Schachern ohne Sinn und Verstand

Nicht jeder, der um Geld feilscht, zieht daraus einen Gewinn – ein Erfahrungsbericht aus dem polnischen Alltagsleben.

In den Ohren vieler EU-Bürger gehören die Begriffe Europäische Union und Geschacher so untrennbar zusammen wie, nur zum Beispiel, England und Tea Time. Wenn sich ab Freitag die EU-Außenminister in dem wunderschönen polnischen Seebad Sopot zu einem ihrer viel zitierten informellen Gespräche zusammensetzen, dann möchte der berühmte Mann auf der Straße eigentlich schon gar nicht mehr so genau wissen, was da nun wieder ausbaldowert wird. Um den Euro und das liebe Geld geht es in jedem Fall.

In Sopot treffen sich die 27 Minister, weil Polen derzeit den EU-Ratsvorsitz führt. Ausgerechnet Polen, mögen da viele sagen – sind die Menschen hierzulande doch bekannt für ihren Hang zum freundschaftlich-augenzwinkernden Feilschen. In Warschau beispielsweise stellt regelmäßig die Frage, warum die vielen Straßenbasare noch immer nicht aus dem Stadtbild verschwunden sind, wie man es sich im Rathaus wünscht. Einkaufsgelegenheiten gibt es schließlich in der Metropole mit ihren Super- und Hypermärkten mehr als genug. Die Antwort ist einfach: Die Polen lieben es, auf ihren Basaren Preise und Mengen auszuhandeln. Sie schachern gern.

Ich selbst habe das dieser Tage im Zwiegespräch mit meinem Vermieter erfahren. Unser Vertrag muss jährlich verlängert werden. Das ist so Usus in Polen, wo die Menschen allzeit bereit sind, aus beruflichen oder privaten Gründen umzuziehen. Ich dagegen fühle mich wohl in meiner Kemenate und mit meiner Arbeit auch und wollte also den Vertrag verlängern. Doch so einfach konnte nicht sein, was nicht sein darf.

Pan Krzysztof – Herr Krzysztof, wie ich meinen Vermieter nach polnischer Sitte anspreche, wiegte zunächst den Kopf und brabbelte etwas von Inflation und Nebenkosten. Und im nächsten Jahr während der Fußball-EM werde ich doch bestimmt Gäste bekommen. Da wolle er nichts von machen, obwohl das ja eine Untervermietung sei. So viel Murks auf einmal hatte ich selten von Pan Krzysztof gehört und fragte deshalb geradeheraus: „Sie wollen eine höhere Miete?“

Diese Direktheit war ihm sichtlich unangenehm, doch er legte schließlich ein Angebot mit einer um 100 Zloty höheren Miete vor. Das sind umgerechnet 25 Euro, was vertretbar war. Um Pan Krzysztof einen Gefallen zu tun, begann ich dennoch zu feilschen. Die Teuerungsrate sei zuletzt zurückgegangen. Und an Gäste zur EM sei bei meinem Korrespondentenjob nicht zu denken. Am Ende einigten wir uns auf 50 Zloty. Im Grunde hatte er also 12,50 Euro verschenkt, nur weil er gern schachern wollte. Irgendwie so stelle ich mir auch immer die EU-Verhandlungen über die Zukunft der Währungsunion vor.

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