Pleiten, Pannen und Parolen

100 Tage vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine stolpern die Organisatoren in die heiße Vorbereitungsphase.

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Das Warschauer Nationalstadion wird ein halbes Jahr später eröffnet als geplant. (Foto: Krökel)

Am Ende wird immer alles gut. Das zumindest lehrt die lange Geschichte der beinahe gescheiterten sportlichen Großveranstaltungen. Bei Olympia 2004 in Athen beispielsweise wurden zwei Drittel der Arenen in den letzten acht Wochen vor Turnierbeginn fertiggestellt. Und so verbreiten auch die Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine 100 Tage vor dem ersten Anstoß hartnäckig Optimismus. „Es war extrem schwierig, aber wir haben die Probleme bewältigt und moderne Straßen und Stadien gebaut“, sagt Polens Chef-Organisator Adam Olkowicz.

Wer sich dem nagelneuen Warschauer Nationalstadion nähert, sieht schnell, dass Olkowicz maßlos übertreibt. Noch immer gleicht das Umfeld der Arena einer Großbaustelle. Doch immerhin: An diesem Mittwoch, pünktlich zum Start des 100-Tage-Countdowns, dürfen erstmals zwei Fußball-Mannschaften den Rasen betreten. Polen empfängt Portugal zum EM-Test. Es ist das Ende einer langen Leidenszeit rund um das Stadion, die symptomatisch für die Turniervorbereitungen in den Gastgeberländern ist.

Die Serie aus Pleiten, Pech und Pannen begann im Frühjahr 2011. Das Eröffnungskonzert stand kurz bevor, als Inspekteure die Treppen zu einer Fehlkonstruktion erklärten. Die Erneuerung dauerte Monate, das für September geplante Einweihungsspiel gegen Deutschland fiel aus. Auch ein zweiter Eröffnungstermin im Dezember platzte. Zuletzt sagten die Kontrolleure das für Anfang Februar geplante nationale Supercupfinale ab. Die noch nicht verlegten Rasenrollen waren in der Kälte des polnischen Eiswinters eingefroren.

Vor dem Stadion marschierten Hunderte frustrierte Fans auf und skandierten: „Ihr betrügt uns, wir werden es euch heimzahlen!“ Doch am Ende passierte nichts. Die polnische Polizei scheint die Hooligans nach den Gewaltexzessen des vergangenen Jahres inzwischen besser im Griff zu haben. Und am Ende wird sicher auch mit der wunderschönen Warschauer Arena alles gut, die in den Nationalfarben Weiß und Rot leuchtet und zum Wahrzeichen der Hauptstadt werden könnte. In den anderen polnischen Spielorten Breslau, Danzig und Posen ist die Lage ähnlich.

Auch der Transport zwischen den Städten dürfte im Juni funktionieren, obwohl der Bau von Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen ebenfalls weit hinter dem Zeitplan herhinkt. Erst 20 Prozent der Infrastruktur-Vorhaben, die Polen bis zum EM-Start realisieren wollte, sind fertig. Zum Last-Minute-Gewaltakt entwickeln sich die Arbeiten an der Autobahn 2. Die zentrale West-Ost-Achse verbindet Berlin mit Warschau. Dort hatte die polnische Regierung zunächst einen chinesischen Billiganbieter werkeln lassen. Doch das ging schief. Nun müht sich ein einheimisches Konsortium darum, die Straße zur EM wenigstens befahrbar zu machen. „Wir retten, was zu retten ist“, sagt Verkehrsminister Slawomir Nowak.

Im Vergleich mit der Ukraine plagen Polen allerdings Luxusprobleme. Im Land der Kosaken sind die meisten Straßen von Schlaglöchern übersät. Autobahnen europäischen Typs gibt es dort nicht. Eine Einreise über den Flughafen im westlichsten Spielort Lemberg zeigt das ganze Ausmaß des EM-Vorbereitungsdramas. Derzeit holt die Passagiere dort ein schrottreifer Bus vom Rollfeld ab. Der Fahrer muss aussteigen, um eine vom Frost verformte Tür per Hand einzurenken. Arbeiter wuchten das Gepäck der Reisenden auf einen Trecker und später durch eine rostige Luke in eine Wartehalle. Dort stapeln sich die Koffer. Förderbänder gibt es nicht.

Das Gebäude gleicht einem Provinzbahnhof aus dem 19. Jahrhundert. Es ist typisch für den Entwicklungsstand des Landes. Lembergs Bürgermeister Andri Sadovy nennt das Haus mit Türmchen ein „Architekturdenkmal“. Er lacht dabei unbeschwert, denn gleich neben dem historischen Ungetüm steht ein nagelneues Terminal. Es ist Sadovys Stolz. Dort, in einer lichtdurchfluteten Glas-Metall-Halle, sollen im Sommer die EM-Gäste abgefertigt werden. Dies wiederum ist ein für das Land völlig untypischer Bau. Und es bleibt die Frage: Was geschieht weiter mit den anreisenden Fans? Zu drei Vorrundenspielen erwartet die westukrainische Metropole Zehntausende Besucher.

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Andri Sadovy (Foto: Krökel)

Bürgermeister Sadovy hat einen einfachen Plan.Vom Flughafen will er die Sporttouristen per Shuttle-Bus entweder direkt zum Stadion, dem zweiten Neubau der Stadt, oder in die attraktive Altstadt bringen lassen. „Wir organisieren eine Dreiecksverbindung“, erklärt er. Nur so kann es funktionieren, mit einer Art punktueller Best-of-Bedienung. Denn unübersehbar ist in Lemberg: Westlichen Gästen, die sich ohne Hilfestellung in das Gewirr der aufgerissenen Straßen in die verfallenen Plattenbausiedlungen der Vororte wagen, droht ein Kulturschock.

Die Verantwortlichen in der Ukraine überschütten kritische Fragesteller mit Beschwichtigungen. „Flughäfen, Stadien, Hotels – alles in bester Ordnung“, lautet die Parole. „Ein Problem mit Fangewalt haben wir auch nicht“, sagt Bürgermeister Sadovy. Dabei hatten sich in Lemberg im Herbst 2010 Hooligans des Gastgebers Karpaty mit Randalierern von Borussia Dortmund Straßenschlachten geliefert. Und es ist ausgerechnet die deutsche Nationalelf, die im Juni gleich zweimal in der 750.000-Einwohner-Stadt am Fuße der Karpaten gastiert.

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