Zu Besuch in Potemkins Dörfern

Sieben Monate vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft vertraut das Gastgeberland Ukraine vor allem auf seine Improvisationskünste.

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Vorgeschmack auf die Fan-Meile bei der Euro 2012: Video-Leinwand auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz (Foto: Krökel)

Es klingt wie ein Schildbürgerstreich und hat doch einen ernsten Hintergrund. Im nagelneuen Kiewer Olympiastadion, das im kommenden Sommer Finalstätte der Fußball-Europameisterschaft sein soll, haben die Bauherren angeblich die unteren Sitzreihen um einen Meter zu tief installiert. Die Zuschauer könnten von dort den Rasen nicht einsehen, heißt es. Mitunter zwinkern die, die diese Anekdote dieser Tage in Kiew erzählen, mit dem Auge. Andere versichern, die Sitze seien geplant, aber zum guten Schluss doch nicht montiert worden. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht. Tatsache ist, dass sich die Meldung in das Bild fügt, das die Ausrichter der Euro 2012 sieben Monate vor Turnierbeginn vermitteln: Improvisation lautet das Zauberwort.

Vielleicht gibt es am Freitag Klarheit über die tiefer gelegte Tribüne. Dann empfängt die Ukraine die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum Eröffnungsspiel der Kiewer Arena. Die Medien im Gastgeberland sprechen von einem „Härtetest“. Der sportliche Wert dürfte zwar eher gering sein. Eine echte Probe aufs Exempel wird das Spiel aber für die EM-Organisatoren. Das Stadion ist mit 70.000 Zuschauern ausverkauft. Vorsichtshalber haben die Veranstalter einige Fangruppen bereits gebeten, auf Fähnchen, Tröten und „Kriegsbemalung“ zu verzichten. Man wolle Provokationen möglichst vermeiden, heißt es. Doch sieht so ein fröhliches Fußball-Fest aus, das die UEFA für die Euro 2012 verspricht?

„Die Sicherheitslage in der Ukraine ist tatsächlich ein Problem“, sagen westliche Berater der EM-Organisatoren, die ihre Namen lieber nicht veröffentlicht sehen möchten. „Das führt nur zu diplomatischen Verwicklungen. Die Ukrainer wollen zwar Tipps von uns haben, aber keine Kritik hören“, erklären sie. Die größte Schwierigkeit besteht demnach im „Übereifer der Polizei“. In der Ukraine seien die Sicherheitskräfte vor allem für Abschreckungsszenarien geschult. Während die UEFA auf maximale Polizeipräsenz bei minimaler Sichtbarkeit der Uniformierten vertraue, laute die „sowjetnostalgische Devise“ in der Ukraine: „Knüppel drauf und Schluss.“

Dabei ist die Hooligan-Problematik im Land weniger dramatisch als beim Co-Gastgeber Polen. Dort geht die Regierung nach wiederholten Gewaltexzessen inzwischen mit elektronischen Fußfesseln gegen potenzielle Randalierer vor. Im westukrainischen Lemberg (Lwiw) hatten sich Hooligans zwar vor gut einem Jahr nach einem Europacup-Spiel zwischen Karpati Lwiw und Borussia Dortmund ebenfalls Straßenschlachten geliefert. Doch allzu viele Krawallmacher gebe es in der Ukraine nicht, sagen westliche Beobachter. Der Schwachpunkt sei eher „die unzureichende Vorbereitung der Polizei“, erklären sie und fügen hinzu: „Wenn bei der Sicherheit etwas schiefgeht, interessiert der Rest niemanden mehr.“

Der Rest – das sind wunderschöne Stadien, fröhliche Fans, attraktive Städte und gastfreundliche Menschen. Lemberg etwa, wo mehrere Gruppenspiele der Euro 2012 ausgetragen werden, kann mit all dem aufwarten. Die Altstadt der westukrainischen Multi-Kulti-Metropole mit ihren österreichischen, polnischen, jüdischen, deutschen und russischen Wurzeln steht nicht von ungefähr auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco. „Wir bieten unseren Gästen nicht nur Fußball, sondern auch eine reiche 700-jährige Geschichte“, sagt Bürgermeister Andri Sadovyj. Skeptikern verspricht er: „Keine Angst, es wird alles fertig.“

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Die Lemberger EM-Arena kurz vor der offiziellen Abnahme durch die Uefa im September. (Foto: Krökel)

Das aber mag kaum glauben, wer sich dem Lemberger EM-Stadion nähert,das am kommenden Dienstag mit einem Spiel gegen Österreich eingeweiht werden soll. Keine Frage: Architektonisch ist die noch namenlose Arena ein Schmuckkästchen wie die anderen sieben EM-Spielstätten auch. Allerdings wird noch immer geschraubt und gewerkelt. „Wir brauchen manchmal etwas länger, aber am Ende geht es zackig“, sagt Bürgermeister Sadovyj. Die Anfahrt zum Stadion führt jedoch durch einen Vorort, in dem Plattenbauten vor sich hin rotten und die Straßen mit Schlaglochkratern übersät sind. Das Stadionumfeld wird man in Lemberg kaum mehr rundsanieren können, auch wenn Sadovyjs Leute noch so sehr auf zack sind. Und so hoffen die Gastgeber, dass nicht allzu viele Fernsehkameras diese Bilder im Sommer 2012 einfangen werden.

„Was wir 2012 zur Euro zu sehen bekommen, sind oft Potemkinsche Dörfer“, sagen die westlichen EM-Berater. Fürst Grigori Potemkin war jener Feldmarschall, der Zarin Katharina die Große vor fast 250 Jahren auf einer Reise durch die damals russische Ukraine stolz hochmoderne Siedlungen vorführte. Von den Potemkinschen Dörfern allerdings standen nur die Fassaden, an denen die Zarenkutsche vorbeirollte.

Ein ähnliches Prinzip herrscht bei manchem ukrainischen Hotel der Gegenwart. Zahlreiche Unterkünfte selbst im Herzen der Hauptstadt Kiew glänzen zwar über marmor- und spiegelverkleidete Empfangshallen. Die Zimmer mit ihren golden angemalten Plastiklämpchen und den Heizungen ohne Thermostat versprühen jedoch oft den Charme der späten Sowjetzeit. Im ostukrainischen Spielort Donezk wäre man allerdings froh, wenn es überhaupt genug Hotels gäbe. Die Organisatoren planen dort einen Flug-Shuttleservice, der Fans nach Spielschluss zur Übernachtung nach Kiew bringen soll.

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