Walesa und die „Eierköpfe“

Polens Stasi-Jäger präsentieren neue Verdachtsmomente gegen den Solidarnosc-Führer und Friedensnobelpreisträger. Doch der keilt zurück.

Wer sich mit Lech Walesa anlegt, bekommt es mit einem in Rebellion und Revolution gestählten Haudegen zu tun. „Das ist eine Gruppe von Eierköpfen, die es nicht ertragen können, dass ein Arbeiter den Kampf gegen die Kommunisten geführt hat und siegreich war“, polterte der Friedensnobelpreisträger in einem Fernsehinterview. Zuvor hatten zwei rechtskonservative Zeitungen den ehemaligen Solidarnosc-Führer einmal mehr beschuldigt, in den 70er Jahren mit der kommunistischen Staatssicherheit zusammengearbeitet und die eigenen Gefährten verraten zu haben.

Die Geschichte um den „IM Bolek“ ist nicht neu. Neu aber könnte die Beweislage sein. Glaubt man den Recherchen des Magazins „Uwazam Rze“ und der Zeitung „Nasz Dziennik“, gibt es im Archiv des polnischen Parlaments zahlreiche Akten, die Walesas Stasi-Tätigkeit belegen könnten. Die Dokumente stammen aus der Arbeit einer Kommission, die sich zu Beginn der 90er Jahre mit der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit befasste. Sie seien als „geheim“ deklariert und nicht vollständig gesichtet worden.

Tatsache ist: Beide Zeitungen sind alles andere als neutral. Die Blätter stehen Walesas Intimfeind, dem nationalkonservativen ehemaligen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski, politisch nah. Fakt aber ist auch: Walesa selbst war es, der als Präsident 1992 die Durchleuchtung von Amtsträgern stoppte. Einen Teil der Akten, die ihn selbst betrafen, ließ er verschwinden. Das wiederum machte den Freiheitshelden erst recht verdächtig. Seither sind Journalisten, Historiker und Staatsanwälte dem angeblichen Stasi-Spitzel Walesa auf der Spur – bislang erfolglos. Selbst in mehreren Gerichtsprozessen gelang es den Anklägern nicht nachzuweisen, dass der heute 68-jährige Walesa als junger Mann mit dem Geheimdienst aktiv zusammengearbeitet hat.

Auch diesmal sieht es nicht danach aus, als ob den Walesa-Jägern der Blattschuss gelingen könnte. Jerzy Ciemniewski, der Vorsitzende jener Kommission, die in den 90er Jahren mit der Aufklärung befasst war, sagt: „Es gibt aus unserer Arbeit keine Berichte von IM Bolek, die Walesa geschrieben hat.“ Daran hegt die Zeitung „Nasz Dziennik“ allerdings Zweifel. Es gebe noch „fast einen kompletten Aktenkilometer“, der als geheim eingestuft sei und nun dringend untersucht werden müsse.

Walesa, so sehen es seine rechtskonservativen Gegner, sei als Bolek registriert gewesen. Den Opfern des Spitzels sei bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren. Das allerdings ist nicht der entscheidende Punkt. Walesa hat längst eingeräumt, dass ihn die Staatssicherheit als IM Bolek geführt haben könnte. „Ich habe im Gefängnis irgendeinen Wisch unterschrieben“, gestand er, behauptet jedoch: „Das war es dann auch.“

Die Geschichte reicht weit in die Zeit vor dem Solidarnosc-Aufstand von 1980 zurück. Ende 1970, nach der blutigen Niederschlagung des Dezember-Aufstandes auf der Danziger Lenin-Werft, verhafteten Agenten des Inlandsgeheimdienstes SB Walesa. Der Elektriker hatte zuvor im Streikkomitee der Werftarbeiter mitgemischt. Ein Jahr saß der Rebell im Gefängnis – und unterzeichnete dort ein Papier, das die Stasi nach derzeitigem Kenntnisstand dazu veranlasste, ihn als IM zu registrieren. Bis heute aber bestreitet der spätere Solidarnosc-Kämpfer vehement, jemals aktiv für den SB gearbeitet beziehungsweise gespitzelt zu haben.

„Das ist doch allen klar“, sagte Walesa am Montagabend im Fernsehinterview und rückte die Dinge einmal mehr ins rechte Licht: „Für gewisse Leute wird das bis zum Ende aller Zeiten ein Spiel sein. Sie hätten sich gern an meiner Stelle gesehen. Nun wollen diese komplexbeladenen Schufte mir mein Heldentum streitig machen.“ Tatsächlich gibt es Belege dafür, dass der SB Dokumente fälschte, um seine Gegner bei ihren Kampfgefährten in Misskredit zu bringen. Bewiesen ist, dass die polnische Stasi dem Nobelpreiskomitee in Oslo zu Beginn der 80er Jahre fingierte Berichte zusandte, die Walesa als Spitzel denunzieren und ihn preisunwürdig machen sollten.

Originalberichte von IM Bolek liegen nicht vor. Und dennoch: Zweifel an Walesas Darstellung bleiben. „Viele der Beteiligten von 1970 sind bereits tot, ohne die Wahrheit über die Rolle erfahren zu haben, die Walesa damals spielte“, sagt Henryk Jagielski. Er ist einer von Walesas früheren Weggefährten. Ihren Nährboden finden seine Bedenken in der Zeit des Runden Tisches und der friedlichen Revolution von 1989. Damals ließ sich Walesas Solidarnosc auf einen Handel mit der kommunistischen Staatsführung ein.

Machtteilung hieß das Modell, das am Ende die vollständige Demokratisierung ermöglichte. Doch das war nicht von Anfang an ausgemacht. Walesas Gegner sind davon überzeugt, dass der Solidarnosc-Führer, der 1990 zum ersten postkommunistischen Präsidenten des Landes gewählt wurde, der kommunistischen Nomenklatura eine Vorzugsbehandlung zusicherte – und zwar einzig und allein deshalb, weil er wegen seiner Stasi-Tätigkeit erpressbar gewesen sei. Beweise dafür gibt es nicht.

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