Die Mutter der Revolution

Vor 30 Jahren wurde in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Pünktlich zum Jahrestag veröffentlicht Danuta Walesa eine Autobiographie – und rechnet mit ihrem Mann ab.

Danuta Walesa ist zum siebten Mal schwanger, als die Männer mit den schweren Stiefeln an den Füßen und den Brechstangen in den Händen kommen. Es ist Sonntagmorgen, der 13. Dezember 1981. Um kurz nach 5 Uhr steht die Staatssicherheit vor der Tür der Walesas im Danziger Stadtteil Zaspa. Lech Walesa öffnet freiwillig. Die Schwangerschaft der vielfachen Mutter interessiert die Männer nicht. Sie nehmen den Familienvater mit und transportieren ihn nach Warschau. Später landet der Führer der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc für elf Monate in einem Gefängnis im Südosten Polens.

Noch während die Stasi mit Walesa auf dem Weg nach Warschau ist, verliest Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski eine Fernsehansprache. „Der Staatsrat hat heute um Mitternacht über das ganze Land den Kriegszustand verhängt“, sagt der General. In Polens Städten fahren Panzer auf. Zehntausende Solidarnosc-Aktivisten werden noch am Sonntag verhaftet. Die meisten sind Männer. Was aus ihren Frauen und Familien wird, scheint niemanden in Jaruzelskis Kriegsrechts-Komitee zu interessieren.

Danuta Walesa steht die Leidenszeit ohne Klagen durch. Im Dezember 1983 nimmt sie stellvertretend für ihren Mann in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen. „Es war der Lohn für all die Tage der Einsamkeit“, sagt sie heute voller Dankbarkeit. Doch 30 Jahre nach dem Schrecken des Kriegszustands hat die Mutter von acht Kindern auch anderes zu berichten. In ihrer soeben erschienen Autobiographie „Träume und Geheimnisse“ erzählt sie ihre Version der Befreiung Polens vom Kommunismus. Es ist keine politische Geschichte, über die Polen zum 30. Jahrestag der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 debattiert, sondern das lange verschwiegene Drama einer Frau und Mutter.

Viel spricht dafür, dass Danuta Walesa zu lange geschwiegen hat. Davon kündet schon das Bild auf dem Cover ihres Buches. Mit ernster Miene schaut die 62-Jährige zur Seite. Die Falten an der Nasenwurzel graben sich tief in die Stirn. Zorn liegt in dem Blick. Das Titelbild deutet an, dass die 550 Seiten starke Autobiographie aus einem einzigen Motiv heraus geschrieben zu sein scheint: aus abgrundtiefer Enttäuschung. Danuta Walesa macht in „Träume und Geheimnisse“ aus ihrem Herzen keine Mördergrube. „Lech ist egozentrisch und eifersüchtig“, schreibt sie über ihren Mann, dem sie mit dem Buch zum ersten Mal im Leben die Schau stiehlt.

Das Gedenken an den Freiheitskampf der Solidarnosc stand in Polen bislang stets im Zeichen ideologischer Schlachten. „Hat das kommunistische Regime des Generals Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht 1981 nur deshalb ausgerufen, um einer sowjetischen Invasion zuvorzukommen?“, lautete die zentrale Frage. „Nein“, sagen Historiker heute nahezu einhellig. Der General handelte aus freien Stücken. Umso heller könnte der Glorienschein des Solidarnosc-Führers Lech Walesa erstrahlen, der Jaruzelski 1989/90 in die Knie zwang. Seit Jahren allerdings fahnden seine Gegner nach dunklen Punkten in der Biographie des Helden. Hat Walesa in den 70er Jahren mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet? „Nein“, urteilten bislang alle mit dem Fall befassten Richter. Und so hat der Diskussionsstoff nach 30 Jahren seine Sprengkraft verloren.

Danuta Welasa hat das erkannt. Sie nutzt den Freiraum, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Sie präsentiert dem polnischen Volk, das notorisch in seine Helden verliebt ist, die Welt aus der Perspektive einer „Mutter, Erzieherin, Köchin, Putzfrau und Krankenschwester“. All das sei sie in ihrem Leben zugleich gewesen, schreibt Danuta Walesa. „Und ich war allein.“ Allein mit acht Kindern. Denn ihr Mann Lech habe sein ganzes Leben lang „in seiner eigenen Welt“ gelebt.

Es ist ein ungewöhnliches Buch einer ungewöhnlichen Frau, über das Polen in diesen Dezembertagen staunt und auch ein wenig schmunzelt. Etwa dann, wenn Danuta Walesa in einer Talkshow erzählt, wie ihr Mann bis heute abends heimlich den ultrakonservativen Sender „Radio Maria“ hört. Warum, das wisse sie nicht genau. „Vielleicht will er hören, was dort Schlechtes über ihn berichtet wird, um reagieren zu können.“ Vor allem aber staunen die Polen über die Bekenntnisse einer Ehefrau und vielfachen Mutter, die stets und selbst dann noch im Schatten ihres Mannes lebte, als 1983 in Oslo den Nobelpreis entgegennahm. Da stand sie im Rampenlicht – aber doch nur stellvertretend für ihren Mann, der nicht ausreisen durfte.

Mit Lech Walesa sei es gewesen „wie mit einem Seefahrer, der immer wieder für ein halbes Jahr davonsegelt“, schreibt die Tochter eines Landarbeiters aus der polnischen Provinz. 1969 heiratet sie Lech, der damals Elektriker auf der Danziger Lenin-Werft ist. Bis 1985 bringt sie acht Kinder zur Welt. Tag für Tag organisiert sie das Familienleben, während ihr Mann ab 1970 auf den Barrikaden kämpft, im Gefängnis sitzt oder auch zu Hause Umsturzpläne schmiedet. „Unser Haus war nicht die Heimat der Kinder, sondern der Solidarnosc“, schreibt Danuta Walesa. Da kamen morgens um acht wilde Kämpfer mit Augenklappe und redeten sich die Köpfe heiß. Bis ich mit der Faust auf den Tisch geschlagen habe, um der Kinder willen.“

Doch viel bewirkt die Intervention nicht. Als Lech Walesa nach der friedlichen Revolution von 1989/90 erster Präsident des demokratischen Polen wird, beginnt für First Lady Danuta die Leidenszeit erst richtig. Die vier Erstgeborenen – allesamt Söhne –, aber auch die vier Töchter geraten phasenweise auf Abwege. Prügeleien, Alkohol-Eskapaden und andere peinliche Auftritte in der Öffentlichkeit beschämen die schüchterne Mutter, die einen so ganz anderen Charakter hat. Als sie ihren Mann einmal zu einer Papst-Audienz begleitet, sagt sie: „O Gott, ich bin so aufgeregt. Ich stehe hier wie in einem Schaufenster.“

Den Lesern der Walesa-Biographie dämmert bald: Hätte die zierliche Danuta dem robusten Lech nicht über 42 Ehejahre hinweg den Rücken frei gehalten, hätte er niemals als Solidarnosc-Führer Polen befreien und in der Politik Karriere machen können. Ratschläge holte sich der Nobelpreisträger dennoch nie bei Danuta. „Wenn ich immer auf andere gehört hätte, gäbe es den Kommunismus heute noch“, keilt der 66-jährige Polit-Veteran zurück. Angeblich hat er von den Vorwürfen seiner Frau erst aus dem Buch erfahren.

Ihre Autobiografie hat Danuta Walesa mit der Hilfe eines Journalisten, aber angeblich ohne Wissen ihres Mannes geschrieben. Und so erlebt die polnische Öffentlichkeit dieser Tage auch so etwas wie einen medialen Rosenkrieg. Lech Walesa spricht sogar von Scheidung. „Wären wir nicht beide katholisch, sähe es ziemlich übel aus“, sagt er und fügt hinzu: „Soll ich denn mit dem Nobelpreis und all den anderen Auszeichnungen heute den Küchenkittel anziehen?“ Danuta Walesa nimmt es inzwischen gelassen. „Ich habe schon früher mehr durch Interviews über ihn erfahren als von ihm selbst“, sagt sie.

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