Häuserkampf im Warschauer Vorfrühling

Werbeplakate vor der Fensterfront machen es möglich: In der polnischen Hauptstadt tobt eine Facebook-Revolution der anderen Art.

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mir.

Plakatwand im Zentrum von Warschau. (Fotos: Krökel)

Vorfrühlingssonne kann etwas Herrliches sein.Wenn die ersten Strahlen Gesicht und Seele streicheln, ist so manche Wirrnis des Winters vergessen. Im eng bebauten Warschau gibt es nicht wenige Wohnungen, die diesen Effekt noch verstärken. Im März schafft es die Sonne dort erstmals, sich über die gegenüberliegenden Dächer zu erheben und durch die Fenster zu blinzeln. Licht strömt hinein, wo monatelang Düsternis herrschte.

Genau das ist es, wonach sich Antoni Hryniewiecki aus der Pulawska-Straße 43 fünf Jahre lang gesehnt hat. So lange nämlich hingen dort an der gesamten Fassade und damit auch vor Antonis Fenstern haushohe Werbeplakate. Die Motive wechselten von Zeit zu Zeit – je nachdem, welches Unternehmen die Mauer gerade gemietet hatte. Zuletzt offerierte eine japanische Bank ihr Kreditangebot. Antoni, Student der Psychologie, schaute von hinten auf eine riesige rote Sieben, die den Zinssatz markierte. Zu allem Überfluss strahlten nachts von außen Scheinwerfer die Kunstfaserplane an und warfen das rote Licht der Sieben ins Zimmer.

In Warschau sind derartige „Fassadenverschönerungen“ in Zeiten des polnischen Wirtschaftswunders gang und gäbe. Wer Geld hat, will werben, und zwar möglichst groß und sichtbar. Im Herzen der Hauptstadt, am Dmowski-Rondo und am Verfassungsplatz, ziehen sich die Plakatwände teilweise über 70 Meter hin.

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Verhängtes Haus am Dmowski-Rondo.

Diese Art von Kunst am Bau muss man nicht mögen.Mitunter ist sie aber ein echtes Glück, denn die Plakate verdecken manch schäbiges Gemäuer. Auch für die betroffenen Bewohner kann die Verhüllung einigermaßen lukrativ sein. 200 Zloty oder umgerechnet 50 Euro pro Fenster bekommen die Bannerträger monatlich als Mietminderung bar auf die Hand. Das sind immerhin fünf Prozent eines polnischen Durchschnittslohns. Wer zwei Fenster hat, kann im Büro oder am Fließband früher Feierabend machen.

Die Fachleute in der polnischen Bürokratie und Justiz streiten darüber, was bei alldem erlaubt ist und was nicht. Nach dem Buchstaben des Gesetzes sind die Mega-Plakate nur vor renovierungsbedürftigen Gebäuden zugelassen oder genauer: während der Fassadenerneuerungsarbeiten. Solche Werkeleien aber können sich bei gutem Willen jahrelang hinziehen. Warum nicht, wenn alle Seiten davon profitieren?

Dennoch sollte klar sein, dass man niemandem sein Fenster gegen dessen Willen verhängen darf. Antoni Hryniewiecki aber hat diesen Willen nun einmal nicht. „Ich möchte in die Welt schauen, nicht auf Kunststoffplanen“, sagt der Student – 200 Zloty hin oder her. Viele seiner Mitbewohner in der Pulawska-Straße 43 sehen das allerdings anders. Ihnen ist das Geld wichtiger als die Sonne. Die Hausgemeinschaft sprach sich deshalb für das Plakat aus. Die Behörden wiederum interessierten sich nicht weiter für den Abweichler Antoni. Die Werbung blieb hängen und die Sonne draußen.

Fünf Jahre lang ging das so. Nun aber verfiel der angehende Psychologe auf eine revolutionäre Idee. Er griff zum inzwischen weltweit bewährten Mittel der Facebook-Rebellion. Antoni legte in dem sozialen Netzwerk ein Profil an. Auf der Webseite nahm er zielsicher die plakatierende Bank ins Visier. 200 Freunde sammelte der junge Mann innerhalb kürzester Zeit. Das hört sich nicht revolutionär viel an, war dem Unternehmen aber wohl nicht geheuer – zumal die Hauptstadt-Presse Wind von der Sache bekam und das Thema aufgriff. Noch in der gleichen Woche rückten Arbeiter an und entfernten die Riesenplane.

So ganz mag Antoni dem Frieden noch nicht trauen. „Vielleicht tauschen sie das Motiv nur aus und hängen mir demnächst das Plakat eines Unternehmens vor die Nase, dessen Branche weniger krisenanfällig ist als der Bankensektor.“ Er will es abwarten. Fürs Erste aber kann der Warschauer Frühling kommen.

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