Der „Mann ohne Gesicht“ bittet zum Duell

Ein Oligarch fordert Georgiens umstrittenen Präsidenten Saakaschwili heraus.

Bidsina Iwanischwili rechnet mit dem Schlimmsten. „Ich kann nicht ausschließen, dass ich erschossen werde“, sagt der georgische Multimilliardär und berichtet, dass seine Leibwache bereits von der Polizei entwaffnet worden sei. Die Staatsmacht habe auch einen seiner Geldtransporter überfallen und einen Millionenbetrag beschlagnahmt. „Ich könnte zu einer Gefahr für das Regime werden“, glaubt der 55-Jährige. Eine Deportation ins Ausland hält er für wahrscheinlich. Tatsächlich hat der georgische Präsident Michail Saakaschwili seinem einstigen Freund und Wohltäter bereits die Staatsbürgerschaft entziehen lassen.

Die Szenerie für das Duell ist damit bereitet. Doch wie konnte es zu einer solchen Zuspitzung kommen, dass in Tiflis wie vor vier Jahren plötzlich wieder das Wort von der Revolution die Runde macht? Zwischen dem 2. und 7. November 2007 hatten sich Zehntausende aufgebrachte Georgier gegen das zunehmend korrupte Regime des einstigen Hoffnungsträgers Saakaschwili erhoben. Doch der selbst ernannte Westler und Vorzeige-Demokrat ließ die Demonstranten niederknüppeln.

Vier Jahre später hat nun Iwanischwili dem Präsidenten den Fehdehandschuh hingeworfen. Anfang Oktober wagte er sich aus seiner jahrelangen Deckung und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an. Bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr wolle er eine absolute Mehrheit erreichen und die korrupte Regierungsclique hinwegfegen. Und direkt an Saakaschwili gewandt sagte er: „Halte ein, Mischa! Du stehst am Abgrund. Tritt zurück!“

„Mischa“ Saakaschwili aber wird seinen Posten nicht freiwillig räumen. Seit ihn die Rosenrevolution 2003 an die Macht gebracht hat, regiert er Georgien im Stile eines Sonnenkönigs. Nach der Devise „Der Staat bin ich“ schaltete er die Opposition aus und machte sich die Wirtschaft untertan. Korruption und Vetternwirtschaft blühen im Südkaukasus. Mit demonstrierenden Regimekritikern macht er kurzen Prozess. Selbst der verheerende Fünf-Tage-Krieg mit Russland um das abtrünnige Südossetien im Sommer 2008, den Saakaschwili mutwillig vom Zaun brach, hat seine Position nur vorübergehend erschüttern können.

Geholfen haben dem „Sonnenkönig“ stets Männer wie Iwanischwili. Der vierfache Familienvater ist das, was man einen klassischen Oligarchen nennen könnte. Geboren in der georgischen Provinz, zog es ihn noch zu Sowjetzeiten nach Russland. Als dort die Perestroika privatwirtschaftliche Aktivität erlaubte, verdiente sich Iwanischwili sein erstes Geld Ende der 80er Jahre im Computerhandel. Während der wilden Privatisierungen der 90er Jahre ergatterte er dann diverse Unternehmensbeteiligungen, kaufte Banken auf und Immobilien. Im Zwielicht der Jelzin-Jahre gelangte er zu Reichtum. Auf 5,5 Milliarden US-Dollar schätzt das „Forbes-Magazin“ sein Vermögen derzeit und platziert ihn auf Rang 185 der reichsten Menschen der Welt.

Doch anders als seine Oligarchen-Kollegen Boris Beresowski oder Michail Chodorkowski, die sich früh in die Politik einmischten und dafür die Quittung präsentiert bekamen, mied Iwanischwili die Öffentlichkeit. „Forbes“ nannte ihn einst den „Mann ohne Gesicht“. Die Nähe zur Macht war Iwanischwili gleichwohl nie fremd – ob in Russland oder Georgien. Nach der Rosenrevolution kehrte er 2004 in seine Heimat zurück, um den damaligen Hoffnungsträger Saakaschwili zu unterstützen. Der Oligarch sponserte einen Erholungspark nahe der Präsidentenresidenz, ließ die Theater in Tiflis renovieren, baute eine mächtige Kathedrale und kaufte Saakaschwilis Polizisten neue Limousinen.

Zum Bruch mit dem Präsidenten sei es schon während der brutal unterdrückten Proteste im November 2007 gekommen, berichtet Iwanischwili heute. „Damals hat Saakaschwili sein wahres Gesicht gezeigt. Als Häuser zerstört und Menschen verprügelt wurden, ist mein Vertrauen verloren gegangen“, sagt Iwanischwili. Warum er jedoch vier Jahre lang stillhielt und sich erst jetzt zur Rebellion entschloss, sagt der Oligarch nicht.

Dabei redet Iwanischwili in diesen Herbsttagen viel. Nichts ist geblieben von der Öffentlichkeitsscheu vergangener Tage. „Ich plane fundamentale Veränderungen in Georgien“, sagt der Mann, der sich selbst als einen „Träumer“ beschreibt, dem es „nicht an Pragmatismus mangelt“. Seine Strategie hat er klar umrissen. Iwanischwili will die Parlamentswahl im Frühsommer 2012 mit verfassungsändernder Zweidrittelmehrheit gewinnen. Das Wählervotum werde angesichts der tiefen Unzufriedenheit in der Bevölkerung eindeutig zu seinen Gunsten ausfallen. Davon ist der Oligarch überzeugt. „Deshalb will ich auch nichts von dem Wort Revolution hören“, sagt er. „Die Regierung will uns auf die Straße treiben wie vor vier Jahren. Dieses Spiel sollten wir nicht mitspielen.“

Das klingt friedvoll-demokratisch. Doch Iwanischwili ist klug genug zu wissen, dass er längst auf der Straße steht – mit dem Polit-Revolver im Anschlag.

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