Und täglich grüßt die Presseschau

In Polen nähert sich der „Zeitungskrieg“ zwischen „Gazeta Wyborcza“ und „Rzeczpospolita“ dem Ende. Ein ganz persönlicher Nachruf…

Das erste Erlebnis einer Reise sei „die rätselhafte Ausdehnung der Möglichkeiten“, hat der ungarische Schriftsteller Béla Hamvas einmal geschrieben. „Es bedarf besonderer Geistesgegenwart, um in der um ein Vielfaches angewachsenen Welt nicht seine Sicherheit zu verlieren.“ Ich persönlich brauche nur ein Radio, um mich in der Fremde, in der ich lebe, nicht zu verirren. Radiosendungen haben mir schon immer Halt gegeben. Während eines Studienaufenthaltes in Polen in den 90er Jahren habe ich beispielsweise auf der Langwelle täglich den Seewetterbericht im Deutschlandradio gehört. Haben Sie das einmal probiert? 20 Minuten lang werden nur Himmelsrichtungen und Windstärken durchgesagt. Das beruhigt, so viel kann ich verraten.

Bei dieser Vorgeschichte ist es möglicherweise kein Wunder, dass ich heutzutage möglichst  jeden Morgen den Warschauer Info-Sender Radio TOK FM höre. Jeden Morgen wieder zählt der Moderator durch, wie viele Tage im Jahr bereits vergangen sind und wie viele noch folgen werden. Anschließend listet er die Namenspatrone des Tages auf. Schließlich folgen noch allerlei historische Informationen zum aktuellen Datum. All das ist so beruhigend, dass ich sofort eine zweite Tasse Kaffee brauche, um nicht wieder einzuschlafen.

Dennoch laufe ich zunehmend Gefahr, mit Béla Hamvas meine Sicherheit zu verlieren. Bei TOK FM hat man nämlich kürzlich mein Lieblingsritual, die tägliche Presseschau, von einer runden Stunde auf 20 Minuten Sendezeit zusammengestrichen. Ich kenne den Grund nicht, vermute aber eine mediale Revolution. Der Radiosender gehört zum Verlag der wichtigsten linksliberalen Zeitung Polens, der „Gazeta Wyborcza“. Folglich soll TOK FM Lust aufs Lesen machen. Da ist eine Presseschau wichtig.

Nun aber scheint es die „Gazeta“ nicht mehr nötig zu haben, per Radio Leser anzufixen. Das wiederum könnte damit zusammenhängen, dass die wichtigste Konkurrenzzeitung, die konservative „Rzeczpospolita“, kürzlich den Besitzer gewechselt hat. Beide Blätter haben sich früher ideologische Schlachten bis aufs (verbale) Blut geliefert. Nun aber schwächelt die „Rzeczpospolita“, weil der neue Boss nicht gar so stramm konservativ ist. Außerdem will er im gesamten Verlag bis zu 550 Mitarbeiter rausschmeißen. Das ist meist der Anfang vom Ende. Die Schlachten scheinen also geschlagen zu sein. Folglich lässt auch TOK FM im Meinungskampf fünfe gerade sein. Mir macht das Sorgen. Die Welt wächst nicht an, wie bei Hamvas, sondern wird eingeebnet.

2 comments

  1. Tja, das ist die schöne „pluralistische“ polnische Medienlandschaft, wie sie sich so mancher deutsche Pseudodemokrat aus Medien und Politik, herbeigesehnt hat.

    Endlich keine „schrillen Töne“ (schrill = konservativ) mehr aus Polen, wie man es im 68’er verseuchten Deutschland so schön zu sagen pflegt.

    Die gleichgeschalteten Polnischen Lokalbätter gehören dem Bauer Verlag und der Passauer Presse, die überregionalen Axel Springer und Bertelsmann, und zum „Ausgleich“ bleibt jetzt quasi nur noch Adam Michnik’s (Mischung aus Sarah Wagenknecht und Josef Fischer) linksliberale Agora/Gazeta Wyborcza, die „Bibel“ aller deutschen Korrespondenten, sowie einige Wochenblätter gleichen Inhaltes.

    Und so erfährt der deutsche Otto aus Wanne-Eickel, daß in Polen außer Olga Tokarczuk, Stasiuk und anderen „Agora – Dichtern und Denkern“ sonst niemand mehr lebt, mit einem IQ höher als 50… ja, so ein Polen fände ich auch langweilig und zurückgeblieben.

  2. Absolut tragisch. Nicht, dass ich alles in der Rzepa toll fand, aber mal was anderes als die GW….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.