Im ersten Kreis der Hundehölle

Polens Tierheime sind chronisch unterfinanziert und heillos überfüllt – ein Ortstermin…

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Beißender Rauch wabert über das Gelände des Tierasyls im Wald von Celestynow. (Fotos: Krökel)

Die Villa im Wald ist nicht zu verfehlen. Schon von Ferne dringt ein Gewirr aus Hundelauten herüber. Kurzes, abgehacktes Kläffen mischt sich mit kehligem Gebell. Im Hintergrund schwillt sirenenartiges Jaulen an und wieder ab. Eine Eingangsschleuse aus gusseisernen Gitterstäben führt auf das Gelände des Tierasyls in Celestynow. Nur so lässt sich der Freiheitsdrang der Insassen bändigen.

Jenseits der Sperren stürzen die Hunde in Rudeln herbei, springen und schnappen in die Luft. Ein gedrungener Stafford-Mischling stemmt die Vorderbeine in den Morast, zieht die Lefzen zurück und funkelt den Fremden drohend an. Sein Knurren ist in dem ohrenbetäubenden Lärm nur zu erahnen. Dann stutzt der selbst ernannte Wachhund, fährt sich mit der Zunge über die Schnauze und schaut verloren zur Seite. Schließlich wandern die dunklen Augen wieder zu dem Mann. Jetzt liegt ein Flehen in dem Blick.

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Gebändigte Freiheit: Hunde in Celestynow.

Die „Szefowa“ hinkt herbei und weist die Meute in ihre Schranken.Die wiegenden Schritte fallen der 71-Jährigen sichtlich schwer. Seit Stunden geht Schneeregen nieder und verwandelt den Boden zusehends in Schlamm. Izabella Dzialak hat eine Knieoperation hinter sich. Sie hat auch schon eine Krebserkrankung überstanden. Dennoch kommt sie seit 22 Jahren fast täglich hier heraus in das Tierheim im Wald von Celestynow, 20 Kilometer südöstlich von Warschau. Die 15 Pfleger nennen sie nur „die Chefin“ – Szefowa. Dzialaks Begrüßungsworte gehen im Gebell unter. Die alte Frau zeigt auf das kleine zweistöckige Haus mit den Säulen unter dem Balkon. „Wir reden später in der Villa“, ruft sie, so laut sie kann, und ordnet zunächst einen Rundgang an.

Alles trieft an diesem Tag. Durch die porösen Wellblech-Abdeckungen der Gitterboxen rinnt Schmelzwasser und durchtränkt die verfilzten Felldecken und die modrigen Matratzen, die den Tieren die Kälte des nahenden Winters erträglicher machen sollen. Was nicht mehr nutzbar ist, wird mitten auf dem Hof angezündet. Der beißende Rauch des Schwelbrandes wabert über das Gelände und mischt sich mit dem stechenden Geruch von Kot, faulendem Urin und Essensresten. In einer rostigen Schubkarre steht eine bräunlich-gelbe Masse aus Brühe, Trockenfutter und Nudeln. Knochenreste schwimmen darin. Die Mitarbeiter füllen den Brei mit schmutzigen Schaufeln in Kübel und Näpfe.

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Zum Weglaufen: Die Hunde in Celestynow bekommen einen undefinierbaren Brei zu fressen.

Doch Futter bleibt Futter. Überall dort, wo sich ein Mensch zeigt, springen hungrige Hunde herbei oder drücken ihre Schnauze jaulend durch den Maschendraht der Gatter. Nur die Schwächsten, die Kleinen und Kranken, harren in den notdürftig zusammengenagelten Hütten aus, die hier und da aus dem Schneematsch ragen. Ein zotteliger Terrier lugt mit fiebrigem Blick aus dem Dunkel.

Der Begriff „Hundehölle“ stammt von polnischen Tierschützern. Immer wieder appellieren sie an die Regierung, weil sie die Situation in den rund 100 Tierheimen des Landes für „einen einzigen Albtraum“ halten. So formuliert es Jan Cyndecki vom Verein „Intervention für Tiere“. Die meist von den Kommunen betriebenen Heime sind chronisch unterfinanziert und heillos überfüllt. Allein in Wojtyszki südwestlich von Lodz, einem der größten Tierheime Europas, leben rund 3700 Hunde zwischen Betonmauern in Großgehegen. Im Vergleich dazu ist die Villa in Celestynow mit ihren 400 Bewohnern – mit dem Dichter Dante gesprochen – nur der erste Kreis der Hölle.

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Systemversagen: In Celestynow sind 400 Hunde untergebracht. Es waren schon einmal 900 Tiere – dabei gibt es nur 200 Plätze.

Cyndecki prangert ein „Systemversagen“ an.Es gebe in Polen weder geordnete Verfahren zur Sterilisation und Kastration von Tieren noch ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass heimatlose Lebewesen schutzbedürftig sind. Die staatliche Kontrollbehörde NIK bestätigt diesen Befund. Jeder vierte Hund und jede dritte Katze stirbt demnach in polnischen Tierheimen vorzeitig. In 68 Prozent der Gemeinden gibt es keine Präventionsprogramme. Die Regierung hat zwar zum 1. Januar 2012 die Strafen für Tierquälerei verschärft, zugleich aber einen Sparhaushalt beschlossen. Angesichts der europäischen Schuldenkrise ist kaum Geld da, um Hunden zu helfen.

Tierschützer Cyndecki sieht in dieser „flächendeckenden Tragödie“ ein Erbe der kommunistischen Volksrepublik. „Die bolschewistische Beschränktheit und die Nähe zum wilden Asien haben in unserem Land ihre Spuren hinterlassen“, sagt der Aktivist und bedient damit im Übereifer des Gefechts Klischees. Wie zum Beleg für Cyneckis Theorien machen in diesen Wochen allerdings Berichte aus dem Nachbarland Ukraine die Runde. Dort werden streunende Straßenhunde vielerorts vergiftet und in mobilen Krematorien verbrannt.

In der Villa in Celestynow bietet Izabella Dzialak zur Beruhigung der Nerven stark gesüßten Tee an. Das Haus dient als Büro, Speicher und letzte Zuflucht für die Tiere vor Wind und Wetter. Im Innern riecht es genauso stechend nach bakteriell verseuchtem Urin wie auf dem Hof. „Die Menschen sind es, die das Leben der Tiere zerstören“, sagt Dzialak. Die alte Frau weiß so gut wie Jan Cyndecki, dass es in Polen nicht nur ein Systemversagen bei der Prävention, sondern auch organisierte Kriminelle gibt, die mit illegaler Hundezucht Geld verdienen. Sie verkaufen Welpen ohne jede veterinärmedizinische Kontrolle – meist in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern.

Cyndecki spricht von regelrechten Hundefabriken. Auch die Kontrolleure der NIK monieren dieses „Gewinnstreben“. Geht bei der Hundeproduktion etwas schief, werden die Tiere ausgesetzt und landen bei Izabella Dzialak. Die alte Frau arbeitet dagegen auch mit ihren 71 Jahren noch an, bis zur Erschöpfung. „Ich kann nicht guten Gewissens aufhören“, sagt sie. Auf dem Balkon kauert eine schmächtige weiße Taube im Schutz einer Holzabdeckung. Die Szefowa bettet kurzerhand die Daunenjacke einer Mitarbeiterin darüber, um den verletzten Vogel im Schneeregen zu wärmen.

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Tier-Mama und Szefowa: Izabella Dzialak.

„Ich kann das alles kaum ertragen“,sagt Dzialak und spielt gedankenverloren mit einer Postkarte in ihrer Hand. Es ist ein Spendenaufruf zum neuen Jahr. Die Villa im Wald von Celestynow gehört nicht dem Staat, sondern der gemeinnützigen Gesellschaft zum Schutz der Tiere (TOZ). Haus und Gelände sind das Erbe einer 1971 verstorbenen Tierliebhaberin. Doch zum Betrieb des Heims ist die TOZ auf Spenden angewiesen. „An allen Ecken und Enden fehlt es an Geld, nicht nur für Futter und Material. Meine Leute bekommen sechs Zloty pro Stunde“, sagt Dzialak – umgerechnet 1,40 Euro.

Dzialak selbst nimmt überhaupt kein Geld. „Ich habe zu Hause sechs Hunde, vier Katzen und sogar Wildschweine. Ich bin eine Tier-Mama“, erklärt sie und fügt hinzu: „Ich habe jeden Hund in der Villa gleich lieb. Es ist wie in einem Kinderheim. Man darf niemanden bevorzugen.“ Der Blick wandert hinaus zur Taube. Unten auf dem Hof liefern sich zwei Hunde einen kurzen, aber blutigen Kampf. Hat ihre Tierliebe Izabella Dzialak blind für diese Szenen gemacht?

Vor einem Jahr wollten Amtsveterinäre die „Hundehölle“ in Celestynow schließen. Zu diesem Zeitpunkt lebten 900 Hunde auf dem Gelände, das nur für 200 Tiere ausgelegt ist. „Die Boxen, die Einhegungen, die technische Ausstattung – alles ist in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt nicht einmal eine Quarantänestation für neu aufgenommene Tiere“, urteilten damals die Prüfer. Dzialak mobilisierte die Medien. „Wie kann man nur etwas zerstören wollen, das 40 Jahre lang existiert hat?“, fragt sie.

Am Ende rettete die Ausweglosigkeit der Situation das Überleben der Villa. Angesichts der notorischen Überfüllung auch der kommunalen Heime „wusste niemand, wo die Hunde sonst hin sollten“, erzählt Dzialak und lächelt still. Tierfreunde, auch aus Deutschland, adoptierten in den vergangenen Monaten mehr als 500 Hunde und spendeten viel Geld. Doch noch immer sind mehrere hunderttausend Euro nötig, um alles auf einen tiergerechten Stand zu bringen. „Die Renovierung läuft auf Hochtouren“, sagt Dzialak und zeigt vom Balkon aus auf fünf nagelneue Verschläge. Ein Verein aus Nordrhein-Westfalen hat die Boxen gespendet. Verloren stehen sie in den Rauchschwaden, die vom Müllfeuer herüberziehen. Im ersten Kreis der Hundehölle sind sie kaum mehr als ein Hoffnungsschimmer.

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