„Deutschland ist nicht attraktiv genug“

Seit einem halben Jahr gilt in Deutschland die Freizügigkeit für osteuropäische EU-Bürger. Doch die Lockrufe des Westens verhallen im Osten ungehört.

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Mateusz Lipczynski mit Tochter Liliane. (Foto: privat)

Mateusz Lipczynski hat viel von der Welt gesehen. Mehrere Jahre lang arbeitete er als Softwareentwickler in Süddeutschland und der Schweiz. Später verschlug es ihn über London nach Neuseeland. Eines aber weiß der 34-Jährige inzwischen genau: Er möchte nie wieder dauerhaft an einem anderen Ort leben als in seiner polnischen Heimat. „Hier habe ich meine Familie, meine Freunde und meine Sprache“, sagt der junge Mann. „Und ich verdiene in Nordpolen nicht schlechter als in Westeuropa“, fügt er hinzu, bevor er das Café im boomenden Ostseebad Sopot bei Danzig schnell wieder verlässt, um zu seiner Frau Agnieszka und der knapp einjährigen Tochter Liliana zu eilen.

Lipczynski ist so etwas wie ein Idealtypus. Er ist der Mann, nach dem sich deutsche, britische oder Schweizer Arbeitgeber ebenso die Finger lecken wie polnische und tschechische Unternehmer. Der sprachgewandte Informatiker ist hoch qualifiziert. Er ist gebildet, engagiert und weltoffen, aber auch bescheiden und sozial fest verwurzelt. Doch der Traummann westlicher Personalchefs sagt unmissverständlich: „Auswandern ist für mich keine Option mehr.“ Deutschland sei für ihn schlicht „nicht attraktiv genug“.

Wer mit Mateusz Lipczynski spricht, bekommt schnell eine Ahnung davon, warum die Öffnung des Arbeitsmarktes für osteuropäische EU-Bürger am 1. Mai keine nennenswerten Folgen hatte. Ein halbes Jahr ist das nun her, und alle Zahlen zeigen: Der von manchen ersehnte, von anderen befürchtete Ansturm aus dem Osten ist ausgeblieben. Nach der jüngsten Statistik des Bundesamtes für Migration sind in den ersten vier Monaten der neuen Freizügigkeit gerade einmal 26.000 Menschen aus den betroffenen acht östlichen EU-Staaten nach Deutschland gekommen. Das waren nicht einmal 15.000 Personen mehr als im Viermonatszeitraum zuvor. Die Daten für September und Oktober dürften nach Expertenschätzungen nicht anders ausfallen.

„Statt eines Stromes, der sich nach Westen ergießt, fallen nur einzelne Tropfen auf einen heißen Stein“, sagt Ulrike Geith. Die Expertin für Beschäftigungspolitik an der deutschen Botschaft in Warschau hatte wie die meisten Fachleute mit rund 100.000 zusätzlichen Arbeitskräften aus Osteuropa pro Jahr gerechnet. Nicht einmal die Hälfte dürfte erreicht werden. „Es tröpfelt“, sagt Geith. Mit dem „heißen Stein“, auf den diese Tropfen fallen, bezeichnet sie den Bedarf der deutschen Wirtschaft an gut qualifiziertem Personal. Denn mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit verband sich nicht nur die Angst vor Billigarbeitern und sinkenden Löhnen. Es gab auch die Hoffnung, die Bundesrepublik könnte ihren Fachkräftemangel durch Zuwanderung ausgleichen. Das aber war ein Trugschluss.

Warum das so ist, zeigt das Beispiel von Mateusz Lipczynski. Der 34-Jährige ist ein Jahr vor der Öffnung des Arbeitsmarktes nach Polen zurückgekehrt. Ein weiteres Mal will er dem Lockruf des Westens nicht folgen. „Angesichts der Lebenshaltungskosten und des Steuerniveaus habe ich hier am Monatsende mehr Geld auf dem Konto als in Deutschland“, sagt Lipczynski, der fünf Jahre in Baden-Württemberg und später in der Schweiz lebte. An die Zeit erinnert er sich mit gemischten Gefühlen: „Der Schwarzwald ist wunderschön. Aber ich war dort nicht bei allen willkommen. In den Kneipen haben sich die Menschen über Polenwitze amüsiert. Und viele Deutsche glauben noch immer, wir würden nur saufen und auf der faulen Haut liegen.“

Auch das ist ein Irrtum. Polen gilt derzeit als europäische Wachstumslokomotive. In dem Wirtschaftswunderland erfreut sich eine immer breitere Mittelschicht eines bescheidenen Wohlstands. „Meine Heimat hat sich stark verändert, seit ich 2001 nach Deutschland gegangen bin“, sagt Lipczynski. „Es gibt viele elegante Läden und ein reiches kulturelles Angebot. Polen ist vielleicht nicht so gut organisiert wie die Schweiz oder Deutschland. Aber es lebt sich gut hier, und ich bin froh, dass meine Tochter nicht in der Fremde aufwachsen muss.“

Hätte man eine Fachkraft wie Lipczynski in Deutschland halten können? Arbeitgebervertreter wie der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, Hans-Jörg Schmidt-Trenz, fordern seit langem „eine neue Willkommenskultur, die es Zuwanderern leicht macht, sich mit ihren Familien rasch bei uns einzuleben“. Experten wie Ulrike Geith verweisen zudem auf die starren Strukturen des deutschen Arbeitsmarktes, die man aufweichen müsse. So sei die Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen in der Bundesrepublik unnötig kompliziert.

Geith ist allerdings davon überzeugt, dass der Zug vorerst abgefahren ist. „Briten und Skandinavier haben ihre Arbeitsmärkte schon vor Jahren geöffnet. Wer aus Polen oder anderen osteuropäischen Ländern weg wollte, ist dorthin ausgewandert.“ Das hat auch Mateusz Lipczynski in London beobachtet, wo seine heutige Frau Agnieszka einige Jahre lang gearbeitet hat. In England sei für Ausländer vieles einfacher zu organisieren. „Außerdem ist die Sprachbarriere ist nicht so hoch“, sagt Lipczynski. Und Polenwitze sind in London eher selten zu hören.

One comment

  1. Zuersteinmal hoffe ich dass die Sache so bleibt, es kann und darf nämlich nicht sein dass der pol. Steuerzahler für die Ausbildung von Fachkräften aufkommt die dann mal irgendwohin auswandern und für die Volkswirtschaft verloren sind.

    @In den Kneipen haben sich die Menschen über Polenwitze amüsiert. Und viele Deutsche glauben noch immer, wir würden nur saufen und auf der faulen Haut liegen.

    Stimmt. Ich wurde gefragt ob „meine Familie schon in den Startlöchern steht“, so, als ob ich aus z.B Burundi wäre.Als ich meinte das würde sich nicht lohnen waren einige doch ziemlich beleidigt-sichamKopfkratz-Und die „Meinung“ (=Vorurteile) gegen uns Polen finde ich nach fast 3 Jahrzehnten ziemlich nervig (vor wenigen Tagen unaufgefordert erst wieder). Wenn ich die Chance habe werde ich mit meinen dt. Abschluss auswandern 😉

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