Die versunkene Würde der toten Kinder von Kamp

Am 5. März 1945 stürzte in Pommern ein Flüchtlingsflugzeug mit Dutzenden Kindern an Bord in einen See – 67 Jahre später beginnt eine aufwendige Bergung des Wracks.

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Eine DO 24 dieses Typs stürzte am 5. März 1945 über dem Kamper See ab. Bis zu 80 Menschen starben, darunter viele Kinder. (Foto: Dornier Museum Friedrichshafen)

Siegfried Marquardt ist sechs Jahre alt, als die Russen kommen.In der Gemeinde Kamp-Wustrow an der pommerschen Ostseeküste führen die Eltern einen Bauernhof. Es ist eine stille, märchenhafte Wald- und Dünenlandschaft, wie sich Marquardt erinnert. Doch im Februar 1945 erwacht das Land aus seinem Winterschlaf. „An der Ostsee gab es damals viele Kinderheime. Als sich die Sowjetarmee Kolberg näherte, ergoss sich ein Strom von Flüchtlingen bei uns am Strand entlang“, erzählt Marquardt. Vor allem Mütter mit Kindern suchen verzweifelt einen Weg nach Westen.

Anfang März wird der Luftwaffenstützpunkt am Kamper See zur Drehscheibe für die Retter. Mit Dornier-24-Flugbooten versuchen sie, so viele Menschen zu evakuieren wie nur möglich. „Wir konnten von unserem Hof aus alles überblicken“, erzählt der heute 73-jährige Augenzeuge Siegfried Marquardt. „Zwölf Flieger waren im Einsatz. Es ging Schlag auf Schlag: Beladen, weg, beladen, weg. Die Maschinen waren heillos überfüllt. Bis zu 90 Menschen drängten sich in die DO 24. Alle waren in Panik. Aber es ging ja um Kinder.“ Regulär fassen die Flugboote 14 bis 16 Passagiere. „Die Maschinen hoben alle schwanzlastig ab, aber sie flogen“, erinnert sich Marquardt.

Die Luftbrücke führt nach Rügen. Der Betrieb läuft auf Hochtouren, als am 5. März östlich des Kamper Sees drei sowjetische Panzer auftauchen. „Sie nahmen die Flugzeuge unter Beschuss, obwohl die Entfernung mit fast zwei Kilometer Luftlinie eigentlich viel zu groß für einen Treffer war“, erinnert sich Marquardt. Am Seeufer drängen sich die Flüchtlinge. Sie müssen mit ansehen, wie sich die nächste DO 24 inmitten des Granatfeuers beim Start plötzlich nach vorn neigt und in den See stürzt. „Ich kann mich nur noch entsinnen, wie eine einzelne Person auf der Tragfläche des versinkenden Flugzeugs stand“, berichtet Marquardt. In seinen Erinnerungen stützt er sich auch auf die Erzählungen seiner Mutter und auf Schilderungen weiterer Augenzeugen, über die er sich Notizen gemacht hat.

Ein Mann also überlebt. Seine Spur verliert sich. Alle anderen 70 bis 80 Menschen an Bord sterben im eiskalten Wasser. Passagierlisten gibt es nicht. Klar ist allerdings: Die meisten Toten sind Kinder. Ihre Namen sind größtenteils bis heute unbekannt. In Neubrandenburg lebt eine junge Frau, deren kürzlich verstorbene Großmutter bei dem Absturz fünf Geschwister verloren hat. Ihren Namen will die 31-jährige Enkelin nicht in der Zeitung lesen. Dem Brandenburger „Nordkurier“ erzählte sie: „Der 5. März war in unserer Familie immer ein Trauertag. Ein Denkmal mit den Namen der Familie und der anderen Verunglückten, das wäre schon wichtig.“

Am 5. März 1945 drehen die sowjetische Panzer so schnell wieder ab, wie sie gekommen sind. Weitere Flugzeuge starten. Am Ende sind es nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 4000 und 12.000 Menschen, die auf diese Weise gerettet werden. Als die Flüchtlinge fort sind und der Geschützdonner des Krieges verhallt ist, legt sich Schweigen über die Tragödie von Kamp. Bis 2001 bleibt der See militärisches Sperrgebiet. Siegfried Marquardt, der heute in Ostwestfalen lebt, schreibt mehrfach an polnische und deutsche Behörden. „Mich lässt das Schicksal der Unglücksmaschine nicht los“, sagt er. „Eine Antwort habe ich nie erhalten.“

Fast 65 Jahre lang geschieht nichts. Dann stößt der Stettiner Historiker Alexander Ostasz auf die Berichte über die versunkene Dornier. 2009 steigt der Hobby-Taucher gemeinsam mit einigen Mitstreitern in den See und befördert mehrere Wrackteile an die Oberfläche. Einen zerfledderten schwarzen Kinderschuh findet er auch. „Mehr war nicht möglich. Das Flugzeug steckt tief im Schlick, die Sichtweite ist gleich null“, berichtet Ostasz nach dem Tauchgang.

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Zdzislaw Matusewicz (Foto: Gemeinde Trzebiatow)

Zunächst ist es vor allem der Sensationsfund,der die „Schatzsucher“ an den See bei Kamp lockt, der längst Resko Przymorskie heißt und zur Gemeinde Trzebiatow (Treptow) gehört. Seit Jahrzehnten machen in der Region Gerüchte die Runde, das abgestürzte Flugzeug habe gar keine Flüchtlinge, sondern Überreste des von den Nazis geraubten legendären Petersburger Bernsteinzimmers transportieren sollen. Doch dann ist es der Bürgermeister von Trzebiatow, Zdzislaw Matusewicz, der das Schicksal der toten Kinder in den Mittelpunkt rückt. „Die Menschen sollen ihre letzte Ruhe finden“, sagt er und nimmt Kontakt zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf. Dort stößt er auf offene Ohren. „Ja, wir sollten die Leichen bergen“, sagt Volksbund-Sprecher Fritz Kirchmeier. „Die getöteten Kinder und die Betreuer müssen ein würdiges Grab erhalten.“

67 Jahre nach der Tragödie am Kamper See läuft in diesen Wochen eine Bergungsaktion an, die Ihresgleichen sucht. Das technische Abenteuer verbindet sich mit einem einzigartigen deutsch-polnischen Versöhnungswerk. An der Initiative „Kinder von Kamp“ sind nicht nur die Stadt Trzebiatow und der Volksbund beteiligt. Das Dornier-Museum in Friedrichshafen macht ebenso mit wie regionale Medien und Stiftungen. Am 5. März, dem Jahrestag der Katastrophe, soll es in einer noch vorhandenen Fliegerhalle am See einen polnisch-deutschen Gedenkgottesdienst geben. Aus Danzig reist Generalkonsulin Annette Klein an. Augenzeuge Siegfried Marquardt „wäre auch liebend gern hingefahren. Aber ich bin krank, und die Reise ist zu anstrengend“.

Die Bergung soll möglichst noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Im Februar haben polnische Techniker die Chance des Eiswinters genutzt und das Wrack von der Oberfläche des zugefrorenen Sees aus geortet und vermessen. „Das war eine entscheidende Vorarbeit“, berichtet Volksbund-Sprecher Kirchmeier, der mit spürbarem Unbehagen über die technischen Details spricht. „Wir wissen nicht, was wir finden werden. Kinderskelette sind normalerweise nicht so ausgehärtet wie die sterblichen Überreste von Erwachsenen. Das macht es problematisch. Andererseits könnten die Leichen durch den Schlamm mumifiziert sein.“

Als nächster Schritt steht nun die Errichtung einer Spundwand rund um das Wrack an. Dadurch ließe sich das Wasser abpumpen und die DO 24 mitsamt den Leichen bergen. Kostspielig wird das Unternehmen in jedem Fall. Rund 150.000 Euro veranschlagen Fachleute. Noch fehlt es am nötigen Geld. Doch wenn sich genügend Spender finden, könnten die toten Kinder von Kamp ihre letzte Ruhe auf dem Soldatenfriedhof Stare Czarnowo (Neumark) bei Stettin finden.

Gelöst werden dürfte dann auch das Rätsel um die Unglücksursache. War es ein Abschuss? Oder kippte die überladene Maschine aus einem anderen, einem technischen Grund vornüber in den See? Die bereits geborgenen Wrackteile sollen Spuren eines Granatsplitters aufweisen. Eine eindeutige Bestätigung durch Militärexperten gibt es aber vorerst nicht. Siegfried Marquardt hegt bis heute Zweifel: „Ich kann noch immer nicht an einen Treffer aus dieser Entfernung glauben.“ Fritz Kirchmeier von der Kriegsgräberfürsorge ist das „völlig egal“, wie er sagt. „Uns geht es um die versunkene Würde der toten Kinder.“

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