Rumpelfußball und Randale

Die EM-Gastgeberländer Ukraine und Polen tun sich schwer damit, professionelle Turnierbedingungen zu schaffen.

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Üben für das Public Viewing: Klitschko als Testbild vor der EM-Auslosung in Kiew. (Foto: Krökel)

Gastfreundschaft gehört zu den wichtigsten Sekundärtugenden bei sportlichen Großveranstaltungen. Das ist spätestens seit der Fußball-WM 2006 bekannt, als in Deutschland „die Welt zu Gast bei Freunden“ war. Tetjana Slischik übt noch. Die Chefin des Kiewer Organisationskomitees für die Europameisterschaft 2012 schiebt einen Teller mit monströsen Schokobonbons über den Tisch, damit der Gast auch etwas zu naschen hat. Darüber allerdings vergisst sie fast ihre Botschaft. „Alles wird gut“, lautet die. Die Stadt Kiew ist bestens auf die Euro vorbereitet, und die Menschen fiebern dem Fußball-Fest entgegen. So stellt es Slischik dar.

Die Realität sieht im Kiewer Novembergrau anders aus. An der riesigen Videoleinwand auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz im Herzen der Stadt, eilen die Menschen vorüber. Es ist zu kalt, um einen Blick auf Wladimir Klitschko zu werfen. Der Box-Weltmeister reckt auf dem Testbild die Fäuste in die Luft. Ein ukrainischer Siegertyp, im Gegensatz zu den Fußballern des Landes. Trotz des 3:3 gegen Deutschland im Einweihungsspiel der Kiewer EM-Arena hat die Mannschaft von Oleg Blochin in den Augen ihrer Anhänger „nur Rumpelfußball zu bieten“. So stellt es Juri dar, der auf dem Majdan einen fahrbaren Kaffeestand betreut.

Die Gastgeber Ukraine und Polen sind für die Euro 2012 gesetzt. Bei der Gruppenauslosung am Freitag hoffen sie auf zugkräftige Gegner wie Deutschland und Italien. Das Geschehen wird auf der Leinwand am Unabhängigkeitsplatz live übertragen. Es soll ein Testlauf werden für das Public Viewing im kommenden Sommer. „70.000 Menschen finden auf der Fanmeile Platz“, sagt OK-Chefin Slischik. „Es wird ein Fest.“ Juri ist skeptischer. „Ich stelle mich hier bestimmt nicht in die Kälte und gucke mir die Auslosung an“, sagt er. Und so sind die Botschaften, die ein halbes Jahr vor der EM aus dem Gastgeberland in die Fußball-Welt dringen, eher durchwachsen.

Die vier Stadien in Charkiw, Donezk, Kiew und Lemberg werden zweifellos rechtzeitig fertig. Es sind sogar wunderschöne Spielstätten. Doch das Drumherum bietet viel Anlass zu Kritik. Straßen und Schienen sind in einem erbärmlichen Zustand. Außerdem gibt es in den Spielorten zu wenige Hotels. Als Ausweichquartiere wollen die Organisatoren den Fans Campingplätze und Studentenwohnheime schmackhaft machen. „Wir haben mit der Vermarktung eine Tourismusagentur beauftragt“, sagt Tetjana Slischik stolz. In ihrer Begeisterung versäumt es die OK-Chefin fast, dem Gast zum Abschied das unvermeidliche Täschchen mit Kugelschreiber, USB-Stick und anderen EM-Devotionalien zu überreichen.

Das würde Grzegorz Lato vermutlich nie passieren. Der Chef des polnischen Fußball-Verbandes PZPN hat die Präsenttüte meist in Reichweite. In seinem Büro reihen sich die Plastikbeutel aneinander. „Wir Polen sind ein gastfreundliches Volk“, sagt der ehemalige Weltklassestürmer. Womöglich hat es Lato mit dem Schenken und Schenkenlassen allerdings übertrieben. Ein halbes Jahr vor „seiner“  Europameisterschaft steht der PZPN-Vorsitzende seit Tagen im Zentrum eines angeblichen Korruptionsskandals.

Latos Gegner im Verband präsentierten der Öffentlichkeit eine Bandaufnahme. Darauf sind die Stimmen des Vorsitzenden und eines Unbekannten zu hören. Es ist von Preisen und Prozenten die Rede. Angeblich soll das beweisen, dass Lato bei der Auftragsvergabe für den Bau einer neuen PZPN-Zentrale Bestechungsgeld kassiert hat. „Unsinn“, sagt Lato. „Ich habe ein reines Gewissen.“ Sportministerin Joanna Mucha hielt es jedoch für angebracht, die Anti-Korruptionsbehörde CBA einzuschalten. „Das ist ein ernster Vorgang“, sagt sie.

Die Beweislage ist dünn. Möglich, dass Neider schmutzige Wäsche waschen wollen, um Lato in Misskredit zu bringen. Doch ganz gleich, wer Recht behält: Auch dieser Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die Situation in den EM-Gastgeberländern. Es ist in viereinhalb Jahren der Vorbereitung nicht gelungen, professionelle Rahmenbedingungen für die Euro 2012 zu schaffen.

Als besonders problematisch könnte sich dies im Sicherheitsbereich erweisen. Polen kämpft seit Jahren vergeblich gegen die Hooligan-Gewalt im Land. Im Frühjahr eskalierte die Situation, als Randalierer beim Pokalfinale in Bydgoszcz das Stadion in seine Einzelteile zerlegten. Inzwischen hat die Regierung die Gesetze verschärft. Stadionverbote für Hooligans werden mit elektronischen Fußfesseln überwacht. Doch was nützt das, wenn sich die Gewalttäter außerhalb der Spielstätten austoben? Es waren Hooligans, die am 11. November bei Krawallen am polnischen Unabhängigkeitstag in Warschau in vorderster Front randalierten, während die Polizei tatenlos blieb.

In Kiew fürchten Beobachter dagegen vor allem den Übereifer der Sicherheitskräfte. In der Ukraine sei die Polizei nach der „sowjetischen Devise Knüppel drauf und Schluss“ vor allem für Abschreckungsszenarien geschult, sagen westliche Experten. OK-Chefin Slischik sieht das anders. „Wir werden alles dafür tun, damit unsere Polizisten ihre Arbeit mit einem Lächeln im Gesicht versehen“, sagt sie. Der Doppeldeutigkeit ihrer Aussage ist sie sich nicht bewusst.

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