Russische Träume und ein lettisches Trauma

Ein Volksentscheid spaltet Lettland: Im Herzen Europas soll Russisch zur zweiten Staatssprache werden.

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Markthändler in Riga: Aus dem winzigen Plastikradio plärren Aufrufe zur Teilnahme am Referendum. (Foto: Krökel)

Eugenia Zommers kann es nicht länger ertragen. Als der fremde Mann am Nachbartisch seinen Redeschwall über die Versöhnungsbereitschaft von Letten und Russen unterbricht, um am Milchkaffee zu nippen, fährt sie dazwischen. „Das Problem in diesem Land ist die innere Verkrampfung. In Lettland kapseln sich alle ab“, ruft sie so laut, dass die dunkelhäutige Bedienung die Stirn runzelt. Womöglich fühlt sich die Kellnerin persönlich angegriffen, denn das Café de Gascogne in der Altstadt von Riga verströmt vor allem eines: Offenheit. In der Auslage stapeln sich Croissants. Espressoduft füllt den Raum. Die Menschen sprechen Lettisch, Russisch, Französisch, Deutsch oder Englisch. 250 Kilometer vom geographischen Mittelpunkt Europas entfernt wähnt sich der Café-Besucher auch atmosphärisch im Herzen des Kontinents.

Zommers besänftigt das nicht. Sie sieht nur Hass und Ausgrenzung. „Gestern wollte ich in einem lettischen Geschäft Fleisch kaufen. Ich frage auf Russisch. Nichts. Ich bitte auf Englisch. Nichts. Ich habe kein Fleisch bekommen. Ich hätte es nur auf Lettisch bekommen“, berichtet sie empört. Zommers ist Mitte dreißig. Sie hat russische Eltern und heißt eigentlich Jewgenija. Doch sie hat lange in den USA gelebt, und sie hat einen lettischen Mann. Also nennt sie sich Eugenia. Seit zwei Jahren wohnt die Familie mit zwei Kindern in Riga. Lettisch spricht Zommers nicht. „Deshalb bin ich hier nicht willkommen“, sagt sie.

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Nils Muiznieks (Foto: privat)

Der Fremde am Nachbartisch hört ruhig zu. Nils Muiznieks ist in den USA geboren, aber er ist Lette. Seine Eltern flohen 1944 vor der Sowjetarmee. Der 48-jährige Sozialwissenschaftler kehrte nach der Loslösung Lettlands von der UdSSR nach Riga zurück und war drei Jahre Integrationsminister. Im April tritt er das Amt des Menschenrechtsbeauftragten beim Europarat in Straßburg an. Die Situation im Land beschreibt er anhand einer Versöhnungsskala zwischen eins und zehn. „Eins bedeutet Bürgerkrieg und zehn Aussöhnung. Lettland bekommt eine acht“, urteilt Muiznieks, bevor ihm Eugenia Zommers wieder in die Parade fährt. „Sie reden die Dinge schön.“ Muiznieks stöhnt. „Wir sprechen hier von den immer gleichen russischen Träumen und diesem ewigen lettischen Trauma“, sagt er.

In diesen Wintertagen prallen Traum und Trauma in der kleinen baltischen Republik wieder mit voller Wucht aufeinander. Eine Gruppe russischstämmiger Nationalbolschewisten hat per Unterschriftensammlung ein Referendum erzwungen. Russisch soll in Lettland, mitten in der EU, zur zweiten Amtssprache werden. Es wäre eine Revolution. Die Abstimmung ist für diesen Samstag angesetzt. Hat die Initiative Erfolg, müsste es künftig in allen öffentlichen Einrichtungen, von der Dorfpolizei über Schulen und Universitäten bis hin zum Parlament möglich sein, beide Sprachen anzuwenden. Kein Lette aber mag sich russische Reden vor Gericht vorstellen oder gar in der Saeima, der Abgeordnetenkammer in Riga, deren Mitglieder auf die lettische Sprache vereidigt werden.

„Das Referendum ist angesichts der Mehrheitsverhältnisse chancenlos. Es ist eine einzige Provokation“, sagt selbst der harmonieliebende Menschenrechtler Nils Muiznieks. 40 Prozent der Bevölkerung in Lettland sind russische Muttersprachler, doch nur gut die Hälfte von ihnen besitzt die Staatsbürgerschaft und ist stimmberechtigt. Die übrigen Lettland-Russen sind sogenannte Nicht-Bürger, die im Land lediglich geduldet werden. Die 60 Prozent Letten werden vermutlich geschlossen mit Nein stimmen.

Das Referendum ist vor allem deshalb eine Kampfansage, weil die sowjetische Vergangenheit im Baltikum noch äußerst präsent ist. Unter dem „kommunistischen Besatzungsregime“, von dem die Letten sprechen, dominierte das Russische den Alltag – erzwungenermaßen. Der Kreml setzte eine Assimilationspolitik ins Werk, deren Ziel die Schaffung eines anationalen, aber russisch sprechenden Sowjetmenschen war. Die frühere lettische Kulturminister Sarmite Elerte ist überzeugt: „Viele Russen in unserem Land träumen noch immer von einer Rückkehr zu diesen Verhältnissen.“ Die 54-Jährige berät den konservativen Ministerpräsidenten Valdis Dombrovskis in Fragen der Integrationspolitik.

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Sarmite Elerte (Foto: privat)

Elerte bittet zum Treffen ins Café „Nation“. Der Ort in Sichtweite einer mächtigen russisch-orthodoxen Kathedrale scheint in ihr Konzept zu passen. „Dieses Referendum zeigt, dass in unserem Land bis heute zwei Gesellschaften nebeneinander existieren“, sagt sie. Die Realität dieser Parallelwelten sieht so aus, dass es für die russische Minderheit eigene Schulen und Medien gibt. Die lettische Mehrheit aber setzt durch, dass beispielsweise in der Nationaloper in Riga keine russischen Übertitel zu lesen sind.

Elerte hat als Ministerin 2010 ein sogenanntes Integrationsprogramm aufgelegt. Künftig soll es kostenlose Lettisch-Kurse für Russen geben. Das ist angesichts der schwierigen Wirtschaftslage im Land beachtlich. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich die Idee jedoch als eine Art postsowjetische Konterattacke mit dem Ziel, die Lettland-Russen zu assimilieren. Elerte begründet dies mit der Geschichte. Sie erzählt vom „Teufelspakt“ des Jahres 1939, als Hitler und Stalin Osteuropa untereinander aufteilten. Sie berichtet von den Massakern der Sowjetsoldaten, die 1940 im Baltikum wüteten, bis die Schlächter Hitler und Stalin schließlich übereinander herfielen. Viele Letten begrüßten die Nazis 1941 als Befreier und schlossen sich der Wehrmacht an. Doch 1944 kehrten die Russen zurück und blieben bis 1991 – als Unterdrücker, wie die Letten sagen.

„Kein Datum spaltet unser Land so sehr wie der 9. Mai 1945. Was die Russen als Tag des Sieges über den Hitler-Faschismus bejubeln, war für uns Letten der Beginn einer Fremdherrschaft“, sagt Elerte. Tatsächlich halten die Russen in Lettland an jedem 9. Mai Siegesfeiern ab, während lettische Extremisten in NS-Uniformen aufmarschieren, um ihre Verbundenheit mit den Deutschen zu demonstrieren. Darauf spielt nun auch ein Video an, das die russischen Initiatoren des Sprachenreferendums ins Internet gestellt haben. Hitler und andere Nazi-Größen sind dort zu sehen. Russische Sätze überlagern die deutschen Stimmen. „Für die Muttersprache“, lautet die Devise der Kampagne.

Alexander Krewtschuk hört die Aufrufe gern. Der Russe sortiert auf einem Tischchen in den Rigaer Zentralmarkt-Hallen sein Angebot, das kaum auf einen Nenner zu bringen ist. Rasierpinsel finden sich ebenso darunter wie Spezialschrauben für Heizungsmontagen und ein Damenslip. Krewtschuk ist so etwas wie ein Händler für alle Fälle. Aus einem winzigen Plastikradio plärren russische Nachrichten. „Ich werde für die Muttersprache stimmen“, brummt der 57-Jährige. „Wir werden sonst in unserer eigenen Heimat an den Rand gedrängt“, sagt er und wiederholt fast wortgleich das, was die russischsprachigen Medien seit Wochen verkünden.

Markt in Riga: Die Preise sind auf Lettisch ausgezeichnet, doch die Menschen sprechen Russisch. (Foto: Krökel)

In den Markthallen ist im Gewirr der Stimmen fast nur Russisch zu hören, obwohl die Angebote auf Lettisch ausgezeichnet sind. Bei Krewtschuk gibt es gar keine Schilder. Er verhandelt direkt. Lettisch spricht er nicht. „Wozu?“, fragt er und erinnert in seiner Resolutheit an die russische Ausgabe jener lettischen Metzgerin, die ihr Fleisch nicht auf Russisch an Eugenia Zommers verkaufen wollte. Zurückgefragt: „Wozu diese Feindschaft?“ Krewtschuk zuckt mit den Schultern. Er hat immerhin seinen Sohn Kolja, der notfalls aushilft. Der 28-Jährige spricht fließend Lettisch. „Anders komme ich in diesem Land nicht voran“, sagt er.

Dennoch wird auch Kolja „für die Muttersprache“ stimmen. „Das Referendum ist gut, damit wir in der Politik dieses Landes wahrgenommen werden“, erklärt er. Kolja sagt stets „dieses“ statt „unser“ oder „mein Land“. Er drückt damit aus, was viele Russen in Lettland empfinden. Seit der Unabhängigkeit 1991 ist die Minderheit nicht an der Gestaltung des Landes beteiligt gewesen. „Jetzt werden wir gehört in diesem Land“, sagt Kolja. Allerdings nur für einige Wahlkampf-Wochen. Näher zueinander finden die lettischen Parallelgesellschaften so kaum.

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