde dem Defizitsünder an der Donau eine halbe Milliarde Euro an Beihilfen sperrte. Regierungschef Donald Tusk sagt: „Ungarn kann immer mit unserer Solidarität rechnen.“ Tusk aber ist völlig unverdächtig, nationalistische Aufwallungen zu bedienen, wie Kaczynski dies tut.

Die Achse Budapest-Warschau funktioniert. Das hat Gründe. Und es hat eine Tradition, die so alt ist wie der Satz von den zwei Brüdern. Um das Jahr 1000 wurden beide Länder fast zeitgleich christianisiert. In den Wirren der Reformation prägte sich hier wie dort ein national-katholisches Sendungsbewusstsein aus. Im 19. Jahrhundert begann eine gemeinsame Leidenszeit. Das geteilte Polen litt unter der Fremdherrschaft von Preußen, Russen und Österreichern. Die Habsburger-Monarchie hielt derweil auch in Ungarn das Zepter in der Hand. 1848 stiegen polnische und ungarische Freiheitskämpfer gemeinsam auf die Barrikaden – vergeblich.

Der parallele Kampf für die Freiheit setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort, als beide Länder zum sowjetischen Machtbereich gehörten. 1989 schüttelten Polen und Ungarn die Fremdherrschaft am Runden Tisch ab. Weil jedoch die Reformer in Budapest wie in Warschau auf eine Generalabrechnung mit den Kommunisten verzichteten, blieben hier wie dort Wunden offen. In Polen und Ungarn gab es postkommunistische Profiteure, die einst zur Parteinomenklatura gehört hatten und nun ihr Beziehungsgeflecht nutzten, um sich das ehemalige Volkseigentum anzueignen und Millionenreichtümer anzuhäufen. In beiden Gesellschaften nagt diese nicht aufgearbeitete Ungerechtigkeit bis heute am Zusammenhalt.

Orban macht damit Politik. Tusk ist das suspekt. Und dennoch: Obwohl sich der polnische Regierungschef gern als Vorzeige-Europäer präsentiert, mahnt er bei der EU-Kritik an Orbans  „nationaler Revolution“ immer wieder zur Mäßigung. „Es darf in Europa nicht mit zweierlei Maß gemessen werden“, sagt Tusk mit Blick auf die Brüsseler Strafmaßnahmen gegen Ungarn, die es in vergleichbaren anderen Fällen nicht gegeben habe.

Die Warnung ist Ausdruck einer urpolnischen Furcht, von den „Großen“ in Europa, von Russen, Deutschen, Franzosen und Briten, an den Rand gedrängt zu werden. In der Euro-Krise hat Tusk, dessen Land nicht zur Währungsunion gehört, erfolglos darum gekämpft, im geschlossenen Zirkel der Euro-Länder Gehör zu finden. Und so stützt er sich im Zweifel gern auf die jahrhundertealte Freundschaft mit Ungarn – und dies umso lieber, als sie nicht nur Kampf, sondern auch Vergnügen verspricht. „Ein Pole, ein Ungar – zwei Brüder…“ So beginnt die mittelalterliche Weise. Doch sie geht noch weiter: „Zwei Brüder, am Säbel und am Glas.“

2 comments

  1. Da pflichte ich meinem ungarischen Vorredner bei. Ein schöner Artikel.

    Ein Pole.

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