Zwischen Genie und Leidenschaft

Vor 100 Jahren wurde Marie Curie als bisher einziger Frau ein zweiter Nobelpreis zuerkannt. Ein Rückblick auf ein erfolgreiches Leben mit vielen Schattenseiten.

Marie Curie soll nie gelächelt haben, wenn sie sich fotografieren ließ. Ob das wahr ist, lässt sich 100 Jahre nach ihrem größten Erfolg, der zugleich ihre größte Niederlage war, kaum mit Gewissheit sagen. Vielfach bezeugt aber ist, dass sich die Frau, die als Maria Sklodowska in Warschau zur Welt kam und als Madame Curie in Paris zu Weltruhm gelangte, am liebsten in ihrem „Tempel“ ablichten ließ – vertieft in die Arbeit. „Tempel“ oder „Heiligtum“ nannte Curie ihr Forschungslabor.

Dabei hätte Marie Curie, diese Frau ohne Lächeln, die zugleich eine Frau der Superlative war, viel Grund zu Freude und Fröhlichkeit gehabt. Die Naturwissenschaftlerin stürmte in ihrer einzigartigen Laufbahn von Erfolg zu Erfolg. Stets war sie die Erste. Sie war die erste Frau, die einen Nobelpreis erhielt. 1903 wurde Marie gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie und ihrem Kollegen Antoine Henri Becquerel im Fach Physik für die Entdeckung und Erforschung der Radioaktivität ausgezeichnet. Aber Marie Curie war auch die erste Frau, die einen Lehrstuhl an der weltberühmten Pariser Universität Sorbonne innehatte. Und sie war der erste Mensch, der einen zweiten Nobelpreis in einer anderen Disziplin errang.

100 Jahre ist es her, dass die Jury in Stockholm der Polin die Auszeichnung für Chemie zuerkannte. Bis heute ist Curie neben drei Männern die einzige Frau, der ein solcher Doppelerfolg gelang. Geehrt wurde sie am 7. November 1911 für die Entdeckung der Elemente Polonium und Radium. Doch an dem Freudentag – es war zu allem Überfluss ihr 44. Geburtstag – dürfte Marie Curie wieder einmal nicht zum Lächeln zumute gewesen sein. Seit Monaten feindeten ihre Gegner sie damals in der französischen Öffentlichkeit an. Im Herbst 2011 aber, pünktlich zu der Ehrung, arteten die Attacken in eine regelrechte Schlammschlacht aus.

Hintergrund des Zerwürfnisses mit der Gesellschaft ihres Gastlandes, das „seine“ Madame Curie nach dem ersten Nobelpreis noch als französische Nationalheldin gefeiert hatte, war ein „unerhörter“ Antrag. Als erste Frau verlangte Curie, in die elitäre Pariser Akademie der Wissenschaften aufgenommen zu werden. Das war zu viel für die Männerwelt jener Zeit. Voller Schadenfreude lancierten ihre Gegner Berichte über eine Liebesaffäre Curies mit Paul Langevine in die Öffentlichkeit. Der fünf Jahre jüngere Paul war nicht nur verheiratet, sondern auch ein Schüler von Maries inzwischen verstorbenem Mann. Plötzlich war Madame Curies polnische Herkunft wieder von Belang. Für ihre Gegner war sie nun „die Fremde, die Intellektuelle, die Emanze“. In der antisemitisch aufgeladenen Atmosphäre der Vorkriegszeit tauchte sogar die Frage auf: „Ist Marie Curie eine Jüdin?“

In Wirklichkeit stammte Sklodowska-Curie aus einer Familie verarmter polnischer Kleinadeliger im damals russisch beherrschten Warschau. Weil Maria dort als Frau nicht studieren durfte, zog sie mit 24 Jahren nach Paris. Ein gebrochenes Herz hatte sie da bereits im Gepäck. Ihre Liebe zu dem vermögenden Kazimierz Zorawski war am Widerstand seiner Eltern gegen die nicht standesgemäße Beziehung gescheitert. Verlor Curie schon damals ihr Lächeln? In Paris jedenfalls zählte für die junge Frau zunächst nur noch das Studium der Naturwissenschaften. Sie konnte tagelang ohne Pause durcharbeiten, manchmal ohne zu essen. Mit einer Mischung aus Leidenschaft und Genie erarbeitete sie sich Weltruhm.

Doch auch in ihr Privatleben kehrte doch noch für einige Jahre das Glück zurück. Marie, von der Albert Einstein gesagt haben soll, er habe „nie wieder so viel Erotik in den Augen einer Frau gesehen“, lernte im Labor – wo sonst? – ihren geliebten Pierre kennen. 1895 heirateten die beiden Wissenschaftler und bekamen später zwei Töchter. Doch die Forschung forderte ihren Tribut. Die ungeschützte Arbeit mit radioaktivem Material, dessen schädliche Wirkungen damals niemand kannte, ruinierte die Gesundheit des Ehepaars Curie. Immer wieder sackten beide ohnmächtig in sich zusammen. Sie führten dies auf die Erschöpfung nach der vielen Arbeit zurück. Pierre Curie aber geriet in einem Anfall von Schwäche 1906 vor eine Kutsche und starb an den erlittenen Quetschungen.

Marie Curie hat ihr Lächeln trotz des zweiten Nobelpreises nicht wiedergefunden. Die Anfeindungen im Zuge des Langevine-Affäre hafteten an ihr. Unterkriegen ließ sie sich dennoch nicht. Im Ersten Weltkrieg erfand sie ein mobiles Röntgengerät, das die Versorgung der Soldaten in den Lazaretten erleichterte. Curie machte sich auch für die Förderung von Frauen an der Sorbonne stark, wo sie seit 1908 den Lehrstuhl für Physik innehatte. Doch der Fluch der Radioaktivität holte sie ein. 1934 starb Marie Curie im Alter von 66 Jahren an den Spätfolgen der Strahlenkrankheit.

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