Der Gipfel der Korken

Mit der Infrastruktur hapert es in Polen notorisch. Das hat Folgen – ein Zwischenruf…

Jedesmal, wenn sich in Warschau hoher Besuch angesagt hat, sorgen sich die lokalen Medien vor allem um eines – dass auch mit den Korken alles gut gehen möge! Diesen Eindruck transportieren zumindest die Schlagzeilen. „Szczyt korków“, titelte beispielsweise die Zeitung „Warschauer Leben“ Ende vergangener Woche zum EU-Osteuropa-Gipfel. Der „Gipfel der Korken“, heißt das wörtlich übersetzt, und da fragte ich mich natürlich gleich, ob Angela Merkel und die anderen EU-Repräsentanten nur deshalb nach Polen gekommen waren, um mit ihren östlichen Partnern einmal ordentlich einen heben zu können.

Das war selbstverständlich nicht der Fall. In der Politik wie im richtigen Leben ist ja vieles eine Sache der Sprachregelung. So auch im Falle der Korken. Vorausgeschickt sei der Erklärung aber ein Lob für die polnische Sprache. Ein Wort wie „szczyt“ muss man sich erst einmal einfallen lassen – und dann auch noch aussprechen können! „Sch-Tschütt“, so ungefähr. Aber dies sei hier nur am Rande bemerkt.

Zurück zum „korek“ (korków ist der Genitiv), also zum Korken, der sprachlich einen doppelten Boden hat. Das Wort bezeichnet nämlich nicht nur den ordinären Stöpsel, den man in einen Flaschenhals zwängt, sondern auch den Stau. Ob es sich nun um Autos handelt oder um eine Menschenmenge, in Polen bildet sich ein Korken. Das sprachliche Bild, da kann man sagen was man will, trifft die Sache ziemlich gut. Allzu oft ist es ja eine Verengung im Verkehrsverlauf – also quasi ein Flaschenhals –, der Blechlawinen oder Fußgänger zum Stehen bringt.

Warschau gilt in Polen auch in dieser Hinsicht als unangefochtene Hauptstadt. Obwohl es so gar nicht zum hektischen Businnessleben in der boomenden Metropole passt: Es gehört hier fast zum guten Ton, sich (leicht!) zu verspäten, weil man im Flaschenhals festsaß. Derzeit ist es besonders schlimm, weil eine zweite Metrolinie gebaut wird und wichtige Straßen gesperrt sind. Ganze zwei Metrolinien! Das muss man sich auch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Im vergleichbar großen Hamburg gibt es drei U- und sechs S-Bahn-Linien.

Mit der Infrastruktur hapert es in Polen notorisch. Ein Bekannter erzählte mir neulich, dass die Bahn, die im 19. Jahrhundert drei Stunden von Berlin nach Breslau gebraucht habe, derzeit doppelt so lange unterwegs sei. Überprüft habe ich das nicht, aber es klingt nicht unwahrscheinlich. Erstaunlicherweise gelingt es den Polen dann aber meist doch, im entscheidenden Augenblick voll auf der Höhe zu sein. Ende vergangener Woche sogar auf der Höhe des EU-Osteuropa-Gipfels. Der Verkehr floss fast so reibungslos wie der Wein, den man den Staatsgästen kredenzte.

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