Grenzenlose Flugfantasien

Wie in Polen Helden gemacht werden – oder Staatsfeinde. Ein Zwischenruf…

Über den Wolken soll die Freiheit ja bekanntlich grenzenlos sein. So zumindest textete einst der Barde Reinhard Mey. Bei mir ist über den Wolken eher die Fantasie unbegrenzt, und zwar nicht unbedingt immer auf angenehme Weise. Als ich vergangene Woche auf dem Warschauer Frédéric-Chopin-Airport in eine Boeing stieg und abhob, tauchten vor meinem geistigen Auge sogleich die Bilder von einem Schaumteppich und einem funkenschlagenden Jumbo auf. Und dazu erschien mir das Gesicht von Kapitän Wrona. Das ist jener Pilot, der kürzlich in Warschau eine Boeing ohne Fahrwerk auf dem Rumpf in einem Schaumteppich gelandet hat. „Eine Meisterleistung“, jubelte ganz Polen anschließend und erklärte den Wunderflieger sofort zum Nationalhelden.

Ich bin nicht so für Heldentaten zu haben, denn meistens ist vorher etwas schiefgegangen, das ein Übermensch à la Wrona dann ausbügeln muss. Im Falle der polnischen Boeing klemmten nun einmal die Räder, beziehungsweise irgendeine Hydraulik funktionierte nicht. Und das finde ich beunruhigend, vor allem wenn ich selbst in einer Boeing sitze. Schnell wird dann in meiner Fantasie aus Warschau Smolensk, und am Steuerknüppel sitzt nicht mehr Nationalheld Wrona, sondern „Staatsfeind“ Arkadiusz Protasiuk. Das war jener Pilot, der vor anderthalb Jahre die polnische Präsidentenmaschine mit Lech Kaczynski an Bord im russischen Nebel in eine Baumgruppe gelenkt hat, sodass sie nicht Funken schlug, sondern zerschellte.

Protasiuk geriet später in den Ruf eines typisch polnischen Chaospiloten. Die Bezeichnung ist nicht meine Erfindung, sondern stammt von Protasiuks Landsleuten. Ich glaube ja, dass der junge Mann, der morgen seinen 37. Geburtstag hätte feiern können, eher ein Opfer der Umstände geworden ist. Vielleicht war er ein wenig überfordert – aber wer wäre das nicht bei einem Blindflug mit dem Präsidenten im Nacken? Was hätte wohl Held Wrona getan, wenn er in Smolensk am Steuerknüppel gesessen hätte? Hätte er den angeschickerten Luftwaffengeneral Blasik des Cockpits verwiesen, als der trotz des Nebels eindringlich die Landung verlangte?

Ja, vielleicht hätte er das tatsächlich. So, wie der bärbeißige Wrona nach seiner Warschauer Heldentat neulich vor die Presse trat und die sensationslüsternen Journalisten abbügelte („nichts Besonderes“), kann ich mir lebhaft vorstellen, wie er Blasik nur kurz ein „Ich fliege zurück“ zugebrummt hätte und umgekehrt wäre. Dann wäre Kaczynski höchstpersönlich ins Cockpit gekommen und hätte… Aber lassen wir das. „Hätte, wäre, könnte…“ führt bekanntlich zu nichts. Mit mir ist einfach mal wieder die Fantasie durchgestartet.

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