Nur noch ein Spuk

Das deutsch-französisch-polnische Weimarer Dreieck feiert 20. Geburtstag – ein Nachruf.

Helmut Kohl und seine Außenpolitik sind in diesen Tagen der Interview-Schlachten zwischen den Altgedienten und ihren Nachfolgern wieder in aller Munde. Ein Stück dieser Politik feiert am Montag 20. Geburtstag. Das deutsch-polnisch-französische Weimarer Dreieck war zwar in erster Linie das Werk von Kohls Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Doch trotz aller Sticheleien zwischen den beiden Vätern der deutschen Einheit verband sie doch stets ein gemeinsames Ziel: Mit all ihrer Kraft strebten sie ein geeintes Europa in Frieden, Freiheit und Wohlstand an.

Diese Politik sieht Kohl durch jene gefährdet, die heute in Berlin das Sagen haben. Und dies völlig zu Recht, wie das Siechtum des Weimarer Dreiecks belegt. Der lose Gesprächszirkel diente anfangs dazu, Polen nach dem Ende des Kalten Krieges in Nato und EU zu führen. Beides gelang. Die wahrhaft historische Dimension dieses Vorgangs ist jedoch längst in Vergessenheit geraten. Man bedenke, dass die UdSSR noch existierte, als sich der einstige Sowjet-Satellit Polen im Dreieck mit Franzosen und Deutschen zusammenfand!

Doch Mut und Entschlusskraft vergangener Tage sind dahin. Der Geist von Weimar spukt nur noch als leeres Bettlaken durch Europa. In der Schuldenkrise, die sich längst zu einer Zerreißprobe der gesamten EU ausgewachsen hat, spielt die Achse Paris-Berlin-Warschau keinerlei Rolle. Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy machen die Dinge unter sich aus. Bei den Verhandlungen zur Zukunft der Währungsunion bleibt Polen außen vor, obwohl Premier Donald Tusk derzeit den EU-Ratsvorsitz führt.

Die Enttäuschung über die Missachtung ist in Warschau mit Händen zu greifen. Immer häufiger macht dort das Wort vom Europa der zwei Geschwindigkeiten die Runde. Tusk fühlt sich ausgebootet. Er geißelt Merkels und Sarkozys Anti-Krisen-Politik als „spalterisch“ und „schwach“. Und diese Töne sind mehr als ein beleidigtes Grummeln im Schmollwinkel. Denn bei genauerem Hinsehen könnte gerade das boomende Wirtschaftswunderland im Osten so etwas wie ein Hoffnungsträger Europas sein.

Die Polen sind EU-Enthusiasten. 85 Prozent der Menschen zwischen Oder und Bug begeistern sich für die europäische Gemeinschaftsidee, während in London und Athen, Helsinki und Madrid nur Wehklagen zu hören ist. Kluge Außenpolitiker würden sich diese polnische Europa-Euphorie zunutze machen. Mehr noch: Polen ist derzeit ein Hort finanzpolitischer Solidität und könnte als Leuchtturm für jene dienen, deren Staatsanleihen zur Ramschware verkommen sind.

Als Merkel und Sarkozy kürzlich eine Schuldenbremse für alle EU-Staaten forderten, hätte Tusk als Gipfelgast aus dem Nähkästchen plaudern können. Polen hat seit 1997 eine Schuldenbremse in der Verfassung verankert. Was wäre falsch daran gewesen, wenn Deutsche und Franzosen Tusk zum Dreiertreffen nach Paris gebeten hätten? Nichts. Im Gegenteil! Mit einem Schlag hätte man den Geist von Weimar zu kraftstrotzendem Leben erwecken können.

Wenn Deutschland und Frankreich dagegen meinen, dem Kontinent ihre Richtung nur in trauter Zweisamkeit aufzwingen zu können, so haben sie die Stimmungslage in der EU nicht verstanden. In Großbritannien und Griechenland kursieren bereits Vergleiche mit nationalsozialistischen Erlösungsfantasien nach der Devise „Am deutsch-französischen Wesen soll die Welt genesen“. Auch in Polen analysieren seriöse Kommentatoren, dass sich in der Bundesrepublik eine Stimmung des „Deutschland zuerst“ breitmache. Vergeblich halten sie nach dem europäischen Gemeinschaftssinn Kohlscher Prägung Ausschau. Tatsächlich haben es Kohl und seine Partner in Paris und Brüssel früher immer wieder geschafft, die Kleineren und Machtloseren in der EU einzubinden.

Es ist ja wahr: Für die Geburtsfehler der Währungsunion ist der Altkanzler zuallererst verantwortlich. Doch die Idee war mutig und wegweisend. In seiner Fundamentalkritik an der deutschen Außenpolitik hat Kohl nun genau diesen Gestaltungswillen angemahnt. Sicher nicht gemeint waren damit rüde deutsch-französische Vorgaben. Dem Geist von Weimar rauben Merkel und Sarkozy so noch das letzte Bettlaken.

2 comments

  1. Tja, am Ende hat der „Nationalist“ Kaczynski und der „Nationalist“ Rydzyk doch Recht behalten. All diese Egoismen und Probleme, die wir jetzt in der EU erleben, haben beide genau so vorhergesagt. Noch viel früher als der liebe Helmut Kohl.

    Die deutschen Journalisten sollten sich übrigens mal ihre Hasstiraden an die Adresse Lech Kaczynskis durchlesen, als es darum ging den Vertrag von Lissabon durchzudrücken. Von der TAZ bis zur Welt hat man von einem starken EU Präsidenten und Aussenminister, eine solidarische EU usw. vorgeschwärmt, die uns alle erwarten, wenn der dumme Kaczynski doch endlich den Vertrag unterzeichnet…

    Herausgestellt hat sich das Ganze als ein zynischer Blüff deutscher Politik und Medienkaste. Was wir nach lissabon bekamen ist eine Marionette Van Rumpuy und eine deutsch französische pseudo EU.

    Und den EUR hat nicht Helmut Kohl vermasselt, sondern Hans Eichel und Gerhard Schroeder. Die Deutsche Lobby hat sich für Griechenland ein wirtschaftlcihes perpetuum Mobile ausgedacht, in dem die deutschen Banken das schnelle Geld nach Griechenland und Spanien liefern und die Industrie die Güter….

    Das es auf Dauer nicht gut gehen konnte, wußten die zynischen Politiker und Lobbyisten sehr wohl.

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