Aufstand gegen den Opferkult

In Polen tobt ein Streit über eigene Fehler im Zweiten Weltkrieg.

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Aufstands-Denkmal in Warschau: Die junge Generation hat ein gespaltenes Verhältnis zum Opferkult (Foto: Krökel).

Maximal 140 Zeichenumfasst eine Mitteilung im Online-Kurznachrichtendienst Twitter. Doch mitunter reichen wenige Worte aus, um gesellschaftliche Sprengkraft zu entfalten. Dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski ist es mit einem Twitter-Beitrag gelungen, das gängige Geschichtsbild seiner Landsleute ins Wanken zu bringen. Der Warschauer Aufstand gegen die Nazi-Besatzung im Spätsommer 1944 sei eine „nationale Katastrophe“ gewesen, schrieb Sikorski. Die verbliebenen Twitter-Zeichen nutzte er, um einen Link zu einer Internetseite zu veröffentlichen, die den Aufstand als „unverantwortliche Wahnsinnstat“ anprangert.

Die Wellen der Empörung schlagen seither hoch. Kurz vor dem Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 steht im Land der Opfer plötzlich die gesamte  Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs auf dem Prüfstand. Gefragt wird nach eigenen Versäumnissen: Welche Fehler haben die politisch und militärisch Verantwortlichen in Polen vor und während der Nazi-Besatzung begangen? Haben Regierung, Exil-Organisationen und Partisanen Hitlers Schergen unfreiwillig Beihilfe zum Massenmord geleistet, indem sie die Zivilbevölkerung in ebenso aussichtslose wie opferreiche Kämpfe hineinzogen?

Lange Jahre spielte der Warschauer Aufstand der Armia Krajowa (Heimatarmee/AK) gegen die Nazis für das polnische Nationalbewusstsein eine sinnstiftende Rolle. Im August 1944 war die Wehrmacht auf dem Rückzug vor den anrückenden Sowjettruppen. In dieser Situation schlugen die polnischen Untergrundkämpfer in der noch von den Deutschen besetzten Hauptstadt los. Sie wollten Warschau aus eigener Kraft befreien und die symbolische Tat nicht den Russen zu überlassen. Doch die Rechnung ging nicht auf. In einem 63 Tage währenden Häuserkampf metzelten die Nazis rund 20.000 Partisanen und 200.000 Zivilisten nieder. In einer hemmungslosen Vergeltungsaktion legten die Deutschen zudem die gesamte Hauptstadt in Schutt und Asche. Stalins Soldaten warteten unterdessen jenseits der Weichsel ab, bis die Schlächterei vorbei war. Am Ende des Krieges übernahmen die Kommunisten die Macht in Warschau.

Polnische Historiker und Politiker stilisierten den Aufstand der AK später zu einem Fanal des Freiheitskampfes, der in die friedliche Revolution von 1989 mündete. Der einstige Warschauer Bürgermeister und spätere Staatspräsident Lech Kaczynski regte schließlich den Bau eines Aufstands-Museums an, dessen Fertigstellung im Jahr 2004 Kaczynskis zeitweilige Popularität begründete. Diese Patriotismus-zentrierte Geschichtspolitik der Nationalkonservativen stellt Sikorski nun grundsätzlich in Frage. „Wir sollten darüber nachdenken, inwieweit unsere Niederlagen auf eigene Fehler zurückzuführen sind“, mahnt er und fragt rhetorisch: „War die Entscheidung zum Aufstand nicht viel zu risikoreich?“

Militärhistoriker haben daran kaum Zweifel. Nur ein Viertel der AK-Soldaten war überhaupt bewaffnet. Der Partisanenkampf der Jahre 1943 und 1944 hatte zudem gezeigt, dass die Exilregierung in London nicht in der Lage war, eine militärische Unterstützung der Westmächte zu mobilisieren. Und dass die Sowjets in der national-polnisch gesinnten Armija Krajowa eher einen künftigen Gegner sah als einen Verbündeten, hatte der Kriegsverlauf ebenfalls bewiesen. „In dieses Situation loszuschlagen, kam dem Verhalten eines Irren gleich, der sich vor einen Zug wirft, um ihn zu stoppen“, fasste ein AK-Soldat das Unfassbare nach dem gescheiterten Aufstand zusammen.

Sikorskis Kritik fällt denn auch bei Teilen der polnischen Gesellschaft auf einen fruchtbaren Boden. Soziologen beschreiben diese Gruppe als „die Europäer“. Mit den gängigen Geschichtsmythen können diese meist jungen, gebildeten und wirtschaftlich erfolgreichen Polen nicht mehr allzu viel anfangen. Die renommierte Warschauer Philosophin und Publizistin Magdalena Sroda formuliert es so: „Ich verstehe diesen Kult des Leidens, des Märtyrertums und des militärischen Fiaskos nicht. Der Warschauer Aufstand hat Polen eines großen Teils seiner jungen Elite beraubt.“

Doch naturgemäß gibt es auch harsche Reaktionen vor allem von rechts. In der politisch aufgeladenen Atmosphäre vor der Parlamentswahl am 9. Oktober fallen die Attacken auf Sikorski besonders heftig aus. Der Bruder des beim Flugzeugabsturz in Smolensk 2010 ums Leben gekommenen Lech Kaczynski, Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski, nennt den Außenminister einen Verräter an „unserer heiligen Sache“ und fordert indirekt dessen Rücktritt.

Zugleich bringt Sikorski mit seiner Mahnung zu polnischer Selbstkritik seinen Parteifreund Donald Tusk in Bedrängnis. Der Premierminister hat als Gegenstück zu Kaczynskis Warschauer Aufstands-Museum das Projekt einer Weltkriegs-Dauerausstellung in Danzig initiiert. Dort, wo am 1. September 1939 der Krieg begann, soll „vor allem das Leiden der polnischen Zivilbevölkerung“ gezeigt werden, wie Gründungsdirektor Pawel Machcewicz im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt. Werden auch die von Sikorski angesprochenen polnischen Fehler präsentiert? „Sicher, aber sie werden keine zentrale Rolle spielen“, kündigt Machcewicz an. „Die Täter waren schließlich die Deutschen.“

2 comments

  1. R.Sikorski hat völlig Recht. Der Aufstand war im Nachhinein ein riesiger Fehler und eine Kamiakze Selbstmordaktion.

    Aber als Historiker oder Soziologe macht man es sich viel zu leicht, wenn man den Aufstand mit dem heutigen Wissen analysiert. Als Wissenschaftler muß man sich immer in die damalige Lage versetzen. Und damals konnte nun wirklich niemand den Zynismus der Roten Armee bzw. die animalischen Instinkte der Deutschen vorausahnen. Der Soldat Peter Stölten zeigt es sehr schön in seiner Feldpost, wie die Lage damals war….

  2. „unverantwortliche Wahnsinnstat“

    Unverantwortlich ist nur Sikorski, man sollte ihm das Twittern verbieten und er sollte sich lieber eine andere Aufgabe finden, wie ich denke.
    Was mir aufgefallen ist ist die polnische Tendenz die Fehler immer und grundsätzlich bei sich zu sehen. Grundsätzlich- So, wie Chiang Kai-Tschek nach Nanking geeilt war um dann,statt der Kommunisten, die neue Regierung Chinas zu stellen (was misslang) ging es darum wer die rechtmässige Regierung stellen würde,daher wohl der Versuch Warschau vor den Sowiets zu befreien,was leider misslang. Heute gehen einige so weit auf die Aufständischen ect. hinunter zu blicken ohne sich zu überlegen was gewesen wäre wäre es anders gekommen-Grundsätzlich muss man nämlich Folgendes beachten-
    1. Warschau war dem Untergang geweiht. Im Osten wurde jede Stadt zur „Festung“ gegen die Sowiets erklärt.Das z.B Krakau,meine Stadt, nicht komplett zerstört wurde grenzt schon an ein Wunder.
    2. Was,wenn es keinen Aufstand gegeben hätte? Hätte Stalin die patriotschen Eliten nicht z.B durch Verschickung nach Sibirien liquidiert? So wie z.B Witold Pilecki u.a? Wären diese Personen nicht vielleicht emigriert? (anders gefragt-was bitteschön hat die Exilregierung in London bewirkt? wieviele ihrer Nachkommen sprechen noch Polnisch?) Würde man dann nicht sagen.Ah, wenn wir es wenigstens versucht hätten…?
    3.Es ist ziemlich leicht von der Warte der Gegenwart auf die Vergangenheit herunterzublicken und zu kritisieren. Wie hätten z.B wir in dieser Situation gehandelt? Eben.
    4.@Mit den gängigen Geschichtsmythen können diese meist jungen, gebildeten und wirtschaftlich erfolgreichen Polen nicht mehr allzu viel anfangen.
    Leider könne sie auch mit polnischer Geschichte an sich meistens nichts anfangen.Viele schämen sich (pathologischerweise) dafür Polen zu sein und sind daher oft „Bürger der Welt“ oder „Europäer“ statt „polnische Europäer“.Ich spreche hier aus Erfahrung.
    5. Jedes Volk hat „Mythen“, es kommt nur darauf an,was man daraus macht.Für mich persönlich, einen jungen,gebildeten und erfolgreichen Polen, bedeutet der Wahrschauer Aufstand den Kampf gegen Tyrannei und Menschenverachtung,für eine positive poln. Identität, etwas,dass ein Ansporn sein sollte,das,wofür diese Menschen gekämpft haben,zu beschützen. Auch, indem wir dafür sorgen, dass Polen nie wieder schwach ist, indem wir die Wirtschaft aufbauen, die Bevölkerungszahlen erhöhen (beides stärkt das Land), die Armee modern ausrüsten, uns für Frieden und Verständigung u.ä einsetzen.Vielleicht haben die Aufständischen militärisch verloren, aber moralisch sind sie die Sieger. Aber auf so etwas Konstruktives kommt Sikorski ja gar nicht.

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