Ein Mensch – verankert im Absoluten

Der tschechische Dichter-Präsident Vaclav Havel ist im Alter von 75 Jahren gestorben – Nachruf auf einen Helden.

Wahre menschliche Größe zeigt sich oft im Wissen um die eigene Begrenztheit. Vaclav Havel lebte diese Erkenntnis. Der Mann, der als tschechoslowakischer Freiheitskämpfer und Dichter-Präsident zu Weltruhm gelangte, scheute sich nicht, in einem seiner wichtigsten Bücher offen über den alltäglichen Kampf gegen seine Hämorrhoiden zu berichten. In den „Briefen an Olga“, die er aus dem Gefängnis heraus an seine geliebte Frau schrieb, verband er solche persönlichen Schilderungen mit tiefgründigen Gedanken über die menschliche Existenz. „Wem sind wir verantwortlich?“, fragte Havel und antwortete sich selbst: „In letzter Instanz sicher keinem der flüchtigen Dinge dieser Welt. Das verborgene Rückgrat und die tiefste Quelle alles Sinnvollen im Leben ist immer die Verankerung im Absoluten.“

Vaclav Havel ist am Sonntag im Alter von 75 Jahren an den Folgen seiner jahrelangen Krankheiten gestorben. Er hat aus seinem Leben und seinem Leiden am Lungenkrebs nie ein Geheimnis gemacht. „Hier steht ein Mensch, der für eine bessere Welt kämpft“ – das war seine schlichte Botschaft. Vermutlich war Havel in seinem Land, aber auch weit darüber hinaus genau deshalb so populär: Weil er nicht wie so viele Berühmtheiten in andere Sphären des weltlichen Daseins entschwand. Vaclav Havel war niemals abgehoben.

Seine Landsleute dankten es ihm mit unvergleichlichem Vertrauen. Als Tschechen und Slowaken während der samtenen Revolution 1989 die Herrschaft der Kommunisten friedlich abstreiften, erscholl sofort der Ruf „Havel auf die Burg!“ Der Mann, der die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 ins Leben gerufen hatte, den das Regime fünf Jahre lang eingekerkert hielt und der mit seinen Theaterstücken und Essays zum heimlichen Nationaldichter aufstieg – er sollte auf der Prager Burg als Präsident regieren. So wollten es die Menschen, und so kam es auch: Am 29. Dezember 1989 wurde Havel zum ersten postkommunistischen Staatschef der Tschechoslowakei gewählt.

Dabei hatte sich Havel zu Beginn des revolutionären Umbruchs im Hintergrund halten wollen. Als im November 1989 die Demokratiebewegung die Straßen von Prag eroberte, fuhr Havel in sein Ferienhaus. „Ich stand damals im Visier der Medien. Ich hatte das Gefühl, dass ich den jungen Leuten etwas wegnehme“, erklärte er später in aufrichtiger Bescheidenheit. Doch die Demonstranten brauchten eine Führungsfigur wie Havel, der den Herrschenden Sätze wie diesen entgegenhielt: „Die Wahrheit und die Liebe siegen über Lüge und Hass.“

Havel, der 1936 als ältester Sohn einer Prager Bürgerfamilie zur Welt kam, wuchs in einer Atmosphäre der Gegnerschaft zum kommunistischen Regime auf. Aus ideologischen Gründen versagten die roten Herren dem Bourgeois das Studium der Geisteswissenschaften. Und so verdiente sich Havel zunächst als Bühnentechniker an einem Prager Theater seinen Lohn. Nebenher schrieb er Dramen. Der Arbeiter avancierte zum Autor. Mit seinen Stücken, die in der Tradition des absurden Theaters standen, hatte er schnell Erfolg. Doch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Sowjetarmee trieb den Dichter auf die Barrikaden.

Havel wollte sich in den 70er Jahren nicht mit der von oben verordneten Rückkehr zur Normalität abfinden. Mit einem Aufruf gegen die Menschenrechtsverletzungen im Land begründete er im Januar 1977 die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 und ebnete so den Weg für die friedliche Überwindung des Kommunismus 1989. „Er trat stets für alle Unterdrückten ein. Er tat es mit Unbeugsamkeit“, sagte am Sonntag Havels langjähriger politischer Freund Hans-Dietrich Genscher.

Als Staatschef erwarb sich Havel schnell den Ruf eines Dichter-Präsidenten. Freunde und Besucher berichteten von chaotischen Zuständen auf der Prager Burg. „So regiert man nicht“, nörgelten Kritiker. Havel selbst bezeichnete sich als „unpolitischen Politiker“. Womöglich fehlte dem bekennenden Internationalisten auch deshalb das Durchsetzungsvermögen, um 1992 den Zerfall der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Nationalstaaten zu stoppen. Von 1993 bis 2003 war er schließlich als Präsident der Tschechischen Republik einer der Wegbereiter der Osterweiterung von Nato und EU.

Im Westen war Havel fast noch populärer als in seiner Heimat. 1989 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und zwei Jahre später den Aachener Karlspreis. Nur einmal erzürnte Havel seine vielen Anhänger vor allem in Deutschland: Im Jahr 2003 unterstützte er den Irak-Krieg. „Man kann nicht endlos zusehen, wie jemand in unserer Nähe Völkermord begeht“, begründete er seine Haltung.

Havels Landsleute dagegen verziehen ihm eine private Entscheidung nur zögerlich. Im Jahr nach dem Tod seiner äußerst beliebten Frau Olga heiratete Havel 1997 die 17 Jahre jüngere Schauspielerin Dagmar Veskrnova. Doch der Dichter-Präsident blieb sich treu. „Ich wurde mein Leben lang verdächtigt, wie Don Quichotte zu agieren. Dabei habe ich stets nur das meiner Ansicht nach Richtige getan“, sagte er. Anders formuliert: Vaclav Havel war ein Mensch mit einem Rückgrat, verankert im Absoluten.

Veröffentlicht in der Badischen Zeitung (19. Dezember 2011)

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