Von Anfang an ein Fehler

Durch die Ostseepipeline strömt russisches Erdgas. Mein hier nachzuleseder Leitartikel zur Einweihungsfeier ist nicht unwidersprochen geblieben (siehe Kommentarspalte).

Das Nordstream-Konsortium hat ganze Arbeit geleistet. Nach nur anderthalb Jahren Bauzeit strömt das erste Gas durch die Ostseepipeline. Das ist eine technische Meisterleistung. Mit der vereinten Macht von Kreml und Kanzleramt im Rücken konnten die Röhrenbauer alle Kritiker aus dem Feld schlagen – von den Heringsschützern im Greifswalder Bodden bis hin zu den notorisch nörgelnden Nationalisten in Polen.

Tatsächlich ist es Nordstream gelungen, die Umweltschäden in der Region gering zu halten und manchen wirtschaftlichen Nutzen im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern zu stiften. Doch wie schon der Philosoph Theodor W. Adorno wusste: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Auf die Pipeline bezogen heißt das: Das gesamte Projekt war von Anfang an ein politischer und geostrategischer Fehler. Somit ist es letztlich gleichgültig, wie perfekt die Röhre auf dem Meeresboden ausgerollt wurde. Der Schaden ist angerichtet, und er bleibt.

Ein Fehler war der Pipelinebau, weil die Deutschen – und im Berliner Schlepptau Holländer, Franzosen und Briten – die Solidarität innerhalb der EU auf dem Altar des Eigennutzes geopfert haben. Es sind ja keineswegs nur verbohrte Fundamentalisten vom Typ eines Jaroslaw Kaczynski, die in Polen Front gegen die Pipeline gemacht haben. Es ist die deutschfreundliche Regierung von Donald Tusk gewesen, die als Reaktion auf den Röhrenbau ein energiepolitisches Konzept beschlossen hat, das die Errichtung zweier Atomkraftwerke und die ökologisch problematische Förderung von Schiefergas vorsieht. Es mag sein, dass billigeres Gas aus der Ostseepipeline den deutschen Atomausstieg absichert – aber zu welchem Preis?

In Nordostdeutschland formiert sich derzeit vehementer Widerstand gegen die polnischen Atompläne. Das ist gut so. Doch die Aktivisten sollten nicht vergessen, ihre Protestnoten auch an Gerhard Schröder zu richten. Der hat die antipolnische Pipeline 2005 mit seinem Männerfreund Wladimir Putin auf das politische Gleis gesetzt – kurz bevor ihn die Wähler in den Ruhestand schickten, den er seither als Aufsichtsratschef bei Nordstream genießt.

Doch damit nicht genug: Es ist ja nicht Polen allein, das sich von den Westeuropäern im Stich gelassen fühlt. Litauen, das zu 90 Prozent von russischen Energielieferungen abhängig ist, plant ebenfalls ein neues AKW. Und es waren die Slowaken, Ungarn und Bulgaren, die während der russisch-ukrainischen Gaskriege der Vergangenheit im Kalten saßen.

Die Ukrainer übrigens sind die größten Verlierer des Schröder-Putin-Planes. Sie büßen ihre Rolle als Schlüsselland im Gastransit ein. Ob man mit den Oligarchen in Kiew und Donezk Mitleid haben muss, sei einmal dahingestellt. Fakt aber ist, dass Nordstream die Ukraine wie zu finstersten Sowjetzeiten in die Abhängigkeit von Russland treibt.

Der geostrategische Plan von Schröder und Putin beziehungsweise den deutschen Energieversorgern und dem russischen Giganten Gasprom war es von Anfang an, die osteuropäischen Störfaktoren auszuschalten. Die direkte Verbindung durch die Ostsee soll das direkte und lukrative Geschäft erlauben. Doch dieser Ansatz war und ist mit Blick auf die nationalen Interessen Deutschlands blauäugig.

Putin ist just in diesen Wochen dabei, mit den Milliarden aus dem Gasgeschäft in der Hinterhand seine Macht auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR frisch zu zementieren. Eurasische Union nennt er sein Projekt, das er bis 2015 realisieren will. Dahinter steckt ein imperialer Gedanke: Das Ziel ist Russlands endgültige Rückkehr auf die Weltbühne. Die Ideen von Frieden, Freiheit, Demokratie, Sozial- und Rechtsstaatlichkeit spielen dabei keine Rolle. Wladimir Putin, da gibt es kein Vertun, ist ein lupenreiner Anti-Demokrat.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich kann und soll man mit Russland Handel treiben und auch Gasgeschäfte machen. Aber nicht um den Preis des Verrats am eigenen Lager – an der viel beschworenen europäischen Wertegemeinschaft. Eine zukunftsfähige Energiepolitik kann es in der EU nur gemeinschaftlich geben.

Erschienen in der „Badischen Zeitung″ vom 9. November 2011

3 comments

  1. Mit grossem Interesse habe ich den Kommentar „Strategischer Fehler“ von Ulrich Krökel in der Badischen Zeitung vom 9. November gelesen, in der Herr Krökel den Bau der Nord Stream Pipeline als deutschen Verrat an Brüssel und Europa geisselt.
    Für was nicht alles wurde diese Pipeline in der Vergangenheit nicht alles verdächtig gemacht: Den Untergang der Ostsee als sensibles Ökosystem, Spionagemissbrauch, explodierende Baukosten, eine Neuauflage des Molotow-Ribbentrop-Vertrages – die Liste liesse sich beliebig verlängern. Eingetreten ist – NICHTS.
    So neigt denn Herr Krökel nun zu einem netten Kunstgriff: Wenn ich auf dem – zugegeben – staubigen Boden der Realität nichts mehr finde, dann wandere ich eben in die Metaebene ab, wo ich mich der Realität nun perfekt entziehen kann. Jetzt also die Pipeline an sich Fehler – unschlagbares Argument.
    Ich kann mich natürlich nicht in die politischen Bewertungen an sich einbringen, aber lassen Sie mich auf zwei Punkte eingehen:
    Der Vorwurf, durch Nord Stream sehe sich Polen gezwungen, das problematische Schiefergas zu explorieren und daneben auch noch zwei Atomkraftwerke bauen zu wollen, ist schon weit hergeholt. Dafür der Blick zurück: Seit Anfang des neuen Jahrhunderts (da war Nord Stream nicht mehr als eine Idee) haben polnische Unternehmen intensiv nach Zugang zu alternativen Gasquellen und neue Infrastrukturleitungen gesucht. Es wurden Anteile an norwegischen Gasfeldern erworben, eine Pipeline von Polen nach Dänemark befand sich kurz vor der Genehmigungsphase. Heute sind ein LNG-Hafen und Shalegas-Projekte deutlicher Ausdruck des Strebens nach Selbstversorgung und Unabhängigkeit. Ein Junktim zwischen Nord Stream und dieser polnischen Politik ist absurd.
    Freundlicherweise gesteht Herr Krökel es Deutschland zu, Handel mit Russland zu treiben, sieht aber gleichzeitig den Sündenfall, das Deutschland seine energiepolitischen Interessen verfolgt und damit Europa verraten hat. Doch wo soll der Verrat stattgefunden haben? Das Gegenteil ist der Fall: Nicht nur, dass im Projekt französische und niederländische Unternehmen vertreten sind (den genannten britischen gibt es leider nicht, aber vielleicht weiss Herr Krökel mehr), zu allem Ueberfluss haben am 6. September 2006 der Europäische Rat, d.h. die zuständigen Minister aller EU-Mitglieder, sowie das EU-Parlament, dem Nord Stream-Projekt den höchsten Prioritätsstatus als „Project of European Interest“ zuerkannt.
    Soweit die Fakten.
    Offen bleibt die Frage, welche Pipeline denn Herrn Krökel genehm ist und aus welchen politisch korrekten Regionen der Welt Erdgas bezogen werden darf. Wer die strategische Bedeutung eines umfassenden Investitionsprojektes bewerten will, sollte auch den Mut haben, seine eigenen dogmatischen Ansichten von Zeit zu Zeit zu überprüfen. Oder, um es mit Epikur zu sagen: Der Anfang des Heils ist die Kenntnis des Fehlers.
    Freundliche Grüsse,
    Ulrich Lissek
    Communications Director
    Nord Stream AG, Grafenauweg 2, 6304 Zug, Switzerland
    Tel +41 41 766 91 91, Direct +41 41 766 92 76, Mobile +41 79 874 31 58
    ulrich.lissek@nord-stream.com, http://www.nord-stream.com

  2. Ulrich Lissek erinnert mich an die Rapallo Pakt Unterzeichner. 1922 War doch auch alles „wunderbar“… und auch schon damals hat das liebe (in der Schweiz versteuerte ?) Geld nicht gestunken.

    Man kann und soll mit Russland Geschäfte machen, aber bitteschön im Einklang mit der EU. Die Nordseepipeline ist ein politisches Wirtschaftslobby Projekt, ähnlich wie das Reinlassen der Griechen in die Eurozone…. Beides eine typisch deutsche auf Egoismus basierte Kurzsichtigkeit.

  3. In Nordostdeutschland formiert sich derzeit vehementer Widerstand gegen die polnischen Atompläne. Das ist gut so.

    Ah, Herr Krokel, irgendwie laden sich unsere Smartphones ect nicht von selbst. Ich habe oft Kommentare diesbezüglich gehört ala “ bei der Arbeitsmoral der Polen fliegt da ja in die Luft“ ect pp. Atemberaubend, diese komplette Unkenntnis über AKW (moderne AKW sind nicht gleich Tschernobyl), von der dt. Bescheidenheit Polen gegenüber mal ganz abgesehen.Übrigens steigt Deutschland schon seit fast 35 Jahren aus der Atomkraft,eh, „aus“, also was sollen schon wieder die Besserwisserei ink. Belehrung von oben? Jeder auch nur leicht naturw. Interessierte weiss dass-
    1. AKWs das beste sind was es gerade gibt um Strom zu gewinnen mit min, Impakt auf die Umwelt
    2. Kohlekraftwerke nicht nur offensichtlich schädlich für die Natur sind sondern auch,Achtung, hochgradig radioaktiv.

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