Die Schöne und die Biester

Sportministerin Joanna Mucha ist Polens jüngster Politstar – und steht kurz vor dem Fall.

Lässig sitzt die junge Frau im hohen Gras, nur mit Stiefeln, Trägershirt und Sommerjacke bekleidet. Der Beinansatz ist unverhüllt. Träumerisch haucht sie die Samen einer Pusteblume ins Sonnenlicht. In dieser aufreizenden Pose ließ sich Joanna Mucha vor anderthalb Jahren für das polnische Lifestyle-Magazin „Pani“ (Frau) fotografieren. Und sie bekannte: „Mein Aussehen hat mir alle Türen geöffnet.“

Zuletzt öffneten sich für die 35-jährige Sejm-Abgeordnete die Tore zur ganz großen politischen Karriere. Premier Donald Tusk machte Mucha nach seiner Wiederwahl im Herbst nicht nur zur Ministerin für Sport und Tourismus. Die dunkelhaarige Schöne mit dem Schleierblick sollte auch zum Aushängeschild und mehr noch zum Gesicht der Regierung werden. Frau, jung, modern, unabhängig, erfolgreich und attraktiv: Das klang nach einem Selbstgänger in einem Land, das sich trotz oder wegen Katholizismus und Konservatismus nach unverbrauchten Stars sehnt.

Doch etwas ist schiefgelaufen. Nicht einmal 100 Tage nach ihrem Amtsantritt steht die Ministerin vor dem Rauswurf. „Mucha zieht die Regierung runter“, titelte die Zeitung „Rzeczpospolita“, als Umfragen Tusk ein historisches Stimmungstief signalisierten. Noch in dieser Woche will der Premier mit seiner politischen Ziehtochter Tacheles reden. „Sie ist zum Abschuss freigegeben“, glauben Beobachter, ohne recht sagen zu können, was Mucha eigentlich vorzuwerfen ist.

Unstrittig ist, dass die junge Ministerin von Anfang an in ihrer eigenen liberal-konservativen Partei viele Neider hatte. „Unqualifizierte Quotenfrau“ war noch das harmloseste Attribut, das Mucha zugeschrieben wurde. Zugleich stand sie vor einer Herkules-Aufgabe. Die schöne Joanna sollte den Augiasstall der korruptionsverseuchten polnischen Sportwelt ausmisten. Das aber ist eine Männerwelt voller „Biester“, die sich ihre eigenen Spielregeln schreiben.

Kaum war Mucha im Amt, erschütterte ein Bestechungsskandal den Fußball-Verband PZPN. Hauptverdächtiger war PZPN-Chef Grzegorz Lato, der Held der legendären WM-Elf von 1974. Dessen Gegner veröffentlichten einen illegalen Tonbandmitschnitt, um zu beweisen, dass Lato korrupt sei. Ein hässlicher Skandal nahm seinen Lauf. Mucha versprach Aufklärung. Am Ende aber musste sie mit ansehen, wie Lato seinen Generalsekretär als Bauernopfer darbrachte und die Affäre für beendet erklärte.

All das ereignete sich sieben Monate vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft, die Polen im Juni gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet. Bei der Vorbereitung ist bislang fast alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen konnte. Autobahnen und Stadien werden nicht fertig, die Sicherheitslage ist problematisch und die Nationalelf steckt weiter im Formtief. Das alles ist natürlich nicht Muchas Schuld. Doch Tusk verdonnerte seine Vorzeigeministerin dazu, für einen Stimmungsumschwung zu sorgen oder zumindest schöne Miene zum bösen Spiel machen.

Daran aber scheiterte Mucha. Die Eröffnung des nagelneuen Warschauer Nationalstadions, die ursprünglich bereits für den vergangenen September vorgesehen war, musste sie gleich zweimal erneut absagen. Schließlich nahm der verantwortliche Stadionchef seinen Hut, nicht ohne einen Erfolgsbonus von 130.000 Euro einzustreichen. Auch das kreideten die Platzhirsche in Polens Medien- und Politikbetrieb der jungen Ministerin an.

Viel spricht dafür, dass die 35-jährige Mutter zweier Söhne an Grenzen stößt, die sie selbst gezogen hat. Joanna Mucha ist ehrgeizig. „Schon mit 13 habe ich mir meine Ferienreisen selbst finanziert“, erzählt sie über ihre Jugend in Plonsk bei Warschau. Und die promovierte Gesundheitsökonomin weiß, was sie will. Im vergangenen Juli ließ sie sich scheiden und lebt seither mit einem anderen Mann zusammen, während die 11 und 15 Jahre alten Kinder beim Vater wohnen. Auch das sieht man im katholischen Polen noch immer nicht gern.

„Ich mache mein Ding“, sagt Mucha. Doch zugleich akzeptiert sie die Beschränkungen ihrer Rolle als erfolgreiche Schöne. „Mir ist bewusst, dass mir im Leben und der Politik manches nicht zugänglich ist, weil ich eine Frau bin und man mich stets durch das Prisma meines Aussehens wahrnimmt“, sagte sie vor ihrem Karrieresprung im Herbst – ohne jeden Unterton des Bedauerns. Zuvor war sie, wie stets im Spätsommer, mit einer neuen Frisur aus den Parlamentsferien auf die Warschauer Bühne zurückgekehrt. Polens Boulevardmedien lieben sie dafür. Die Alpha-Tiere in Politik und Sport aber sehen darin nur eines: ein Zeichen weiblicher Schwäche.

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