Ein Lächeln am kleinen Freitag

Warum den Polen manchmal das Lachen vergeht. Ein Zwischenruf aus Warschau…

Kellner und Kellnerinnen sollten schon von Berufs wegen freundliche Menschen sein. So denkt man. In meinem Warschauer Lieblingsrestaurant jedoch serviert eine junge Frau das Essen, die einen Gesichtsausdruck vor sich her trägt, für dessen Beschreibung das Wort Leichenbittermiene erfunden worden sein muss. Umso erstaunter war ich, als sie mir neulich ein kurzes Lächeln schenkte. Vor Überraschung rutschte mir die Frage nach ihrem Befinden heraus. „Danke, gut“, antwortete sie ebenso irritiert wie knapp, um im Gehen hinzuzufügen: „Es ist schließlich kleiner Freitag.“

„Kleiner Freitag“ nennt die arbeitende Bevölkerung in Polen den Donnerstag. Das soll heißen: Der Donnerstag ist fast schon ein Freitag, und damit hat im Grunde bereits das Wochenende begonnen. Mir gefällt die Idee, zumal sie sogar meine notorisch übellaunige Kellnerin zum Lächeln bringt. Außerdem mag ich das Wortspiel. Als  „großen Freitag“ bezeichnen die Polen nämlich den Karfreitag. Und hier wie dort geht es schließlich im weitesten Sinne um Erlösung.

Nun gut, das ist sehr assoziativ gedacht. Vielleicht führt diese Interpretation auch zu weit weg von der polnischen Wirklichkeit. Denn genau genommen kann in Warschau für viele Menschen von Erlösung am Wochenende keine Rede sein. Samstage und selbst Sonntage sind hier  nämlich so eine Art „kleine Montage“. In vielen Branchen wird gearbeitet wie an Werktagen auch. Nicht nur Supermärkte und Postfilialen bleiben geöffnet, sondern auch zahlreiche Arztpraxen, Friseurgeschäfte und selbstverständlich die riesigen Shoppingmalls auf der grünen Wiese.

Es kann durchaus praktisch sein, am Sonntagabend um 21 Uhr schnell noch ein paar Einkäufe machen zu können, ohne zur Tankstelle pilgern zu müssen. Aber ist es wirklich nötig? Im Boomland Polen kann jedenfalls von Entschleunigung keine Rede sein. Viele Menschen haben zwei oder drei Jobs. Das betrifft vor allem die jungen Leute unter 30, die oft in Zeitverträgen ohne Kündigungsschutz arbeiten. „Müllverträge“ heißen die Abmachungen im Volksmund, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden.

Das Durchschnittseinkommen hat in Polen soeben erstmals die 1000-Euro-Marke durchbrochen – brutto, versteht sich. Viel Geld ist das nicht, zumal sich das Preisniveau im Eiltempo westlichen Standards annähert. Meine Kellnerin bekommt keine 500 Euro (plus Trinkgeld). Dennoch sind die meisten Polen mit viel Energie dabei, sich und ihr Land voranzubringen. Ich kann da nur den Hut ziehen. Und etwas mehr Trinkgeld geben – selbst wenn das Lächeln öfter einmal ausbleibt.

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