Die Botschaft der Kälte

Warum erfrieren in Osteuropa Hunderte Menschen? Manches an der Kältekatastrophe ist hausgemacht. Ein Kommentar…

Hören Sie dazu: http://www.drs4news.ch/www/de/drs4/sendungen/drs4aktuell/5728.sh10211695.html

Die arktische Kälte, die Europa seit Tagen im Griff hält, hat sehr unterschiedliche Folgen. Während sich die meisten Menschen in Mittel- und Westeuropa über das knackige Winterwetter freuen, sterben in Osteuropa zu Hunderten Obdachlose, Alte und Kranke. Am Montag waren es in der Ukraine bereits 135 Menschen, die seit dem Beginn der „Eiszeit“ Ende Januar erfroren sind. In Polen starben 62 Personen. In Rumänien und Russland gibt es ebenfalls Dutzende Opfer.

Die Kältekatastrophe im östlichen Teil des Kontinents ist keineswegs allein damit zu erklären, dass die Temperaturen etwa in der Ukraine mit 30-35 Grad unter dem Gefrierpunkt sibirisches Niveau erreichen. Vielmehr werfen die hohen Opferzahlen ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Realität in den Ländern des Ostens.

Das bitterste Beispiel ist die Ukraine. Dort befindet sich der Staat in den Händen einer mafiosen Clique von zwielichtigen Wirtschaftsbossen, den sogenannten Oligarchen. Seit 20 Jahren plündern sie das Land aus. Daran hat auch die demokratische Orangene Revolution des Jahres 2004 nichts geändert. Die Oligarchen haben Milliardenreichtümer angehäuft und protzen mit Luxusyachten und anderen Statussymbolen. Die Bevölkerung dagegen friert und hungert – und dies nicht erst, seit das sibirische Hochdruckgebiet „Cooper“ das Regiment übernommen hat.

Im noch warmen Herbst 2011 demonstrierten Zehntausende Rentner, Tschernobyl-Veteranen und Afghanistan-Invaliden, weil die Regierung ihnen die Sozialhilfen gekürzt hatte. Schlimmer noch: Die Infrastruktur im Land ist bis ins Mark marode und droht, wenn sie nicht gerade Oligarchen-Besitz versorgt, zusammenzubrechen. Vor allem deshalb sterben derzeit so viele Menschen im größten rein europäischen Flächenstaat des Kontinents.

Doch auch im EU- und Wirtschaftswunderland Polen gibt es noch viel zu tun, wie die Kältewelle zeigt. Zwischen Oder und Bug kommen derzeit nicht nur Obdachlose und Alkoholkranke ums Leben, die im Freien einschlafen und nie wieder aufwachen. Fast 40 Opfer sind in dieser Personengruppe bereits zu beklagen. Mehr als ein Dutzend Menschen ist aber auch in ihren Häusern an Kohlenmonoxidvergiftungen gestorben, weil die Heizungssysteme defekt waren. Das sagt mehr über den nach wie vor großen Modernisierungsbedarf im Land aus als alle ökonomischen Kennziffern. Das West-Ost-Gefälle in Europa bleibt hoch.

Ändern ließe sich dies nur, wenn die EU und ihre stärksten Mitglieder wie Deutschland und Frankreich dies als vordringliche Aufgabe ernst nehmen würden. Das Gegenteil ist der Fall. In Brüssel, Paris und Berlin hat sich in den vergangenen Jahren eine Ost-Ernüchterung breitgemacht. Das mag durchaus verständlich sein, wenn man etwa auf die haarsträubende Entwicklung der Ukraine schaut. Aber es ist auch höchst gefährlich, wenn man beispielsweise an die EU-Ernüchterung in Polen und die Absetzbewegungen in Ungarn denkt.

In der Ukraine hat Präsident Viktor Janukowitsch sich mit seiner Schaukelpolitik zwischen Russland und dem Westen verspekuliert. Die Annäherung an die EU ist nicht nur wegen der Inhaftierung von Oppositionsführerin Julia Timoschenko blockiert. Demokratie und Rechtsstaat sind derart heruntergekommen, dass Kiew derzeit kein Partner für Brüssel ist. In Polen wiederum, dessen Bürger einst glühende EU-Enthusiasten waren, fragen die Menschen immer lauter, was ihnen die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft eigentlich bringt. Einen Beitritt zur Euro-Zone lehnen drei Viertel der Bevölkerung ab.

In Ungarn schließlich fordert der rechtspopulistische Ministerpräsident Viktor Orban die EU heraus. Brüssel muss als Sündenbock für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes herhalten. Bei vielen Menschen stößt dies auf offene Ohren. Ein Austritt Ungarns aus der EU ist nicht mehr völlig undenkbar. Damit aber wächst die Gefahr, dass sich nach dem Desaster der Währungsunion auch die EU-Osterweiterung als Fehlschlag erweisen könnte. Auch dies ist eine Botschaft, die das Kältehoch „Cooper“ auf seinem Weg nach Westen mit sich führt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.