Der Tod kommt im Schlaf

Sibirische Kälte hält Polen und ganz Osteuropa in ihrem Würgegriff. Darunter leiden besonders die Obdachlosen. Eine Spurensuche in Warschau…

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Passanten in Warschau wärmen sich an einem Koksownik, einem gusseisernen Kohlekorb, wie er aus der Zeit der Kriegsrechtswinters 1981/82 bekannt ist. (Foto: Krökel)

Ein Dutzend Männer und Frauen schart sich um den gusseisernen Gittereimer, in dem müde ein Haufen Briketts glimmt. Dichte Rauchschwaden steigen empor. Doch die Wärme, die von der provisorischen Feuerstelle hinter die Absperrung dringt, kann es mit dem Frost nicht aufnehmen. 17,5 Grad unter null zeigt das Thermometer am Warschauer Platz der Verfassung an. Die sibirischen Hochdruckgebiete „Cooper“ und „Dieter“ drücken seit Tagen eisige Luftmassen nach Polen. 20 Menschen sind seit dem Wochenende landesweit erfroren. Meist trifft es Männer wie Janusz, der an diesem heraufdämmernden Mittwochmorgen seine speckigen Handschuhe der Kohleglut entgegenstreckt. Die abgegriffene Fellmütze und der verfilzte graue Vollbart rahmen ein farbloses Gesicht ein, von dem fast nur die kraftlosen Augen zu sehen sind.

Janusz ist obdachlos. „Ich lebe hier und dort“, sagt er mürrisch. Er mag 60 Jahre alt sein, vielleicht auch erst 50. Verraten will er es nicht. Dass er seinen Namen genannt hat, bereut er bereits. Er möchte nicht reden. Mit einem Gefährten steht er am Koksownik auf dem Verfassungsplatz, mitten zwischen all den Berufstätigen, die hier auf ihren Bus oder die Tram warten. Koksowniki nennen die Polen jene eisernen Brikettkörbe, die während des Kriegsrechts im Winter 1981/82 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten. Damals wärmten sich an der Glut die Soldaten, die das Land und das Leben kontrollierten. 30 Jahre später hat die Stadtverwaltung in Warschau 43 Koksowniki aufgestellt, damit sich an zentralen Orten Passanten und Obdachlose zumindest ein wenig vor „Cooper“ und „Dieter“ schützen können.

Janusz friert trotzdem. Das ist ein gutes Zeichen, denn es ist ein Lebenszeichen. Seit Tagen rufen die Behörden die Bevölkerung in der Hauptstadt auf, „ein besonderes Augenmerk auf obdachlose Mitbürger zu richten“. Der Tod durch Erfrieren kommt schnell, und er kommt meist im Schlaf. „Obdachlose trinken gegen die Kälte oft Alkohol, schlafen im Freien ein und wachen nie wieder auf“, erklärt eine Beamtin der Stadtwache, die am Verfassungsplatz nach dem Rechten sieht. Sie redet auf Janusz und seinen Begleiter ein, mitzukommen. Man könne sie im warmen Auto zu einer Sozialstation fahren. Dort gebe es Brot, eine heiße Brühe und einen ruhigen Platz zum Schlafen. Doch Janusz will nicht. Er tritt den Rückzug an. Sein Gefährte murrt, doch dann verschwinden die beiden in Richtung U-Bahn.

Man kann den Frost an diesem Morgen über dem Boden stehen sehen. Die unteren Luftschichten verdichten sich. Aus den Gullys der Abwasserschächte steigt Dampf. Der holzige Geruch der Braunkohleheizungen mischt sich mit dem Gestank der Autoabgase. „Die meisten Obdachlosen verkriechen sich in diesen Tagen in Unterführungen, Bahnhofshallen oder Gartenlauben“, sagt die Beamtin der Stadtwache schulterzuckend. „Wir können nicht mehr tun als Hilfe anbieten.“

Wer das große Los zieht, findet im Winter Zuflucht in einem Tunnel der Fernwärmeversorgung. Doch die Plätze dort sind bekannt, und sie sind hart umkämpft. 300.000 Obdachlose soll es in Polen geben, schätzt die nichtstaatliche Wohlfahrtsorganisation Monar. Daran habe sich trotz des Wirtschaftswunders der vergangenen Jahre nicht allzu viel geändert. Wer auf der Straße lebt, dem hilft auch kein Aufschwung, sagen Experten. Das Sozialministerium gibt die Zahl der Betroffenen mit gerade einmal 30.000 an. Eine belastbare Statistik gibt es nicht.

Unstrittig ist, dass die Älteren und Schwächeren, die ein langes Leben auf der Straße hinter sich haben, bei sibirischem Dauerfrost als Erste auf der Strecke bleiben. Alljährlich erfrieren in Polen 200 bis 300 Menschen, fast ausnahmslos Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige. In diesem Winter hat das Innenministerium seit November „erst“ 58 Frosttote gezählt. Bis „Cooper“ kam, war es vergleichsweise warm im Land. Doch jetzt wütet die Kälte, und dies nicht nur in Polen. In Russland sind in den vergangenen Tagen mindestens zwei Dutzend Menschen an Unterkühlung gestorben, in Rumänien 14 und in der Ukraine sogar 43. Dort sind nicht nur die Temperaturen mit bis zu 32 Grad unter dem Gefrierpunkt noch eisiger als in Polen, wo bislang nur 25 Grad unter null gemessen wurden. In dem größten rein europäischen Flächenstaat ist zudem die Infrastruktur so marode, dass vielerorts Heizungen oder der Strom ausfallen.

Die Regierung in Kiew hat mehr als 1500 Notstationen eingerichtet, in denen sich Obdachlose aufwärmen können. Doch längst nicht alle Betroffenen kommen. Davon weiß in Polen Pater Marcin Brzeziński ein trauriges Lied zu singen. Der Vizedirektor des katholischen Hilfswerks Caritas berichtet stolz, dass seine Organisation landesweit rund 10.000 Schlafplätze für Obdachlose anbietet. „Allein in Warschau sind es 1568“, rechnet er vor. Doch wer an ein Leben im Freien gewöhnt ist, dem sei es in den Asylstationen oft zu eng. „Unsere Heime sind nicht aus Gummi. Ein Stück Fußboden, eine Matratze und eine Wolldecke muss manchmal als Nachtlager ausreichen“, sagt Brzeziński.

Was der Pater meint, offenbart ein einziger Blick in den Schlafsaal des Monar-Zentrums für Nächstenhilfe im Warschauer Arbeiterstadtteil Praga. Rund 20 Etagenbetten reihen sich dort aneinander. An den dünnen Metallgestellen hängen zerfledderte Plastiktaschen mit den wenigen Habseligkeiten der Bewohner. Aus der nahen Küche zieht der Dunst von Sauerkraut herüber. Der hohe, weiß gekalkte Raum mit dem gekachelten Fußboden wirkt wie die Sammelunterkunft eines Straflagers. In Wirklichkeit diente das abgeschiedene Gebäude früher als Heizkraftwerk des nahen Warschauer Ostbahnhofs. Hinter dem Gelände beginnt der Bahndamm. Güterzüge rattern vorbei. Die nächsten Wohnhäuser sind mehrere hundert Meter weit entfernt.

Drei Männer sitzen an einem Tisch und spielen Karten. Andere Bewohner liegen trotz der nahenden Mittagszeit auf ihren Pritschen. Streit zwischen den Hilfesuchenden, die von außen betrachtet doch so etwas wie Leidensgenossen sein sollten, ist keine Seltenheit. Auch deshalb sucht ein Drittel der Obdachlosen in Polen selbst im härtesten Winter keine Zuflucht in einer Notunterkunft. „Wir haben fast täglich die Polizei hier“, erzählt Sandra Burzynska. Die Sozialarbeiterin ist ein Fremdkörper in dem Männerheim. Sie ist stark geschminkt, als habe sie eine Schutzschicht auftragen wollen. Mitte 20 mag die junge Frau sein. Sie lacht viel, sagt aber auch: „Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel, ich fühle mich manchmal wie Don Quixote.“

Das Heim in Praga dient vor allem als „Auffangbecken für gescheiterte Existenzen“, wie es Burzynska formuliert. „Die meisten Männer hier sind Alkoholiker, überschuldet, oder sie haben irgendein Familiendrama hinter sich. Sie haben schlicht keine Kraft mehr zum Leben. Bei uns können sie auftanken.“ In Polen ende die Kündigungsfristen von Wohnungen oft nach nur vier Wochen. „Wer die Miete nicht zahlen kann, sitzt schnell auf der Straße“, erklärt die Sozialarbeiterin. Für maximal sechs Monate kommen diese Männer im Monar-Asyl unter. 80 Personen belegen dort derzeit 60 Betten. Das ist auch dem Frost geschuldet. „Im Winter bieten wir aber auch eine 24-Stunden-Aufwärmstation an“, sagt Burzynska und weist den Weg.

In dem engen Raum drängen sich mehrere Dutzend Männer. Sie tragen zerschlissene Jeans, dicke Wollpullover oder Steppjacken. Einige haben Turnschuhe an den Füßen. Vor „Cooper“ und „Dieter“ kann all das kaum einen Schutz bieten. Es riecht nach Nikotin, Alkohol und Schweiß. Reden will niemand. „Raus hier!“, schreit einer. „Wie viel zahlst du, damit ich dir was erzähle?“, will ein anderer wissen. Alkoholkonsum ist in polnischen Obdachlosenunterkünften verboten. Doch jetzt, da draußen der Frost sein lebensbedrohliches Regiment führt, dulden die Betreuer mehr als sonst. „Für mich zählen die kleinen Erfolge“, sagt Sandra Burzynska und überlegt einen Moment. Dann fügt sie nachdenklich hinzu: „Eigentlich ist doch jeder, der zu uns kommt, statt zu erfrieren, ein Punktsieg für mich.“

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