Das höchste aller Güter

Der polnische Botschafter in der Bundesrepublik hat sich die Frage erlaubt, ob es in Deutschland zu leicht sein könnte, Autos zu stehlen. Er löste damit einen Sturm der Empörung aus. Ein Zwischenruf…

Wenn es um Autos geht, verstehen weder Deutsche noch Polen irgendeinen Spaß. Persönlich begreife ich das zwar nicht, nehme es aber als Tatsache zur Kenntnis. Für mich ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand wie ein Bügeleisen oder ein Toaster. Entsprechend genervt bin ich jeden Abend wieder, wenn der wichtigste polnische Nachrichtensender um 18.30 Uhr für eine halbe Stunde sein Radioprogramm unterbricht, um im „Täglichen Auto-Magazin“ über alles zu berichten, was vier Räder hat. Da mag in Japan die Erde beben, bis ein AKW wackelt – 18.30 Uhr ist Auto-Zeit.

In Deutschland sieht man die versammelte Nachbarschaft zwar nicht mehr gar so oft an Samstag-Nachmittagen kollektiv Karosserien wienern wie noch vor 20 Jahren. Man lässt inzwischen lieber putzen. An der Vergötterung des Automobils hat das allerdings kaum etwas geändert, wie ich kürzlich bei einer Stippvisite in einer niedersächsischen Provinzstadt erfahren musste. Als ich mich nach einem Besuch gerade wieder auf den Weg nach Warschau machen wollte, erwischte mich der Rentner von gegenüber. „Wo geht’s denn hin?“, eröffnete er sein Verhör. Die Antwort „nach Polen“ verschlug ihm für einen Moment die Sprache. Dann aber entfuhr es ihm: „Und das Auto? Wo stellen Sie Ihr Auto ab?“

Ja, wo stellt man in Polen eigentlich sein Auto ab? Östlich der Oder wird schließlich jeder fahrbare Untersatz geklaut. So zumindest behauptet es der deutsche Volksmund. Vorurteilsfrei ist das zwar nicht unbedingt, aber immerhin geht es ja auch um das vermeintlich höchste aller irdischen Güter.

Den polnischen Botschafter in Berlin, Marek Prawda, hat die „Jeder-Pole-klaut-Autos-These“ kürzlich regelrecht auf die Zinne getrieben. Er empfahl den Deutschen, einmal darüber nachzudenken, ob ihre Autos nicht zu leicht zu stehlen seien. Viel hätte nicht gefehlt, und der folgende Sturm der Entrüstung hätte den schmächtigen Herrn Prawda hinweggefegt. Aus armen deutschen Opfern wollte der böse Botschafter fahrlässige Mittäter machen! Selbst Regierungschef Donald Tusk musste schlichtend eingreifen.

Es ist ja wahr: Autodiebstähle sind in der deutsch-polnischen Grenzregion ein Problem. Aber kann man nicht einfach versuchen, dieses Problem zu lösen, statt daraus eine Staatsaffäre zu machen? Ich würde als Erstes eine Programmänderung im Radio vorschlagen. Denn wahrscheinlich hören Polens Langfinger einfach zu oft das „Tägliche Auto-Magazin“.

P.S.: Meinen Wagen stelle ich seit Jahr und Tag auf offener Straße vor meiner Warschauer Wohnung ab. Bislang fehlt nichts.

One comment

  1. ah bitte, wenn man, wie z.B ich, zum 300sten Mal den Polen-klauen-Stereotypen erzählt bekommt (wie würden sich eigentlich Deutsche die im Ausland leben fühlen wenn sie dauernd Nazi-Referenzen hören müssten) dann wird man irgenwann einfach nur zynisch.Es gibt ja auch den Stereotypen dass Deutsche keinen Humor haben 😉 Vielleicht sagt der Botschafter aber ja auch die prawda (Wahrheit)- Wenn man sich z.B mal dt. Touristen anschaut die nachts im abgewracktesten Viertel Neapels mit ihrem Geldbeutel um den Hals gehängt anschaut kann man sich über derartige Sorglosigkeit nur verwundert die Augen reiben.

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