Kaczynskis Gratwanderung auf Stöckelschuhen

Polens Konservative umwerben im Wahlkampf mit aller Macht die Frauen und die Jugend. Doch Jaroslaw Kaczynski hat auch einen Ruf zu verlieren.

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"Kommt mit uns, wir siegen!", steht auf dem Wahlplakat der konservativen PIS-Partei. (Foto: PIS)

Ein höflicher Handkuss für die Dame, ein braver Knicks vor dem Herrn. Dann nimmt Jaroslaw Kaczynski gemessen Platz, während die junge Frau ihm gegenüber elegant in ihren Sessel gleitet. Wie so oft kneift Kaczynski zunächst einmal die Lippen zusammen. Sylwia Lugowska aber neigt ein wenig den Kopf und blickt lächelnd zu ihm auf. Wie es sich für einen echten Engel gehört, himmelt die junge Frau den alten Mann an. Und siehe da: Kaczynski himmelt zurück. Das ist neu.

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Mit zusammengebissenen Zähnen: Jaroslaw Kaczynski im Zwielich des "Klub Hybrydy". (Foto: Krökel)

In Polen läuft der Wahlkampf auf Hochtouren. Es ist die Zeit der politischen Versprechungen und der persönlichen Verbiegungen. Jaroslaw Kaczynski jedoch gilt mit seinen 62 Jahren nicht nur als eingefleischter Junggeselle, sondern auch als unbeugsamer Streiter für die reine konservativ-katholische Lehre. „Die Liberalen hetzen immer wieder ihre Jagdhunde auf ihn, aber er lässt sich nicht beirren“, sagt etwa der 24-jährige Jakub bewundernd.

Der Jurastudent ist extra aus Stettin in die Hauptstadt gereist, um Kaczynski „im Gespräch mit den Engeln“ zu erleben. Denn dies ist in Polen der Wahlkampfschlager der Stunde: Eine Gruppe junger Kaczynski-Anhängerinnen um die Studentin Sylwia Lugowska umwirbt mit viel Esprit und Sexappeal die Jugend des Landes, bei der die Konservativen als altbacken gelten und seit langem kein Bein mehr auf die Erde bekommen haben.

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Der Urengel: Sylwia Lugowska brachte den Wahlkampf der PIS ins Rollen. (Foto: Krökel)

Die polnischen Medien hatten zunächst nur Lugowska zum Engel erkoren, weil der erste öffentliche Auftritt der 23-Jährigen noch so bezaubernd-unschuldig wirkte. Bei einem Nachwuchstreffen der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) hatten die Wahlkampfstrategen die Schöne mit dem kastanienbraunen Haar in der ersten Reihe neben dem allmählich alternden Vorsitzenden platziert. „Ist Angelina Jolie in die PIS eingetreten?“, fragte anschließend die Boulevardzeitung „Super Express“. Inzwischen hat die Partei ein halbes Dutzend weiterer Polit-Engel in ihren Reihen ausfindig gemacht. Gemeinsam locken sie nun auf Plakaten: „Kommt mit uns!“

Erste Erfolge stellen sich ein. Die PIS hat den Umfrage-Abstand auf die rechtsliberale Regierungspartei PO von Premier Donald Tusk kurz vor der Wahl am 9. Oktober fast wettgemacht. Ursprünglich hatte Tusk mit einer absoluten Mehrheit geliebäugelt. Nun sitzen ihm die Konservativen im Nacken. Und ein wenig verbiegt sich für den guten Zweck sogar Kaczynski. Andernfalls hätte sich der 62-Jährige an diesem sonnigen Nachmittag kaum in die düstere Untergrundwelt des „Klub Hybrydy“ getraut.

In den Kellerräumen, in denen sonst Warschaus Studenten tanzen und trinken, stellt sich Kaczynski im Zwielicht der Disco-Scheinwerfer den Fragen der Engel und einiger junger Männer, die um des Proporzes willen die Bühne füllen. Kaczynski lächelt sogar schelmisch, wenn er Sylwia Lugowska lauscht, deren Stimme für einen Engel recht rauchig-verrucht klingt.

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Auf Engelssohlen: Einblick in Kaczynskis Kampagne auf hohen Hacken. (Foto: Krökel)

Von einer „Kampagne auf High Heels“ schreibt unter Anspielung auf die hochhackigen Schuhe mancher Engel die Zeitung „Rzeczpospolita“. Tatsächlich ist es für die PIS eher eine Gratwanderung auf Stöckelschuhen. Bislang läuft es blendend. Aber Kaczynski hat bei seiner Stammklientel einen Ruf als aufrechter Konservativer zu verlieren. Und das macht er auch den handverlesenen Zuhörern im „Klub Hybrydy“ immer wieder deutlich.

„Unsere Schulen und Universitäten haben vor allem eine erzieherische Aufgabe“, tönt Kaczynski und rückt seine schwarze Krawatte zurecht. Er trägt sie fast immer, seit sein Bruder, Präsident Lech Kaczynski, 2010 beim Flugzeugunglück in Smolensk ums Leben gekommen ist. Doch das düstere Äußere des alten Mannes signalisiert auch: Hier kann oder will einer nicht aus seiner Haut.

Da helfen nicht einmal die lockenden Fragen von Sylwia Lugowska. Als sie über die Last von Studiengebühren klagt, verspricht Kaczynski gern allerlei finanzielle Privilegien. Doch dann wird er lauter und fügt hinzu: „Was wir nicht wollen, sind ewige Studenten!“ Der Applaus ist schwach, obwohl sich zwischen Bar und Bühne augenscheinlich niemand aufhält, der ins Klischee des linken Bummelstudenten passen würde. Die meisten männlichen Zuhörer tragen Krawatte, viele junge Frauen hoch zugeknöpfte Blusen. Engel Lugowska schaut zunehmend gequält. „Ich bin müde“, räumt sie im persönlichen Gespräch ein. „Jeden Tag Wahlkampf, das schlaucht.“

Aber die 23-Jährige, die schon als Abiturientin in die Kaczynski-Partei eingetreten ist, kämpft aus Überzeugung. „Die Regierung Tusk hat eine gläserne Decke über unseren Köpfen eingezogen“, lautet ein Leitsatz der Engel. Es ist ein gängiges sprachliches Bild in Polen. Die „gläserne Decke“ bezeichnet jene unsichtbaren sozialen Barrieren, die allzu oft den beruflichen Aufstieg der Jungen verhindern. Die Jugendarbeitslosigkeit, die an der Jahrtausendwende mit über 40 Prozent zeitweise die höchste in Europa war, hat sich inzwischen zwar bei 25 Prozent eingependelt. Doch viele junge Leute arbeiten noch immer in befristeten Anstellungen oder in mehreren Jobs gleichzeitig.

Kaczynski aber reicht es nicht, diese Fakten zu benennen. Er will auch von einer gläsernen Decke nichts wissen. „Ich würde von einer Betonmauer sprechen“, sagt er und presst nun wieder die Lippen aufeinander. Alt und verloren wirkt er da im Kreise seiner Engel.

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