Die Euro-Apokalypse

Polens Finanzminister warnt vor einem Krieg in Europa, sollte die Euro-Krise nicht gelöst werden. Für die Übertreibung gibt es Gründe.

Die Euro-Krise treibt apokalyptische Blüten. Polens Finanzminister Jacek Rostowski etwa wird nicht müde, vor einem Zerfall der Euro-Zone und der gesamten EU zu warnen. Selbst das Wort von einem drohenden neuen Krieg in Europa scheut er nicht. Das Ende der Europäischen Union werde bewaffnete Konflikte wieder möglich machen. Rollen also bald Panzer über den Kontinent? Eine absurde Vorstellung. Und doch lässt sich aus den Kassandrarufen, die aus dem Osten herüberdringen, so manches lernen.

Da ist zunächst die Dimension der Krise. Die Polen, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehaben, fühlen sich berufen, den anderen Europäern den existenziellen Ernst der Lage klar zu machen. Seit gestern tagen die EU-Finanzminister in Breslau. Die polnischen Gastgeber hatten sich Schützenhilfe aus Washington geholt – ein Novum in der EU-Geschichte. Und so redete Rostowski im Schulterschluss mit US-Finanzminister Timothy Geithner seinen Amtskollegen ins Gewissen. Man müsse einen Schlachtplan entwerfen, um „die Katastrophe zu verhindern“.

Ob ausgerechnet die haarsträubend überschuldeten Amerikaner die Richtigen sind, um Europa wirtschafts- und finanzpolitische Ratschläge zu erteilen, sei einmal dahingestellt. wahr ist jedoch: Das Ausmaß der Bedrohung ist vor allem in einigen deutschen Politikerköpfen noch nicht angekommen. Wer zum dritten Jahrestag der Lehman-Pleite Gedankenspiele für eine Griechenlandpleite anstellt, der spielt weniger mit Ideen als mit dem Feuer.

Lehman hat gezeigt, welche Dominoeffekte auf den Weltfinanzmärkten möglich und sogar wahrscheinlich sind, wenn man einen wackelnden Stein mutwillig stürzen lässt. Kippt Athen, werden früher oder später auch andere kippen. Angela Merkel hat das begriffen. Sie hält allenfalls einen geordneten Rückzug Griechenlands aus der Euro-Zone ab 2013 für denkbar. Vizekanzler Philipp Rösler hat dagegen nichts verstanden. Der junge FDP-Chef macht sich daran, die deutsche Staatsräson auf dem Altar eines regionalen Wahlkampfes zu opfern.

Das von den Polen an die Wand gemalte Apokalypse-Szenario zeigt aber noch etwas anderes. Die Menschen jenseits der Oder sind sensibler für existenzielle Fragen als die satten Gesellschaften des Westens. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Stunde null, die Deutschland 1945 erlebt hat, sich in Osteuropa 1989/90 in abgeschwächtem Ausmaß wiederholt hat. Polen lag nach dem Ende des Kommunismus am Boden. Rettung versprach und brachte schließlich die EU. Das wissen die Menschen bis heute zu schätzen. 85 Prozent der Polen sind begeisterte Europäer.

In Deutschland ist das anders. Im Osten des wiedervereinten Landes hat man sich an den Brüdern und Schwestern jenseits der Elbe abgearbeitet. Bonn half oder wickelte ab, nicht Brüssel. Aber auch in der alten Bundesrepublik hat jenes Modell längst ausgedient, das ausnahmslos alle Kanzler von Adenauer über Brandt und Schmidt bis hin zu Kohl einst beschworen haben. Nur noch die wenigsten Menschen verbinden mit der EU Frieden, Freiheit und Wohlstand – eher das Gegenteil. Vor allem wenn es ums Geld geht, gilt Brüssel als die Wurzel allen Übels. Rostowskis Kriegswarnung ist deshalb auch als Versuch zu verstehen, insbesondere den Deutschen die Grundlagen der europäischen Einigung ins Gedächtnis zu rufen.

Der streitbare Pole hat aber noch mehr im Sinn. In seinen Augen zählt die Osterweiterung zu den tragenden Säulen der heutigen EU. Die „neuen Europäer“ spielen beim Euro-Krisenmanagement bislang jedoch nur eine Nebenrolle. Paris und Berlin machen die Dinge unter sich aus. Das wiederum zeugt nicht nur von Überheblichkeit, es ist auch dumm. In vielen osteuropäischen EU-Staaten gibt es in Währungsfragen eine ähnliche Stabilitätskultur wie in Deutschland. Warum Kanzlerin Merkel sich derart einseitig auf ihren schwierigen Partner Nicolas Sarkozy stützt, statt breitere Bündnisse zu schmieden, bleibt deshalb das größte Rätsel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.