Gepriesen sei der Straßengott

Im Westen Polens ist ein zentrales Stück der Autobahn 2 zwischen Berlin und Warschau für den Verkehr freigegeben worden. Ein Blick zurück im Zorn…

Kennen Sie das, wenn mit der Machtlosigkeit die Wut wächst? Besonders die unbegründete Wut, zu der man eigentlich kein Recht hat? Doch Frustration erzeugt nun einmal Aggression, wie die Psychologen sagen.

Mir ging das zweieinhalb Jahre lang so auf meinen Fahrten zwischen Berlin und Warschau, genauer gesagt: zwischen Świecko und Nowy Tomyśl. Der Frust wuchs sich dort regelmäßig zu schlechter Laune aus. Das begann bei den Ortsnamen, die natürlich völlig unschuldig sind. Dennoch kann ich das Wort Świecko nicht mehr hören. Das polnische „ck“ wird getrennt ausgesprochen, also wie „z-k“. Und der Buchstabe „Ś“ entspricht ungefähr dem deutschen „Ch“, wie in China. Was dabei herauskommt, ist „Chwiezko“. Und das klingt grauenhaft, finde ich. Und „Tomychl“ auch.

Dabei liebe ich die polnische Sprache. Wahrscheinlich mag ich also die beiden Ortsnamen nur deshalb nicht, weil ich zwischen Świecko und Nowy Tomyśl gefühlte 500 Stunden Lebenszeit im Stau verplempert habe. Denn im Stau stand man zwischen Chwiezko und Nowy Tomychl in den vergangenen zweieinhalb Jahren eigentlich immer. Das polnische Infrastrukturministerium hat dort seit 2009 die Autobahn 2 weiterbauen lassen – im Grunde eine sehr gute Idee! Das Problem war nur: Die Umleitung führte quer durch polnische Felder, Wälder und Wiesen. Die zweispurige Straße konnte den ständig zunehmenden Verkehr schon lange nicht mehr bewältigen.

Sie haben recht: Natürlich bin ich selbst schuld. Man muss zwischen Berlin und Warschau nicht mit dem Auto fahren. Andererseits könnte ich über die Eisenbahn, genauer gesagt über den guten alten Berlin-Warszawa-Express, auch so manche Geschichte erzählen. Mitunter bietet dieser Zug ein ähnliches Frustrationspotenzial wie die A2-Umleitung zwischen Świecko und Nowy Tomyśl.

Aber sei’s drum. Am Ende wird ja doch immer alles gut. Ab sofort ist Schluss mit Stau. Die A2 jenseits von Świecko ist fertig. Gepriesen sei der Straßengott! Gern werde ich dort künftig fünf Euro Maut für 106 Kilometer Strecke hinblättern. Die Bezahlstation bei Nowy Tomyśl wird vermutlich sogar die einzige Kasse dieser Art sein, an der ich regelmäßig ein Trinkgeld geben werde. Schon aus nostalgischen Gründen werde ich das tun. Denn immer wenn ich künftig über die A2 sause, werde ich mich sicher an all die Stunden bei Hörbuch oder polnischer Volksmusik erinnern, die ich dort während der Bauarbeiten gestanden und innerlich gekocht habe. Dabei bin ich eigentlich ein friedliebender Mensch.

One comment

  1. Sehr schön. Jetzt muss die Hauptstadt nur noch mit den anderen wichtigen Städten verbunden werden. Es kann nämlich nicht sein dass man nach Krakau schneller über Berlin fährt als durch Polen, dies ist nämlich für die wirt.Entwicklung pures Gift.

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