Die Lemberger Antisemitismus-Lüge

„Der Holocaust ist hier noch nicht zu Ende.“ Westliche Medien beschuldigen die westukrainische Stadt Lemberg, Austragungsort der Fußball-EM 2012, eine Synagoge zu zerstören, um ein Fan-Hotel zu bauen. Das jüdische Erbe werde auf dem Altar des Kommerzes geopfert. Doch die Ankläger verstricken sich in ein Geflecht aus Halbwahrheiten und Falschmeldungen.

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Ruine, aber keine Baustelle: Die Überreste der Goldenen Rose in Lemberg. (Foto: Krökel)

Die Geschichte hat die Dramaturgie eines himmelschreienden Skandals. In der westukrainischen Stadt Lemberg (Lwiw) hätten Bulldozer begonnen, die Überreste einer von den Nazis zerstörten Synagoge niederzuwalzen, um dort zur Fußball-Europameisterschaft 2012 ein Hotel zu errichten, meldete der britische „Guardian“ Anfang September. Die angesehene liberale Zeitung warf Investoren und  Behörden „Antisemitismus, historischen Analphabetismus und Gier nach Immobilien“ vor. Reporter Tom Gross berichtete, er habe das Zerstörungswerk mit eigenen Augen gesehen, obwohl alles weiträumig abgesperrt sei, um unliebsame Zeugen fernzuhalten. „Zusammen mit Meylakh Sheykhet, einem von Lembergs letzten Juden, bin ich auf eine Leiter geklettert, um über den Bauzaun zu gucken und die Maschinen bei der Arbeit zu beobachten“, schreibt er und zitiert Sheykhet mit den Worten: „Der Holocaust ist hier noch nicht zu Ende.“

Das Problem ist nur: Am Ort des Geschehens arbeiten seit Wochen keine Bulldozer und Bagger mehr. Bereits am 19. August stoppte das Lemberger Bezirksgericht den Weiterbau des Hotels. Mehr noch: Die Baustelle befindet sich keineswegs auf dem Gelände der „Goldenen Rose“, wie die frühere Synagoge heißt, sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Die Ruine des Gotteshauses bleibt unangetastet“, versichert Bürgermeister Andri Sadovyj im Gespräch. Den „Guardian“-Bericht nennt er „eine Lüge“. Das Gericht hatte den Baustopp mit Denkmalschutz-Vorschriften begründet. Die Lemberger Altstadt trägt seit 1998 den Titel Unesco-Weltkulturerbe.

Bürgermeister Sadovyj wehrt sich auch in einem offenen Brief gegen die Vorwürfe des „Guardian“. Eine internationale Expertengruppe erarbeite derzeit ein Konzept, wie die jüdischen Erinnerungsstätten in Lemberg bewahrt und mit neuem Leben erfüllt werden können, erläutert er und fügt im Gespräch hinzu: „Wir würden gern mehr tun, aber 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und dem Kollaps des Staates fehlen uns an allen Ecken und Enden die Mittel.“

Der vermeintliche Skandal war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in der Welt. Radio Free Europe veröffentlichte den Gross-Text auf seiner Website. Israelische Medien schlugen ebenfalls Alarm. Und auch die Warschauer Zeitung „Rzeczpospolita“ titelte: „Bulldozer zerstören Synagoge in Lemberg“. Das Qualitätsblatt zitierte einen polnischen Konsul in Israel, der seine eigene Regierung zum Handeln aufforderte. Lemberg sei vor dem Krieg eine polnische Stadt gewesen. Polen als Mitorganisator der Europameisterschaft 2012 müsse handeln, „denn die Bagger verwandeln ein Baudenkmal von unschätzbarem Wert in Schutt und Asche“.

Mit der Wirklichkeit hat all dies nichts zu tun, wie Sofia Djak bei einer Ortsbegehung erläutert. Die Historikerin leitet das Lemberger Zentrum für Stadtgeschichte und ist unverdächtig, Bürgermeister Sadovyj nach dem Mund zu reden. Immer wieder kritisiert sie „die Bausünden, die dem architektonischen Erbe der Stadt zugefügt werden“ – auch und gerade im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft. Von dem Hotel, das in Sichtweite der „Goldenen Rose“ entstehen könnte, hält Djak ebenfalls nichts. „Der geplante Komplex ist völlig überdimensioniert“, sagt sie. Was jedoch der „Guardian“ über Antisemitismus und angebliche Attacken auf das jüdische Erbe der Stadt schreibt, grenzt in den Augen der Historikerin an Verantwortungslosigkeit.

Es gibt unterschiedliche Erklärungsversuche dafür, wie das Zerrbild entstehen konnte, das inzwischen zahlreiche westliche Medien nachgezeichnet haben. Unstrittig ist, dass sich die Skandalstory des „Guardian“ perfekt in eine Zeit fügt, in der die Ukraine fast ausschließlich für Negativschlagzeilen sorgt. Der seit anderthalb Jahren regierende Präsident Wiktor Janukowitsch hat die Uhren der demokratischen orangenen Revolution von 2004 zurückgedreht und eine Hatz auf Oppositionelle eröffnet. Krassestes Beispiel ist der offenkundig politisch motivierte Prozess gegen Julia Timoschenko, die einstige Ikone des demokratischen Lagers. Ihre Wurzeln haben die Orangenen in Lemberg. Bürgermeister Sadovyj deutet an, dass es innerhalb der Ukraine „ein politisches Interesse“ geben könnte, Lemberg mittels gezielter Negativ-PR „in ein düsteres Licht zu tauchen“. Aber auch die Tatsache, dass im Lemberger Rat die rechtspopulistische Partei „Swoboda“ (Freiheit) die stärkste Fraktion bildet, bringt die Stadt immer wieder unter Rechtfertigungsdruck.

Historikerin Djak hat eine schlichtere Erklärung für den Wirbel um die „Goldene Rose“. Es gebe in Lemberg mit seiner reichen multikulturellen Vergangenheit eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen, die um Aufmerksamkeit kämpfen, erläutert sie. Der von „Guardian“-Reporter Tom Gross als einzige Quelle seiner Skandalgeschichte genannte Meylakh Sheykhet ist diesem Milieu zuzuordnen. Er gilt als mutiger Streiter für die Bewahrung des jüdischen Erbes in der Westukraine. Nach dem offenen Brief des Bürgermeisters rückte der 58-Jährige die Dinge zurecht. Das neue Hotel werde zwar nicht auf den Ruinen der Synagoge gebaut, aber an einer Stelle, wo einst eine Mikwe stand – ein traditionelles jüdisches Bad. „Es bleibt eine Schande“, sagt Sheykhet. Für einen Skandal hätte diese Meldung allerdings kaum ausgereicht.

Stadt zwischen den Welten

Lemberg/Lwiw mit seinen aktuell 750.000 Einwohnern gehört historisch überall und nirgends dazu. Gegründet von einem Slawenfürsten, war die Stadt jahrhundertelang polnisch (1340-1772 und 1918-1939). Mindestens ebenso stark geprägt ist sie jedoch von der österreichischen Habsburger-Monarchie (1772-1918) und seiner lange Zeit großen jüdischen Bevölkerungsgruppe. Gelitten hat Lemberg unter deutscher Besatzung (1939-44) und sowjetischer Herrschaft (1944-1991). Heute definiert sich Lwiw als westukrainische, mitteleuropäisch orientierte Metropole.

Siehe auch die Veröffenlichung im Spiegel

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