Polen-Bömbchen

Eine neue EU-Richtlinie schreibt europaweit einheitliche Regeln für den Gebrauch von Feuerwerkskörpern vor. Was wird nun aus den berühmt-berüchtigten Polen-Böllern? Ein Zwischenruf…

So ganz dahintergekommen, warum das so ist, bin ich zwar noch nicht. Unstrittig aber ist: Für die meisten Polen zählen vor allem Größe und Masse. Denken Sie nur an die überdimensionierte und selbstverständlich weltgrößte Jesus-Statue, die vor einem Jahr im westpolnischen Swiebodzin geweiht wurde. Seit dieser Weihnacht hat Polen auch die global größte Christbaumkugel. Sie steht (!) in Swidnica bei Breslau auf einem Podest, weil man bei dem Versuch, das tonnenschwere „Bömbchen“ an einen Zweig zu hängen, natürlich im Nu jede Tanne plattmachen würde. „Bombki“ nennen die Polen ihren Baumschmuck übrigens tatsächlich.

Womit wir beim nächsten Fall von Massenwahn wären. Eine bestimmte Sorte Silvesterböller trägt in Polen die Bezeichnung „atomówka“. Kleine Atombomben sollen die Knaller sein, und damit es auch ordentlich rumst, mischen die Hersteller die maximale Menge an Schwarzpulver oder noch etwas ganz anderes in ihre Böller. Viel hilft schließlich viel. „Das reißt ein Loch in den Boden, das sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, schwärmen Pyro-Freaks in Internetforen.

Andere „Polen-Böller“, wie wir die Bömbchen in Deutschland arg verallgemeinernd nennen, heißen „Totenköpfe“, was dem Wesen der Sache näher kommt. Denn man kann es nicht oft genug sagen: Diese sogenannten Feuerwerkskörper sind gefährlich, mitunter lebensgefährlich! „Niemand kann einschätzen, was genau wann und warum passiert“, sagen Knall-Experten der Polizei. Denn niemand weiß, ob das, was da in den Handel kommt, nicht im Bastelkeller zusammengemischt worden ist. Denken Sie also erst gar nicht darüber nach, sondern kaufen Sie sich eine schöne Schachtel handelsüblicher Knallfrösche. Das macht dann zwar nur „Fffft“ und keinen Spaß, ist aber gesünder. Und Sie haben sich doch schließlich noch etwas vorgenommen für 2012, oder?

Nun fragen Sie sich bestimmt, warum ich ausgerechnet uns Deutschen mehr gesunden Menschenverstand, aber auch weniger Geschick im Umgang mit Böllern zutraue als unseren polnischen Nachbarn. Das ist, wie so oft, eine Frage der Übung. In Polen ist das Zünden von Knallern ganzjährig erlaubt. Und wer regelmäßig im Training ist, kann zum großen Finale mehr leisten. Das muss man neidlos anerkennen und sich zu Silvester auf sein deutsches „Fffft“ beschränken.

Ich vergaß: Dieses Jahr soll ja alles anders werden. Deutsche und Polen bekommen einheitliche EU-Böller. Wer es glaubt! Schließlich ging es bei den echten Polen-Böllern noch nie um handelsübliche Ware. Die kommt auch jenseits der Oder aus Asien. Die Chinesen haben bislang einfach mehr Schwarzpulver reingemischt und ihre „Atombömbchen“ nach Polen geschickt. Wir haben nur die Frösche gekriegt. Künftig gibt es also genormte EU-China-Böller. Schön!

Wer zuerst auf den Namen Polen-Böller verfallen ist, ist nicht bekannt. Im Sinn gehabt hat er jedenfalls keine Asia-Mischung. Echte Polen-Böller entstehen in liebevoller Heimarbeit. Da mixt dann irgendein Jarek oder Leszek Perchlorat statt Schwarzpulver hinein. Nur zum Beispiel. Das kracht anschließend, als ob ein steinerner Riesen-Jesus in sich zusammenstürzen würde oder das Christbaum-Bömbchen von Swidnica unkontrolliert ins Rollen geraten wäre. Schon geil, so ein Knall.

Ich wiederhole: Denken Sie erst gar nicht daran, belassen Sie es beim „Fffft“ und halten Sie sich an die EU-Richtlinie 2007/23/EG. Und sagen Sie das in Gottes Namen auch ihren Kindern!

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