Du sollst dir kein Bildnis machen

Was ist dran an den deutsch-polnischen Stereotypen? Einige Beobachtungen im Warschauer Alltag…

Ob denn an Klischees und Vorurteilen nicht meistens doch etwas Wahres sei, wollte neulich eine Bekannte von mir wissen. Ich hatte ihr eine Anekdote aus dem Alltagsleben in Warschau erzählt und anschließend einen Vortrag darüber gehalten, dass all diese deutsch-polnischen Stereotype doch herzlich wenig mit der Realität zu tun hätten.

Meine Geschichte ging so: Wochenlang bemühte ich mich bei der städtischen Verwaltung um eine Bestätigung meiner EU-Aufenthaltsgenehmigung. Das war nicht mehr als eine Formsache, aber Beamte in Polen können ähnliche Kleingeister sein wie ihre deutschen Kollegen – und das ist kein Vorurteil, sondern erlebte Wahrheit. Jedenfalls ärgerte mich die im Grunde sympathische Behördendame mit immer neuen Nachforderungen. Hier noch eine Bestätigung, dort noch eine Unterschrift.

Ich tat am Ende, was ich in solchen Fällen auch in Deutschland immer tue: Ich lächelte das Problem diplomatisch weg und trat erst zu Hause gegen den Tisch. Dieses Lächeln aber war für die Polin zu viel des Unfassbaren. „Sie sind wirklich Deutscher?“, fragte sie eines Tages kopfschüttelnd. „Wo Sie doch immer so fröhlich sind!“

In meinem Referat für die Bekannte ereiferte ich mich ausgiebig über dieses Schubladendenken, wonach der Deutsche an sich ein penibler und humorloser Griesgram ist. Dabei bemerkte ich natürlich meine eigene Griesgrämigkeit nicht, die ich in diesem Augenblick sicher verströmte. Aber sei’s drum. Die Polen selbst halten sich für das positive Gegenstück zu den Deutschen: freiheitsliebend, lustig und ein wenig anarchisch. Man lässt hier gern einmal fünfe gerade sein, so das Selbstbild.

Pustekuchen! In der Siedlung im Süden Warschaus, in der ich wohne, steht gerade der alljährliche Wettbewerb um den schönsten Balkonschmuck vor dem Abschluss. Prämiert wird vermutlich das spießigste Zierwerk. Von anarchischem Wildwuchs ist auf all diesen Balkonen jedenfalls nichts zu erkennen. Nicht von ungefähr sind Gartenzwerge in Polen noch populärer als in Deutschland.

Doch es kam noch besser. Vor wenigen Tagen wagte es irgendein Anarchist in unserem Wohnblock, auf seinem Balkon bis in die Nacht hinein eine kleine, lautstarke Party zu veranstalten. Das war den lustigen Nachbarn dann jedoch deutlich zu freiheitsliebend. Kurzerhand nahm irgendein  Griesgram – wer es war, ist bis heute ungeklärt – ein paar rohe Eier und feuerte sie auf den Partybalkon. Verletzt wurde niemand. Wenn man mich fragt, so sind die Polen vor allem eines: Menschen wie du und ich.

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