Polen im Gas-Fieber

Warschau vergibt hunderte Bohrgenehmigungen für die Suche nach unkonventionellen Energieträgern. Umweltschützer warnen vor verheerenden Folgen

Polens Chef-Geologe Henryk Jezierski wähnt sich bereits am kanadischen Klondike River des 19. Jahrhunderts. „Bei uns ist das Goldfieber ausgebrochen“, sagt er und versprüht Vorfreude auf zu erwartenden Reichtum. Wie einst in Nordamerika, so strömen derzeit Schatzsucher aus aller Welt nach Polen. Doch nicht Gold ist das Objekt ihrer Begierde, sondern ein unkonventioneller Energieträger namens Schiefergas. Es ist in tiefen Gesteinsschichten gebunden und lässt sich nur mit einer erst seit kurzem ausgereiften Bohrtechnik fördern. Gelingt die Ausbeutung jedoch im großen Stil, könnte dies die globale Rohstoffknappheit mindern.

In Polen vermuten Geologen gigantische Vorkommen an Schiefergas. Ebenso groß sind die Hoffnungen, die das Land mit den anlaufenden Probebohrungen verbindet. Die Regierung spricht von einer „Riesenchance für Polen“, das zu einem „zweiten Norwegen werden“ könne. Die Skandinavier sind dank ihrer Erdgas- und Ölförderung eines der reichsten Völker weltweit. Polen, das bislang auf russische Gaslieferungen und den heimischen Klimakiller Kohle angewiesen ist, will mit Hilfe des Schiefergases zum Energie-Exporteur werden.

Das Rohstoff-Fieber hat innerhalb von nur drei Jahren 35 internationale Firmenkonsortien nach Polen gelockt, die sich 124 Bohrgenehmigungen gesichert haben. Mindestens noch einmal so viele Konzessionen dürften hinzukommen. Geht alles gut, soll nach 2017 jährlich Gas im Wert von mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar strömen. Doch wie am kanadischen Klondike River, an dem im 19. Jahrhundert längst nicht alles Gold war, was glänzte, so könnte auch den Schatzsuchern in Polen noch manche Enttäuschung bevorstehen. Kritiker warnen vor verheerenden Folgen für die Umwelt. Und auch der ökonomische Nutzen ist zumindest für die einheimische Wirtschaft fraglich.

Polnische Energieunternehmen verfügen weder über genügend Kapital noch über das nötige Knowhow, um den Rohstoff auszubeuten. Die Federführung bei den Probebohrungen haben deshalb amerikanische, kanadische und britische Firmen, allen voran ExxonMobile und Chevron. Polnische Energiekonzerne wie Orlen und Lotos sind lediglich Juniorpartner. Doch ohne internationale Hilfe geht es nicht. Die Förderung ist kompliziert. Zunächst wird ein Loch in die Erde getrieben. In tieferen Schichten müssen die Ingenieure dann aber horizontal ins Gestein bohren. Schließlich werden unter Hochdruck Wasser, Sand und Chemikalien in die Gesteinsspalten gepumpt, um diese zu weiten und das Gas entweichen zu lassen. „Fracking“, lautet der Fachbegriff für das Verfahren.

Umweltschützer warnen davor, dass die eingesetzten Stoffe – darunter krebserregende Benzole – das Grundwasser verseuchen könnten. „Wir wissen nicht, was dort genau geschieht“, sagt der polnische Greenpeace-Aktivist Robert Cyglicki im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Amerikaner machen aus der Fördertechnik ein Staatsgeheimnis“, kritisiert er. Und so ist es kein Wunder, dass Gegner Horrorszenarien von Gasexplosionen am hauseigenen Wasserhahn an die Wand malen. Polens Chef-Geologe Jezierski, der zugleich stellvertretender Umweltminister ist, trat deshalb kürzlich alarmiert vor die Presse und stellte klar: „Man will uns manipulieren. In den USA hat es Tausende Bohrungen gegeben, ohne dass dies einen erkennbaren Einfluss auf die Umwelt gehabt hätte.“

Jezierskis Landsleute sind laut Umfragen in ihrer großen Mehrheit bereit, den Verheißungen zu folgen. In Polen ist die Umweltbewegung schwach. Das Land boomt, und die Menschen erleben das Wirtschaftswunder nach jahrzehntelangen Entbehrungen als Befreiung. Anders stellt sich die Lage in Westeuropa dar. In Frankreich, wo ebenfalls große Schiefergasvorkommen vermutet werden, aber auch in Deutschland regt sich Widerstand gegen geplante Bohrungen, etwa in Nordrhein-Westfalen. „Die Chemikalien bleiben zu 20 bis 80 Prozent unten im Boden“, sagt die NRW-Grüne Wibke Bems. „Was daraus wird, ist absolut ungeklärt.“

In Warschau halten Politiker aller Couleur derartige Warnungen nicht nur für ungerechtfertigt, sondern wittern eine antipolnische Strategie. Man wolle Polen klein halten, um eigene Geschäfte mit dem russischen Energieriesen Gasprom nicht zu gefährden. Premier Donald Tusk platzte vor wenigen Wochen der Kragen, als er sich wiederholt mit westlicher Kritik an seiner Energiepolitik konfrontiert sah. Nicht nur werde Polen trotz der Ausstiegsszenarien in Deutschland an seinen Plänen für den Bau zweier Atomkraftwerke festhalten. Auch beim Schiefergas will Tusk „unabhängig von Vorbehalten in anderen EU-Ländern ausschließlich nach eigenen Erkenntnissen handeln“.

Erschienen in der „Badischen Zeitung” (3. August 2011)

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