Manager der Macht

Wladimir Putin soll wieder russischer Präsident werden. So hat es die Kremlpartei Einiges Russland entschieden. An der Wahl des 58-Jährigen bestehen keine ernst zu nehmenden Zweifel. Ein Kommentar…

So einfach ist das also in Russland. Da wird mal eben in einem Hinterzimmer ausgekungelt, wer diesmal für einige Jahre das Präsidentenzepter schwingen darf. All jene, die es schon immer besser gewusst haben, werden nun triumphierend tönen: Seht her, es war von Anfang an ein abgekartetes Spiel. Die Macht in Russland hatte auch unter dem Marionettenpräsidenten Medwedew immer nur einer in Händen – Strippenzieher Putin.

Tatsächlich spricht viel für die Platzhaltertheorie. Und dennoch ist längst nicht mehr alles so einfach in Russland, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Zeiten, in denen ein Alleinherrscher im Stile der Zaren über das Riesenreich im Osten gebieten konnte, sind vorbei. Vielmehr haben die vier Jahre Medwedew-Regentschaft vor allem eines gezeigt: Letztlich ist es unerheblich, wer im heutigen Russland den Präsidententitel trägt.

In Moskau hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein kompliziertes Geflecht aus persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Ambitionen herausgebildet. Die Bosse beim Energiegiganten Gazprom und in anderen großen Staatsunternehmen wollen ebenso mitentscheiden wie die Militärs, die Geheimdienstfraktion, die Medienmogule, die Alphatiere im Apparat und – ja, auch das! – immer mehr Bürger. In der wachsenden Mittelschicht, die vom Rohstoffreichtum des Landes zu profitieren beginnt, macht sich zunehmend der Wunsch nach politischer Teilhabe bemerkbar.

Auch deshalb tritt Putin an. Er ist noch immer derjenige, der ohne offene Wahlfälschung die besten Siegchancen hat. Und er versteht es, auf der Klaviatur des Interessenausgleichs virtuos zu spielen. Anders hätte auch die Interimslösung Medwedew nicht funktionieren können. Putin ist ein Manager der Macht und keineswegs jener „nationale Führer“, von dem mancher Slawophile in Russland träumt. Ein autokratisches System wäre sicher einfacher zu installieren, aber auch leichter zu bekämpfen gewesen.

Stattdessen führt der Kreml nun gelenkte Demokratie vom Feinsten vor. Das reicht fürs Erste, und es macht die Sache für all jene schwer, die sich um eine echte Mitsprache der Bürger bemühen. Die Opposition in Russland wird vorerst eine Randerscheinung bleiben. In den kommenden sechs Jahren unter Putin werden die Karten dann neu gemischt. Wer allerdings gehofft hatte, dass sich Moskau unter dem vermeintlichen Liberalen Medwedew den freiheitlichen Gesellschaften des Westens annähern könnte, sieht sich auf ganzer Linie enttäuscht.

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