So ein Dreck

Polen hat ein Müllproblem. Immerhin funktioniert aber die Altkleidersammlung. Ein Zwischenruf auf dem Warschauer Alltag…

Grün ist die Farbe der Hoffnung, müssen sich Polens Müll-Unternehmer wohl gedacht haben. Jedenfalls haben sie ihr neuestes Lieblingsspielzeug grasgrün anstreichen lassen. Oder ist es eher Smaragdgrün? Ich kenne mich damit nicht so aus, habe die Behälter in ihrer Öko-Farbe aber sofort wahrgenommen, als ich kürzlich von einer Reise nach Warschau zurückkehrte. Man konnte im Grunde auch nicht daran vorbeischauen, denn zumindest in meinem Stadtviertel steht nun alle 200 Meter eine Metallkiste. Viel hilft viel, muss wohl ein zweiter Gedanke der Müll-Manager gewesen sein.

Aber ich will niemanden allzu lange auf die Folter spannen: Die Rede ist hier von Sammelbehältern für Altkleider und gebrauchte Schuhe. Letzteres fand ich übrigens schon immer irgendwie ekelig und platziere deshalb meine eigenen ausgelatschten Treter grundsätzlich im Restmüll, wo sie garantiert niemand mehr herausfischt. Aber sei’s drum, mein Warschauer Kiez jedenfalls hat nun Dutzende oder sogar Hunderte von smaragd- oder grasgrünen Altkleiderkisten bekommen. Selbstverständlich stellt sich die Frage, wer die alle füllen soll. Aber das konnte mir der freundliche Herr, den ich neulich darauf angesprochen habe, als er die Box leerte, nicht sagen.

Unstrittig ist, dass sich die Nachfrage nach Weggeworfenem in Polen auf unverändert hohem Niveau bewegt. Hinter meinem Wohnblock beispielsweise gibt es einen Verschlag für Sperrmüll. Praktischerweise sind meine Nachbarn dazu übergegangen, dort alles abzustellen, was sie nicht mehr brauchen, aber für brauchbar halten. Ich habe dort kürzlich einen alten Rucksack abgelegt, der binnen Minuten verschwunden war. Ähnlich erging es später einem oxidierten Kerzenständer. Ich finde das Verfahren gut – obwohl ich meine alten Schuhe auch dort nicht abstellen werde.

Vielleicht funktioniert dieses private Entsorgungssystem deshalb so reibungslos, weil Polen mit seinem Müll ein echtes Problem hat. Die Regierung hat zwar eine Reform beschlossen. Doch noch gilt: Außer Ungarn ist Polen das einzige EU-Land, das seinen Dreck den eigenen Bürgern überlässt. Nicht der Staat, sondern jeder Einzelne beziehungsweise irgendwelche Hausgemeinschaften oder andere freiwillige Zusammenschlüsse von Müllverursachern sind für die Entsorgung verantwortlich. Um deren Aufträge buhlen allein in Warschau mehr als 130 Abfallunternehmen. Das ist anstrengend, ineffektiv und fördert zu allem Überfluss das Schlechte im Menschen. Wilde Müllhalden jedenfalls gibt es in meinem Stadtteil mindestens ebenso viele wie hoffnungsgrüne Altkleiderbehälter.

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