Das Allerheiligste

Der 1. November ist im katholischen Polen ein ganz besonderer Tag. Zu Allerheiligen herrscht Ausnahmezustand.

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Allerheiligen 2010: Kerzenmeer auf dem Warschauer Powazki-Friedhof. (Foto: Krökel)

Deutsche Journalisten nennen Janusz Palikot gern den „polnischen Piraten“.Damit haben sie gleich den Bezug zur Berliner Protestpartei hergestellt und brauchen nicht lange zu erklären, wes Geistes Kind Palikot ist. Eben einer, der alles durcheinanderwirbelt. Mit seiner radikalliberalen „Bewegung“ hat Polens Pirat kürzlich bei der Sejm-Wahl zehn Prozent der Stimmen erreicht. Und als erklärter Pfaffenhasser forderte er anschließend sogleich, das Kreuz im Parlamentssaal abzunehmen.

An das Allerheiligste der Polen traut sich aber selbst Palikot bislang nicht heran. Das Totengedenken am 1. November ist in dem katholischen Land derart tief verwurzelt, dass selbst der kühnste Pirat bei dem Versuch scheitern würde, dem heiligen Treiben Einhalt zu gebieten. Das gesamte 38-Millionen-Volk begibt sich zu Allerheiligen auf Straße oder Schiene, um an die Familiengräber zu pilgern – selbst wenn sie sich in einem noch so fernen Winkel des Karpatenvorlandes befinden. Die Bahn setzt Sonderzüge ein, und in Warschau garantiert ein ausgeklügelter Feiertagsfahrplan den reibungslosen Pendelverkehr zwischen den Friedhöfen.

Auch die Polizei ist alarmiert. Im vergangenen Jahr tauften die Fahnder ihren Großeinsatz „Operation Grablicht 2010“ – und das war kein schlechter Scherz. Zu Allerheiligen steht in Polen einfach alles im Zeichen jener kunststoffummantelten Kerzen, die zu Tausenden und Abertausenden die herrlich geschmückten Friedhöfe erhellen. Es ist ein prächtiger Anblick, der allerdings seine Schattenseite hat. Der Rauch der vielen Billiglichter kann bei ungünstiger Wetterlage sogar Smogalarm auslösen.

In diesem Jahr sind Elektro-Grablichter im Kommen. Ob sie einen ähnlichen Siegeszug antreten wie einst die elektrischen Christbaumkerzen, bleibt abzuwarten. Die Polen lassen sich ihr Fest durch ein wenig schlechte Luft ohnehin nicht vermiesen. Schon in den Tagen vor Allerheiligen kann man die Menschen auf den Friedhöfen des Landes beobachten, wie sie mit Harke und Handfeger bewaffnet die Gräber ihrer Lieben winterfest machen.

Daran wird auch Janusz Palikot so bald nichts ändern. Im Grunde wäre es auch eine Sünde, selbst im allgemein-menschlichen, nicht-theologischen Sinn. Die Gläubigen ehren an diesem Tag all jene, die Gott besonders nahe stehen und ihm heilig sind. Aber auch für die weniger Gläubigen ist Allerheiligen vor allem ein Fest der Freude – und das zu Beginn des finstersten aller Monate!

P.S.: Das Kreuz im Parlament bleibt übrigens aller Voraussicht nach auch hängen. Fast zwei Drittel der Polen sprechen sich in Umfragen für einen Verbleib des christlichen Symbols im Sejm aus.

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