Quälende Zweifel und bohrende Fragen

Das verheerende Zugunglück in Südpolen hat eine Debatte über die tieferen Ursachen für die zahlreichen Katastrophen im Land entfacht.

Polen trauert. Nach dem schweren Zugunglück am Samstag mit mindestens 16 Todesopfern wehen die Flaggen an diesem Montag landesweit auf halbmast. Staatschef Bronislaw Komorowksi hat eine zweitägige Staatstrauer angeordnet und im Präsidentenpalast ein Kondolenzbuch auslegen lassen. Doch in den Schmerz mischen sich Zweifel und quälende Fragen. „Großer Gott, warum nur?“, titelt die Boulevardzeitung „Fakt“ und spricht damit vielen Menschen aus der Seele. Die Frage zielt nicht allein auf die Ursache für das schwer fassbare Unglück 80 Kilometer nördlich von Krakau. Dort deutet am Montag manches auf menschliches Versagen in der Fahraufsicht hin. Vor allem aber wollen die Polen an diesem Tag der Trauer wissen: Warum trifft es immer wieder uns?

Keine zwei Jahre ist es her, dass der Schock der Flugzeugkatastrophe von Smolensk die Nation bis ins Mark erschütterte. Im April 2010 starben beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine Staatschef Lech Kaczynski und weitere 95 hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch dabei blieb es nicht. Nur ein halbes Jahr später kamen 13 Menschen ums Leben, als ein polnischer Bus auf der Autobahn 10 bei Berlin verunglückte. Erinnerungen wurden wach an die Tragödie von Grenoble im Jahr 2007. Damals stürzte ein Reisebus mit 51 polnischen Pilgern an Bord in eine Schlucht. 27 Menschen verbrannten in dem Wrack.

Die Kette der Unglücksfälle ist vielen Polen unheimlich. Zwar gehört die Märtyrer-Rolle zum historischen Selbstverständnis des Landes. Nationaldichter Adam Mickiewicz prägte im 19. Jahrhundert gar den Begriff des „Christus der Völker“, der sich für die Freiheit aller opfere. Damals unterdrückten die europäischen Großmächte Preußen, Österreich und Russland das Unabhängigkeitsstreben der Polen. Seither gehören Leid und Trauer immer auch ein wenig zum guten Ton in Polen. Doch derzeit überwiegt der Unmut über das, was die Untersuchungskommission zu den Ursachen der Smolensk-Tragödie mit dem Begriff „polnisches Chaos“ zusammenfasste.

Nach dem Zugunglück vom Samstag greift diese Nachdenklichkeit auch auf die Politik über. „Eine solche Tragödie muss Anlass zu einer tieferen Reflexion darüber sein, in welchem Zustand sich unser Staat befindet“, sagt beispielsweise der rechtskonservative Europaabgeordnete Tadeusz Cymanskiego. Der Sozialist Ryszard Kalisz pflichtet ihm bei: „Wir brauchen weniger politischen Streit und Populismus. Wir brauchen einen rational organisierten Staat.“ Und die beiden Oppositionspolitiker finden auch in den Reihen der liberal-konservativen Regierungsparteien Zustimmung. „Wir haben ein mentales Problem“, sagt Eugenisuz Klopotek vom kleineren Koalitionspartner, der Bauernpartei PSL. In Polen heiße es allzu oft: „Irgendwie wird es schon gut gehen.“ Damit müsse endlich Schluss sein.

So viel Übereinstimmung war selten in den Reihen der tief gespaltenen politischen Klasse des Landes. Die gemeinsame Kritik entzündet sich vor allem an den Zuständen bei der polnischen Staatsbahn PKP. Allen ist klar: Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass am Samstagabend die Leiter der Fahraufsicht Fehler gemacht haben, stellen sich weitere Fragen. Warum beispielsweise hat die Technik einen möglichen Missgriff der Stellwerkbesatzung nicht korrigiert? Experten wiesen schon am Wochenende darauf hin, dass es in Polen kaum automatische Notstoppsysteme bei Fehlsteuerungen gibt. Für eine solche Investition fehle es an Geld.

Seit Langem ist bekannt, dass die mit rund 1,5 Milliarden Euro verschuldete PKP den Bahnbetrieb mehr schlecht als recht aufrechterhält. Gerade einmal 15 Monate ist es her, dass im Dezember 2010 nach einem völlig missglückten Fahrplanwechsel hunderte Züge ausfielen oder bei eisigen Temperaturen auf offener Strecke stehenblieben. Die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ fragt an diesem Montag: „Wie ist der Zustand unserer Eisenbahn wirklich?“ Das Blatt antwortet mit Zahlen. Polen hat in den Jahren 2002 bis 2006 nur ein Hundertstel dessen für sein Schienennetz aufgewendet, was das kleine Belgien ausgegeben hat. Und weiter: „Frankreich und Deutschland haben je etwa 170.000 Euro pro Gleiskilometer investiert, Polen 4000.“

Es ist nicht neu, dass die Infrastruktur in Polen auch 22 Jahre nach dem Ende des Kommunismus und fast acht Jahre nach dem EU-Beitritt in weiten Teilen noch immer marode ist. Daran haben auch die Vorbereitungen auf die Fußball-Europameisterschaft wenig geändert, die Polen im Sommer gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet. Nur 20 Prozent der geplanten Infrastrukturprojekte sind bislang fertiggestellt. Das ist umso erstaunlicher, als es im Land wirtschaftlich seit Jahren steil bergauf geht. Wachstumsraten von drei bis sieben Prozent haben Polen zur Konjunkturlokomotive im östlichen Europa gemacht.

„Versagt haben alle Parteien, die seit 1990 an der Macht waren“, lautet das Urteil der „Gazeta Wyborcza“ über die Infrastrukturpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte. Der radikalliberale Protestpolitiker Janusz Palikot erklärt dies damit, dass „wir nicht in der Lage sind, aus Misserfolgen und Katastrophen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Anfangs durchleben wir alles solidarisch, aber diese Gemeinsamkeit kommt uns schnell wieder abhanden.“ Nach der Flugzeugkatastrophe in Smolensk hatten Politiker aller Parteien in einer nationalen Gefühlsaufwallung zunächst vereint getrauert. Umso heftiger war jedoch der Streit, der wenig später um die Absturzursachen ausbrach. Und so würde es wohl an ein Wunder grenzen, wenn die Opposition in Polen das Zugunglück am Samstag nach der Trauerphase nicht zum Anlass für Angriffe auf die Regierungspolitik nutzen würde.

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