Eine Stadt versinkt im Erdboden

Bergbauschäden und ihre dramatischen Folgen: Im schlesischen Bytom sind hunderte Häuser vom Einsturz bedroht, die Behörden haben mit Massenevakuierung begonnen.

Bürgersteige und Straßen senken sich ab, Hauswände sind von Rissen übersät, Wasserrohre bersten: Im schlesischen Bytom tut sich buchstäblich die Erde auf und droht einen ganzen Stadtteil zu verschlingen. Grund sind jahrzehntelange Bergbauarbeiten in dem südpolnischen Steinkohlerevier. Längst ausgebeutete Stollen wurden nicht wie zwingend erforderlich mit Abraum aufgefüllt. Nun hat das Zusammenspiel mit der aktuellen Förderung verheerende Folgen: Der Boden sackt ab, kleine Beben erschüttern das Gebiet. „Tag und Nacht kracht es hier im Gebälk. Fenster, Fliesen, Möbel – alles kaputt“, berichtet Wieslaw Sowa aus dem vom Untergang bedrohten Bezirk Bytom-Karb. Dort hat die Evakuierung hunderter Wohnungen begonnen.

Die Menschen in dem Viertel schwanken zwischen Wut und Angst. In zahllosen Interviews lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. „Wir trauen uns nachts nicht mehr, schlafen zu gehen. Man kann hören, wie die Wände aufbrechen“, erzählt Anwohnerin Karina Libera. Am vergangenen Freitag seien in ihrer Wohnung Teile der Kückendecke heruntergekommen und hätten um ein Haar ihren Hund erschlagen, der in seinem Körbchen schlummerte. „Wir leben auf einer Bombe“, fügen Nachbarn hinzu und empören sich: „Wenn uns die Grubenbetreiber die Häuser kaputt machen, sollen sie uns gefälligst neue bauen.“

Vorerst kann davon keine Rede sein. Bislang hat die verantwortliche Zeche Bobrek-Centrum ihre Förderarbeiten unter dem Stadtteil nicht einmal unterbrochen. Unternehmenssprecher Jan Czypionka sagt: „Wir besitzen alle erforderlichen Genehmigungen, zahlen Steuern und geben viel Geld aus, um die Schäden zu liquidieren.“ Im Übrigen handle es sich bei den betroffenen Gebäuden „um uralte und vernachlässigte Bausubstanz“, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert. Bis Ende August soll unter Karb weiter Kohle abgebaut werden – für Czypionka kaum mehr als ein technischer Vorgang: „Die Folgen über Tage werden noch bis zum Ende des Winters zu spüren sein. Anschließend beginnen wir mit den Renovierungsarbeiten.“

Für die Bürger in Karb heißt das, dass sie „ein halbes Jahr lang auf gepackten Koffern schlafen“ müssen, wie Anwohner klagen. Viele Menschen haben ihre Möbel in Garagen verstaut. Die Stadt begutachtet die Lage permanent und evakuiert nur jene Häuser, die akut einsturzgefährdet sind. Bis Montag mussten rund 100 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Sie finden bei Verwandten oder in Hotels Unterschlupf. Mindestens 500 weitere Evakuierungen dürften im Laufe des Herbstes hinzukommen. Die Kosten übernimmt der Grubenbetreiber.

„Die Situation ist dramatisch, aber wir haben keinen Einfluss auf die Vergabe der Förderkonzessionen durch die Regierung in Warschau“, sagt Bytoms Stadtsprecherin Katarzyna Krzeminska und schiebt den Schwarzen Peter weiter. Auf die erteilten Genehmigungen beruft sich auch das Unternehmen, das mit seinen 3400 Bergleuten der größte Arbeitgeber der Region ist. Bis 2026 darf die Zeche Steinkohle ausbeuten – und dies, obwohl in der Vergangenheit genutzte Stollen aus Kostengründen nicht durch Verfüllung gesichert wurden. Dabei handelt es sich allerdings um alte Minen, für deren Bewirtschaftung der heutige Betreiber nicht verantwortlich ist, wie Czypionka erklärt.

Die Regierung in Warschau vertraut bislang der Expertise der Fördergesellschaft – trotz der überall sichtbaren Schäden. Große Teile der 180.000-Einwohner-Stadt haben sich seit Beginn der Förderarbeiten vor 60 Jahren um sieben Meter abgesenkt. Die Folgen sind nicht nur in Karb spürbar. Denkmalgeschützte Gebäude im Zentrum neigen sich oder zeigen Risse. Auch eine zentrale Brücke im Verlauf der viel befahrenen Bundesstraße 94 ist einsturzgefährdet.

Die aktuelle Zuspitzung der Lage in Bytom begann am 19. Juli, als in der Grube in 650 Meter Tiefe die Erde bebte. Bei einem sogenannten Gebirgsschlag, bei dem sich Gesteinsspannungen oft ohne seismische Vorankündigung entladen, wurden drei Bergarbeiter verletzt. Seitdem vergrößern sich die Krater in Karb „von Stunde zu Stunde“, wie eine Bauinspekteurin berichtet. Grubensprecher Czypionka gibt sich davon unbeeindruckt. Ein Zusammenhang sei unwahrscheinlich. Der Ort des Bebens sei mehrere Kilometer von Karb entfernt. Und: „Ich habe keine guten Nachrichten für die Einwohner von Bytom. Bis 2020 werden wir weitere neun Stollen unter der Stadt eröffnen und ausbeuten.“

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