Grzegorz Lato: „Die Deutschen sind ein Vorbild für uns“

Polen gegen Deutschland – das ist seit der „Wasserschlacht von Frankfurt“ 1974 ein Fußball-Klassiker. Am Dienstag kommt es in Danzig zu einer Neuauflage. Doch für den EM-Gastgeber Polen, der 2012 gemeinsam mit der Ukraine die Europameisterschaft ausrichtet, ist das Spiel nicht nur in sportlicher Hinsicht ein Härtetest. Im Interview spricht der Präsident des polnischen Fußball-Verbandes, der Topstürmer von 1974 Grzegorz Lato, über vergangene Erfolge und die Herausforderungen der Euro 2012.

Frage: Erinnern Sie sich an den 3. Juli 1974?
Grzegorz Lato: Ja, natürlich, die Regenschlacht von Frankfurt. Kurz vor dem Spiel öffnete sich der Himmel, und dann war da nur noch Wasser. Überall. Aber am Ende zählt das Ergebnis. Und die Deutschen sind zu Recht Weltmeister geworden.

Es ging damals zwischen (West-)Deutschland und Polen um den Einzug ins WM-Finale. Franz Beckenbauer hat später bekannt, dass Sie die bessere Mannschaft hatten und unter regulären Bedingungen möglicherweise gewonnen hätten.
Lato: Niemand weiß, wie es auf einem trockenen Platz ausgegangen wäre. Klar ist: Heutzutage würde ein Spiel bei solchen Verhältnissen nicht angepfiffen. Das war kein Fußball, sondern Wasser-Polo. Eine Schlammschlacht. Der Ball blieb in Pfützen liegen, aus denen man ihn nicht wieder rausschießen konnte.

Für Sie als Stürmer muss das ein besonderer Horror gewesen sein.
Lato: Natürlich. Nur Gerd Müller konnte so etwas und hat das einzige Tor gemacht. Ich muss auch zugeben, dass die Deutschen an diesem Tag den besten Mann auf dem Platz hatten: den Torwart. Sepp Maier hat mich und uns alle mit seinen Paraden fast um den Verstand gebracht. Er war der Held.

Die heutige polnische Nationalmannschaft ist weit von der Stärke der 74er-Elf entfernt. Sie steht auf Platz 65 der Fifa-Weltrangliste, weit hinter Ländern wie Australien (22.) und Burkina Faso (40.). Woran liegt das?
Lato: Im Fußball ist alles enger zusammengerückt. Es gibt keine schwachen Mannschaften mehr. Die Zeiten, als Deutschland Australien mit 8:0 abgefertigt hat, sind vorbei. Aber Ihre Frage ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint, weil es nicht nur um Sport geht.

Sondern?
Lato: Polen hat einen radikalen politischen und wirtschaftlichen Systemwechsel hinter sich. Unsere Vereine haben große finanzielle Probleme und können dem eigenen Nachwuchs nicht mehr die Entwicklungsmöglichkeiten bieten wie zu meiner Zeit. Viele junge Menschen geben einer beruflichen Perspektive außerhalb des Fußballs den Vorzug.

Sie haben fast Ihre gesamte Karriere über für den kleinen Karpatenklub Stahl Mielec gespielt. Das wäre heute undenkbar. Hat das Geld im Fußball die Alleinherrschaft übernommen?
Lato: In gewisser Weise war Mielec unter realsozialistischen Bedingungen auch ein privilegierter Vorzeigeklub. Wir hatten Fußball-Internate für die Jugend und Schulungszentren für die Trainer. Der Verein hielt den Spielern den Rücken frei. Heute ist Polen Mitglied der EU, und die Spieler suchen ihr Glück im Ausland – vor allem in Deutschland. Denken Sie an Lukas Podolski und Miro Klose oder Robert Lewandowski und Kuba Blaszczykowski.

Die beiden Letztgenannten spielen für Polen. Am Dienstag treffen sie in Danzig zum Freundschaftsspiel auf Deutschland. Zeit für eine Revanche für 1974?
Lato: Unsere Legionäre helfen uns natürlich, aber es ist noch ein langer Weg, bis Polen wieder das Niveau der 70er Jahre erreichen kann. Die Deutschen haben derzeit eine fantastische Mannschaft. Sie sind ein Vorbild für uns. Für den Dienstag hoffe ich auf ein Unentschieden. Aber es wird sehr schwer.

Das Spiel findet in Danzig statt, weil das neue Nationalstadion in Warschau nicht fertig geworden ist. Als die Danziger Arena Anfang Juni eröffnet werden sollte, war sie ebenfalls nicht fertig. Das Einweihungsspiel musste verlegt werden. Das ist peinlich, oder?
Lato: Nein, es ist bedauerlich, aber mehr auch nicht. In beiden Fällen haben uns ein paar Wochen Bauzeit gefehlt. Am Ende werden hier wie dort fantastische Stadien stehen. Sie werden zu den schönsten Fußball-Arenen Europas gehören. Das ist es, was zählt.

Als Ausrichter der Europameisterschaft 2012 haben Sie noch andere, schwerer wiegende Probleme. Im Frühjahr haben Hooligans mit ihren Randalen in polnischen Stadien Angst und Schrecken verbreitet. Premierminister Tusk hat Geisterspiele angeordnet und sogar mit einer Absage des EM-Turniers gedroht. Sind Sie sicher, dass die Euro das versprochene Fußball-Fest wird?
Lato: Ja, das bin ich. Das Hooligan-Problem wird aufgebauscht und überbewertet. Fangewalt gibt es überall in Europa, auch in Deutschland.

Aber die Euro 2012 findet in Polen statt.
Lato: In den Stadien wird es im nächsten Jahre keine Ausschreitungen geben. Die Polizei ist gut vorbereitet, und die Regierung hat inzwischen die Gesetze verschärft.

Es soll elektronische Fußfesseln zur Kontrolle von Stadionverboten und Schnellverfahren gegen Gewalttäter geben.
Lato: Ja, und außerdem kommen zur Euro andere Zuschauer als bei Ligaspielen, wenn sich verfeindete Fanklubs gegenüberstehen. Wer im Sommer 2012 als Gast nach Polen reist, der braucht sich keine Sorgen um die Sicherheit zu machen.

Aber vielleicht um die Anreise selbst. Viele zur EM geplante Infrastrukturprojekte kommen nicht voran. Autobahnen werden nicht fertig, Bahnhöfe zu spät eröffnet…
Lato: Wir sind ein wenig ins Schlingern geraten. Aber diese Frage müssen Sie an die polnische Regierung richten. Wir als Fußball-Verband haben keinerlei Einfluss auf den Bau von Straßen und Eisenbahnlinien. Im Übrigen werden die wichtigsten Verbindungen fertig sein. Die Autobahn 2 von Berlin nach Warschau wird im Sommer 2012 vielleicht nicht perfekt ausgebaut, aber durchgängig befahrbar sein.

Sie arbeiten mit der Ukraine als Co-Gastgeber zusammen. Wie funktioniert das?
Lato: Für das, was bei unseren Freunden in der Ukraine passiert, trage ich keine Verantwortung und kann deshalb nichts dazu sagen. Sie haben dort ihre Sorgen, wir haben unsere Probleme. Wir stimmen uns unter Leitung der UEFA ab.

Das klingt nicht sehr begeistert.
Lato: Ich bin durchaus enthusiastisch. Aber ich kann nicht für andere sprechen. Wer 2012 nach Polen kommt, wird ein Fußball-Fest erleben. Polen hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich zum Positiven hin verändert. Wir haben wundervolle Landschaften zu bieten wie Masuren mit seinen Seen. Oder machen Sie zwischen den Spielen einen Abstecher nach Krakau, eine wundervolle Stadt! Ein gastfreundliches Volk sind wir sowieso. Außerhalb der Stadien wird es Fanmeilen geben, Public-Viewing, Musik, Straßenkunst und vieles andere mehr. Unsere Gäste werden es lieben.

Wenn die polnische Nationalmannschaft die Gruppenphase nicht übersteht, könnte es schnell vorbei sein mit der Festtagsstimmung.
Lato (schüttelt heftig den Kopf): Ach, was! Als wir 2007 den Zuschlag für das Turnier bekommen haben, waren die Menschen skeptisch. „Das schaffen wir nie“, haben viele gesagt. Inzwischen ist die Vorfreude mit Händen zu greifen. Die Leute staunen über die großartigen Stadien. Was den sportlichen Erfolg anbelangt, so ist der für die Stimmung natürlich wichtig. Aber als Heimmannschaft haben wir gute Chancen, das Viertelfinale zu erreichen. Und danach ist alles möglich. Dann geht es in jedem Spiel um alles oder nichts.

Wie 1974 in Frankfurt…
Lato: Ja. Es wird ein Kampf. Verlängerungen, Elfmeterschießen – wer weiß das schon? Solch einen Turnierverlauf kann niemand planen.

Wer wird Europameister?
Lato: Darauf gebe ich erst eine Antwort, wenn die Qualifikation vorbei ist und ich die Gruppenauslosung kenne. Viel hängt davon ab, wer gegen wen spielt und wie mögliche Viertel- und Halbfinalpaarungen aussehen.

Die Deutschen haben meistens Losglück.
Lato (lacht): Kann sein, aber es gibt da noch die Spanier, die Holländer, die Italiener, die Engländer, die Portugiesen, die Franzosen…

…und die Polen.
Lato: Ja, warum nicht? Ich bin Optimist und glaube an unsere Mannschaft.


Zur Person: Grzegorz Lato – Lichtgestalt des polnischen Fußballs

WM-Torschützenkönig, Senator, Verbandspräsident: „Polens Fußball – das ist Grzegorz Lato“, schrieb kürzlich eine Warschauer Wochenzeitung. Tatsächlich steht der Top-Stürmer von einst wie kein Zweiter für die Höhenflüge des polnischen Fußballs. In den 70er Jahren gehörte der heute 61-Jährige zu den besten Rechtsaußen der Welt. Bei den WM-Turnieren 1974 und 1982 führte der Olympiasieger von 1972 die Weiß-Roten jeweils zu einem dritten Platz. Unvergessen ist die „Wasserschlacht von Frankfurt“ 1974, als Polen im entscheidenden Zwischenrundenspiel bei irregulären Bedingungen 0:1 gegen die bundesdeutsche Nationalelf verlor. Mit Torschützenkönig Lato (sieben Turniertore) galt Polen neben Holland als spielstärkste Mannschaft der WM. Nach seinem 100. Länderspiel hängte der Mann aus dem Karpatenvorland, der fast seine gesamte Karriere über dem FKS Stahl Mielec die Treue hielt, die Fußballschuhe an den Nagel. Für die Sozialdemokraten engagierte er sich in den 90er Jahren politisch und war mehrere Jahre lang Senator. Nach einer Reihe von Korruptionsskandalen im polnischen Fußball wurde Lato 2008 zum Verbandspräsidenten gewählt. Hauptaufgabe der „Lichtgestalt“ war und ist es, die Europameisterschaft 2012 zu einem Erfolg zu führen.

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