Der Freizügigkeits-Flop

Im Mai hat Deutschland seinen Arbeitsmarkt für osteuropäische EU-Bürger geöffnet. Doch der von manchen gefürchtete, von anderen herbeigesehnte Zustrom bleibt aus.

Von wegen „Die Polen kommen!“ Nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für osteuropäische EU-Bürger am 1. Mai sind alle Heilserwartungen und Horrorszenarien gleichermaßen enttäuscht worden. Das belegen neueste Zahlen des Bundesamtes für Migration in Nürnberg. Die Freizügigkeit hat demnach im ersten Geltungsquartal lediglich rund 26.000 Menschen aus den betroffenen acht osteuropäischen EU-Staaten nach Deutschland gelockt. Das waren nur etwa 10.000 Personen mehr als im Dreimonatszeitraum vor der Öffnung.

„Das sind außergewöhnlich geringe Zahlen“, kommentiert Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Statistik. „Alle Schreckensmeldungen, aber auch unsere Hoffnungen kann man damit zu den Akten legen“, sagt der Migrationsforscher im Gespräch mit dieser Zeitung. Wenn sich der Trend fortsetze, würden selbst die vorsichtigsten Expertenschätzungen untertroffen. Viele Fachleute hatten mit 100.000 zusätzlichen Arbeitskräften aus Osteuropa pro Jahr gerechnet. Nicht einmal die Hälfte dieser Zahl dürfte erreicht werden.

Alle Befürchtungen, der Zustrom osteuropäischer Billigarbeiter könnte einen Verdrängungswettbewerb auf dem deutschen Arbeitsmarkt auslösen und das Lohnniveau in den Keller drücken, sind damit hinfällig. „Aber auch die Vorstellung, Deutschland könnte seinen Fachkräftemangel durch Zuwanderung gut qualifizierter Osteuropäer abmildern, erweist sich als Trugschluss“, betont Brücker. Als wichtigste Gründe für den Flop nennt der IAB-Forscher die starren Strukturen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und Sprachschwierigkeiten.

In der Bundesrepublik gebe es keine Tradition des „Hire and Fire“, des schnellen Einstellens und Kündigens wie im angelsächsischen Raum, erläutert Brücker. „Deshalb gehen die meisten osteuropäischen Auswanderer nach Großbritannien und Irland, zumal viele von ihnen eher das Englische als das Deutsche beherrschen.“ Auch sei die Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen in der Bundesrepublik abschreckend kompliziert.

Hinzu kommt die gute ökonomische Lage vor allem in dem wichtigsten osteuropäischen Migrationsland Polen. Seit Jahren boomt dort die Wirtschaft dort mit Wachstumsraten von drei bis sieben Prozent. Entsprechend schnell steigt das Lohnniveau. In der Hauptstadt Warschau, in der nahezu Vollbeschäftigung herrscht, bezahlen Arbeitgeber inzwischen genauso viel Geld wie im Durchschnitt Westeuropas.

„Ein Gutes hat die neue Freizügigkeit aber doch“, betont Brücker. „Viele Osteuropäer, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, haben seit Mai eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufgenommen.“ Im Klartext: Polen, Ungarn oder Slowaken, die früher schwarz in der Bundesrepublik gearbeitet haben, tun dies nun legal – vor allem in der Landwirtschaft. „Das ist natürlich zu begrüßen“, sagt Brücker. Wenn Deutschland allerdings Fachkräfte im großen Stil anlocken wolle, so müsse sich das Land noch sehr viel stärker öffnen. Viele deutsche Arbeitgeber sehen es ähnlich. Sie fordern seit langem eine „neue Willkommenskultur.

Erschienen in „Stuttgarter Nachrichten” (6. September 2011)

One comment

  1. @„Viele Osteuropäer, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, haben seit Mai eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufgenommen.“

    Ich frage mir wirklich für wenn sich so etwas denn lohnt. Ich kenne allerdings eine Menge Leute die das intelligent macht-3 Monate arbeiten, dann zurück nach Polen für 2 Wochen und das Ganze wiederholen.

    @Wenn Deutschland allerdings Fachkräfte im großen Stil anlocken wolle, so müsse sich das Land noch sehr viel stärker öffnen. Viele deutsche Arbeitgeber sehen es ähnlich. Sie fordern seit langem eine „neue Willkommenskultur.

    Ah, wie sich die Zeiten doch ändern-Als meine hochqualifizierten Eltern (Ärzte) nach D. kamen waren wir (und andere) ungefähr so willkommen wie Zigeuner aus Ostbulgarien-alles war ein einziger Kampf gegen Vorurteile und vor allem gegen dt. Behörden. Jetzt, wo D. Facharbeiter (für deren Ausbildung D. natürlich nicht aufgekommen ist) dringend braucht merken viele Deutsche (zumindest die intelligenteren) wie günstig es wahrscheinlich wäre wenn sich Ausländern willkommener fühlen würden.Vorschlag-Wenn die Medien einfach mal positiv über z.B Osteuropa berichten würden bestände eine reale Chance innerhalb von 1-2 Generationen eine derartige Willkommenskultur zu erschaffen. Alles andere ist Tagträumerei.

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