König Viktor und sein Staatstheater

Der ungarische Ministerpräsident Orban entfacht einen Kulturkampf.

„Der Hetzer ist tot, doch die Hetze ist lebendiger denn je.“ Auf diesen Nenner bringen viele linke und liberale Intellektuelle dieser Tage die Lage in Ungarn. Am vergangenen Samstag war der für seine antisemitische und faschistische Ideologie berüchtigte Dramatiker Istvan Csurka gestorben. Er war das Idol der extremen Nationalisten im Land. Fast zeitgleich übernahm sein „Schüler“, der Schauspieler György Dörner, die Leitung des altehrwürdigen Neuen Theaters in Budapest. Er werde künftig Front machen gegen die „entartete, krankhafte liberale Hegemonie im ungarischen Kulturbetrieb“, kündigte der Intendant in unverhohlenem Nazi-Jargon an.

Dörners Amtseinführung am 1. Februar war von Scharmützeln zwischen linken und rechten Demonstranten begleitet. Der Theaterbau befindet sich zu allem Überfluss in der Nähe des jüdischen Viertels der Hauptstadt. Nun soll es „nationaler werden“, wie Dörner sagt. „Das ist extremistischer Unsinn“, kontert sein Vorgänger Istvan Marta, der die Schauspieler Ende Januar noch schnell zu einer Gastrolle in Novi Sad „entführte“. Erst an diesem Mittwoch trifft Dörner sein Ensemble.

Die Plänkeleien zeigen, wie vergiftet das Klima im Land ist. Die linke Tageszeitung „Pester Lloyd“ spricht von einem „immer heißer werdenden Kulturkampf“. Der rechtspopulistische Ministerpräsident Viktor Orban mischt an vorderster Front mit. „Ungarn steht heute auf neuen Grundlagen“, sagte er am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation voller Kampfgeist. Dem Premier kommt der Streit um die Kulturpolitik durchaus gelegen. Er hat sogar viel dazu beigetragen, das Feuer zu entfachen. Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass bei der Intendanten-Wahl am Neuen Theater hinter den Kulissen Orbans nationalkonservative Fidesz-Partei die Fäden gezogen hat.

Dörner ist Orbans Mann. Csurka war es auch. Die beiden „Hetzer“ stehen zwar ideologisch der fremdenfeindlichen und antisemitischen Partei Jobbik (Die Besseren) näher als dem Fidesz. Aber gerade das hilft Orban, die Rechtsextremisten politisch in Schach zu halten. Jobbik eroberte bei der Parlamentswahl 2010 immerhin rund zwölf Prozent der Mandate.

Hinzu kommen inhaltliche Übereinstimmungen. Mit der parlamentarischen Zweidrittelmehrheit seines Fidesz hat Orban zu Jahresbeginn eine neue Verfassung in Kraft gesetzt. Die Präambel ist mit „Nationales Credo“ überschrieben. In diesem Glaubensbekenntnis ist zunächst nur von magyarischem Stolz, von Ehre, Gott und Vaterland die Rede, bevor auch die Menschenwürde Erwähnung findet.

Orban macht sich durch seine Kultur- und Geschichtspolitik zum ideologischen Vordenker und Schiedsrichter der Nation. Dabei bleibt manches im Diffusen. So mischen sich Anleihen beim völkischen Gedankengut des autoritären Staatschefs der Zwischenkriegszeit, des Hitler-Verbündeten Miklos Horthy, mit Rückgriffen auf die ruhmreichen Traditionen des mittelalterlichen magyarischen Großreiches. Die Orban-Verfassung beruft sich ausdrücklich auf die Staatsgründung unter König Stephan dem Heiligen im Jahr 1000.

Dörner will diese Tradition als Intendant pflegen. Der 58-Jährige hat an verschiedenen Theatern im ganzen Land gespielt, Filme gedreht und war als Synchronsprecher von Bruce Willis, Eddie Murphy und Michael Douglas erfolgreich. Mit „ausländischem Müll“, wie er es nun formuliert, will er seine Bühne künftig allerdings nicht beladen. Stattdessen möchte er den Namen des Hauses in Hinterland-Theater umbenennen – wobei der Begriff Hinterland „das unter dem Joch der Linksliberalen stöhnende Ungarn bezeichnen soll“.

Das Wort vom „linksliberalen Joch“ gehört ebenfalls zum Standardvokabular der Rechten. Der Begriff verweist nicht nur auf die Herrschaft der Kommunisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern vor allem auf das Wirken der Vorgängerregierung unter dem Sozialisten Ferenc Gyurcsany. Der hatte das Land nah an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds gesteuert, an dem Ungarn noch immer taumelt. In einer berüchtigten, später publik gewordenen Geheimrede hatte Gyurcsany 2006 Wählerbetrug eingestanden. Über die finanzielle Lage des Landes habe seine Partei „von Anfang bis Ende durchgelogen“, sagte er. Und weiter: „Wir haben es verschissen, und zwar komplett.“

Vor diesem Hintergrund ist das Feindbild von der „kranken linksliberalen Hegemonie“, das Orbans Verbündeter Dörner vor sich her trägt, noch immer dazu angetan, einen Großteil der Ungarn hinter der Regierung zu vereinen. Dies wiederum nährt den Verdacht, dass es Orban und seinen Verbündeten bei aller ideologiegetränkten Wortwahl zuallererst um eines geht: den Machtausbau. Orbans Ziel, so formuliert es der in Budapest geborene Wiener Sozialwissenschaftler Peter Stiegnitz, sei nicht der Aufbau eines faschistischen, sondern eher eines patriarchalisch-autoritären Herrschaftssystems. „Viktor Orban würde sich gern zum König krönen lassen“, sagt Stiegnitz. Das Bühnenbild dazu liefert künftig György Dörner.

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