Unfassbare Ignoranz

Europaweit protestieren Internetnutzer gegen das Anti-Piraterie-Abkommen Acta. Ein Kommentar…

Nun also protestieren sie auch in Deutschland zu Zehntausenden gegen das internationale Anti-Piraterie-Abkommen Acta. Im Nachbarland Polen waren die  Web-Aktivisten schneller. Dort empört sich die Internet-Gemeinde seit Wochen gegen das Vertragswerk und hat Ministerpräsident Donald Tusk zu einer spektakulären Kehrtwende gezwungen. Erst ließ er Acta unterschreiben, dann setzte er die Ratifizierung aus. Die Bundesregierung in Berlin hat nun hektisch an der Notbremse gezerrt und will erst einmal gar nichts unterschreiben.

All das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten und zeugt von einer unfassbaren Ignoranz gegenüber den Mechanismen des Internets. Ahnungslos sind aber nicht nur Politiker wie Tusk. Der trat allen Ernstes mit dem Bekenntnis vor seine Bürger, nicht zu wissen, worum es bei Acta eigentlich geht. Ignorant sind auch viele Anti-Acta-Demonstranten, die etwas von Netz-Zensur faseln und in Wirklichkeit nur Piraterie und damit Raub im Sinn haben. Fast zwei Drittel der Internetnutzer in Polen beziehen Musik, Bücher und Fotos kostenfrei und oft illegal von Tauschbörden. Ein Schelm, wer die Anti-Acta-Proteste für ökonomisch motiviert hält.

Es ist höchste Zeit für die Politik, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Und das geht nicht, indem man – wie bei Acta geschehen – ein Abkommen dieser Tragweite in Geheimgesprächen aushandelt. Es geht auch nicht, indem man in einen solchen Vertrag Dinge hineinschreibt, die der Unterhaltungsindustrie direkten Zugriff auf Providerdaten geben. Das ist ein Skandal, gegen den man durchaus demonstrieren kann und soll. Es darf aber ebenso wenig sein, dass Urheber geistigen Eigentums im Namen der Internet-Freiheit ungestraft bestohlen werden.

Es besteht die zwingende Notwendigkeit, zu einer sinnvollen internationalen Übereinkunft zu kommen. Sie muss transparent ausgehandelt und vernünftig ausgestaltet werden. „Sechs, setzen!“, möchte man den Beteiligten zurufen. Begreift endlich, wie wichtig das Internet für das Leben in der modernen Welt ist, und macht eure Hausaufgaben.

One comment

  1. Internet ist Opium für das Volk, es ermöglicht osteuropäischen Jugendlichen eine virtuelle Flucht vor der Realität (kein Job, kein Geld, 15qm2 „Wohnung“).

    Bei den Protesten geht es also nicht um Raubkopien oder Meinungsfreiheit. Es geht um Soziale Umverteilung, Massenarbeitslosigkeit und Ungleichheit, deren katastrophale psychische Auswirkungen das Internet einigermaßen dämpft. Und die Proteste haben den Politikern jetzt hoffentlich vor Augen geführt, was passieren könnte, wenn man das Opium mit ACTA gänzlich abstellte und das ganze soziale Elend mit voller Wucht ins Bewußtsein drängte…

    Es gibt letztendlich nur zwei Lösungen, im Internet Freiheit gewähren oder im realen leben Arbeitspläte und ein würdiges Leben verschaffen.

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