„Friedrich der Große war für uns Polen immer der Täter“

Polen erinnert sich zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen am 24. Januar nur ungern an den „Alten Fritz“. Eine Spurensuche im ehemaligen Westpreußen.

Die Gestalt im grauen Sackkleid krümmt sich in einer düsteren Nische der fensterlosen Zelle. Strohige Haarsträhnen fallen in das fahle Gesicht der Frau. Mit toten Augen starrt sie ins Leere. Vielen Besuchern fährt beim Anblick der Wachsfigur ein Schreck in die Glieder. Katarzyna Czajkowska bereitet das sichtlich Freude. Die Stadtführerin mag die Folterkammer im Danziger Stockturm. „Man lernt hier, was Freiheit bedeutet“, sagt sie.

Freiheit – das Wort ist in Danzig allgegenwärtig. „Mehr als 1000 Jahre ist diese Stadt alt. Und die Bürger haben stets nur eines im Sinn gehabt: ihre Unabhängigkeit“, sagt Czajkowska und führt den Gast aus dem Stockturm hinaus auf den Langen Markt. Der Nieselregen trübt den Blick auf die reich verzierten Fassaden der Kaufmannshäuser im Herzen der Hansestadt. Zuletzt ging von hier 1980 die Revolte der Solidarnosc aus, die das Ende des Sowjetkommunismus einläutete. „Fremde Herrscher waren hier nie willkommen. Deswegen werden Sie in Danzig auch nichts finden, das an Preußenkönig Friedrich erinnert“, erklärt Czajkowska. Den Beinamen „der Große“ vermeidet sie. „Friedrich hat Danzig im Würgegriff gehalten“, sagt die Fremdenführerin und wirft einen Blick zurück zum Gefängnisturm.

Friedrich ließ nicht foltern. Im Gegenteil: Als „erster Diener seines Staates“ hatte er sich den Prinzipien der Aufklärung verschrieben. „Lieber 20 Schuldige laufen lassen als einen Unschuldigen opfern“, lautete seine Devise. Aber der „Alte Fritz“ war Machtmensch genug, um seine politischen Ziele mit eisernem Willen durchzusetzen. Polen bekam dies mit voller Wucht zu spüren. Der Preußenkönig drängte die russische Zarin Katharina und Österreichs Kaiserin Maria Theresia dazu, die eigenen Herrschaftsgebiete auf Kosten der krisengeschüttelten Adelsrepublik auszuweiten. In der ersten Teilung Polens annektierte Friedrich das von nun an Westpreußen genannte Gebiet an der unteren Weichsel. Der politische Willkürakt von 1772 ebnete den Weg zur vollständigen Zerschlagung Polens, die bis zum Ersten Weltkrieg Bestand haben sollte.

„In Danzig will niemand etwas davon hören, dass Friedrich am 24. Januar 300 Jahre alt geworden wäre“, sagt Czajkowska. „Für Polen und für Danzig war seine Politik eine Tragödie. Er hat uns das Wichtigste genommen: die Freiheit.“ Die Stadtführerin bleibt vor dem Zeughaus stehen, dem historischen Waffenarsenal mit seinen geschwungenen Giebeln. Neckisch wirkt das, nicht kampfeslustig. Das Militärische war nie die Stärke Danzigs. Friedrich dagegen war der Sohn des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Daraus entwickelte sich ein ungleiches Ringen.

Danzig war nach der Teilung von 1772 bei Polen geblieben. Deshalb grub Friedrich der alten Hansestadt in den Jahren danach buchstäblich das Wasser ab. Preußisches Militär besetzte die Hafenzufahrten und behinderte den Weichselhandel durch ausufernde Zollerhebungen und andere Schikanen. Friedrichs Ziel war es, den Schiffsverkehr ins nunmehr preußische Elbing umzuleiten. Die Rechnung ging auf. Die Ein- und Ausfuhren von und nach Danzig brachen um rund zwei Drittel ein. 1793 fiel die Stadt in der zweiten Teilung Polens wie eine überreife Frucht an Preußen.

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Lech Slodownik vor dem Königshaus in Elbing. (Foto: Krökel)

Elbing dagegen blühte nach 1772 auf.Erinnert man sich dort wohlwollender an Friedrich? Die verfallenen Außenbezirke der Provinzstadt unweit des Frischen Haffs zeugen von einem langen Niedergang. Keine Spur ist mehr zu finden von friderizianischer Pracht. Der Weltkrieg hat Wunden geschlagen, die in der Zeit des real existierenden Sozialismus nicht heilen konnten. Brachflächen zerfurchen das Stadtgebiet. Von leer stehenden Plattenbauten bröckelt der Putz. „Viele junge Leute verlassen die Stadt“, erklärt Lech Slodownik. Der frühpensionierte Geschichtslehrer verdient sich in Elbing als Fremdenführer etwas Geld hinzu. Der 58-Jährige mit den zahllosen Lachfalten um Mund und Augen gestikuliert gern. „Die Jungen gehen heute nach Danzig“, sagt er und macht ein schmerzverzerrtes Gesicht.

Slodowniks Erzählfreude steht in scharfem Kontrast zu den nachdenklichen Einlassungen von Wieslawa Domino. Die Elbinger Kunsthistorikerin hat einen eher hintergründigen Humor. „Wir denken nur deshalb gern an Friedrich den Großen, weil wir uns an seine Hundeliebe erinnern“, sagt die Kustodin des Museums für Stadtgeschichte. Durch die dicken Gläser ihrer Brille ist das lustige Leuchten der Augen erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das ungleiche Paar hat sich in Dominos Museumsbüro zusammengefunden, um über Elbing und den „Alten Fritz“ zu plaudern.

„Ja, er war ein Hundenarr“, sagt Slodownik, während Domino gedankenverloren in den Papieren und Büchern stöbert, die sich auf ihrem Schreibtisch stapeln. „Die Tiere hat er über alles geliebt. Es war sein letzter Wille, neben seinen Hunden beigesetzt zu werden. Das hat man gemacht, wenn auch erst bei seiner Umbettung 1991. Aber das ist doch großartig. Und Elbing war er auch wohlgesonnen“, erklärt der ehemalige Lehrer. Schließlich wird Domino fündig. „Sehen Sie: Er war sogar hier!“

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„Friedrich der Große 1773 in Elbing“: Reproduktion eines Wandgemäldes von Richardt Pfeiffer (1912). (Foto: Archäologisch-historisches Museum des Stadt Elbing)

Die Kunsthistorikerin zeigt in einem Buch auf die Reproduktion eines Gemäldes.Es stellt Friedrich II. auf der Treppe vor dem Elbinger Königshaus dar. Die Szene spielt 1773, kaum ein Jahr nach der ersten Teilung Polens. Stadtvertreter begrüßen ihren neuen Herrn. „Friedrich bereiste damals seine westpreußischen Erwerbungen. Für Elbing war das ein echter VIP-Besuch“, sagt Slodownik und lacht. Das Bild des Königsberger Malers Richard Pfeiffer aus dem Jahr 1912 zierte bis in die Nachkriegszeit hinein die Aula eines Elbinger Gymnasiums. Dann ließen die kommunistischen Stadtväter die unerwünschte Kulisse übermalen.

Domino fördert aus einem Papierwust einen historischen Bericht „Über die Besitznahme der Stadt Elbing“ zu Tage. Friedrich wird dort mit dem Satz zitiert: „Die Herren sollen es unter meiner Regierung besser haben.“ Slodownik nickt kräftig. „Ja, der Alte Fritz hat sein Versprechen gehalten, auch wenn er Elbing vor allem aus strategischen Gründen im Ringen mit Danzig unterstützte. Unsere Stadt erlebte Ende des 18. Jahrhunderts einen Wirtschaftsboom“, erklärt er lautstark. Domino ist skeptischer. „Ja, finanziell ging es bergauf“, sagt sie. Doch dann fügt sie leise hinzu: „Trotzdem hat Friedrichs Name in Elbing wie in ganz Polen bies heute keinen guten Klang. Er hat die Zerschlagung des Landes begonnen. Für uns Polen war Friedrich der Große immer der Täter.“

Slodownik nimmt es hin. Der Geschichtslehrer in ihm weiß, dass die große Mehrheit seiner Landsleute so denkt. Als letztes Wort dieser preußisch-polnischen Geschichte will der Fremdenführer den Satz vom „Täter Friedrich“ aber nicht stehen lassen. Er lädt zu einem Spaziergang zum wiedererrichteten Elbinger Königshaus ein. „In den 60er Jahren hat das kommunistische Regime die Überreste des im Weltkrieg zerstörten Gebäudes abtragen lassen“, erklärt er. Seit der politischen Wende von 1989/90 entsteht die Elbinger Alstadt im traditionellen hanseatisch-preußischen Stil neu.

Im Königshaus hat vor wenigen Wochen ein Vier-Sterne-Hotel seine Pforten geöffnet. Auch eine Vortreppe gibt es wieder, wie 1773 beim Besuch des großen Preußenkönigs. Im Innern jedoch weist das moderne Design auf den Beginn einer neuen Zeit hin. „Genau genommen ist dieses Gebäude alles, was in Elbing an den Alten Fritz erinnert. Aber es ist doch immerhin ein Zeichen der Würdigung“, erklärt Slodownik und strebt einem geräumigen Restaurantbereich zu. „Das ist der Friedrich-Saal“, sagt er und öffnet mit ausladender Geste die Tür. Schwarze, weiße und rote Stühle gruppieren sich um die Tische. Es ist eine Kombination aus den preußischen Farben Schwarz und Weiß mit dem Weiß-Rot des Elbinger Stadtwappens und der polnischen Nationalflagge.

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