Nah bei den Störchen

Wer in diesen August-Tagen in Polen über Land fährt, erblickt garantiert irgendwo auf einem Schornstein ein Nest mit Weißstörchen.

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Störche bei Koszalin (Köslin) in Nordpolen (Fotos: Krökel)

Mehr als 40.000 Störche sind in Polen zu Hause. Damit ist jeder fünfte Storch weltweit ein Pole, wie die Menschen voller Stolz sagen. Und sie fügen gern reimend hinzu: „Das Haus, das glücklich ist, das hat ein Storchennest.“ Frei übersetzt.

Umso trauriger ist es, dass die klappernden Dünnbeiner in Kürze den Abflug nach Afrika machen. Immerhin liegt eine rekordverdächtige Brutzeit hinter ihnen. Offizielle Zahlen gibt es zwar noch nicht, aber ich weiß es bereits. Denn ich habe mit Pawel Dolata telefoniert. Und Pawel weiß alles über Störche. Das habe ich gelernt. Gelitten habe ich auch.

Das alles kam so: Bei meiner jüngsten Tour durch die Provinz sah ich so viele Störche, dass ich mich des Themas anzunehmen beschloss. Also rief ich beim Vogelschutzbund an. Dort reichte man mich an Pawel weiter. „Der hilft gern“, hieß es. Und ob er das tut!

Pawel T. Dolata lebt in dem Dorf Przygodzice irgendwo im mittleren Westen Polens und ist eigentlich Jurist. Aber er ist auch Vogel-Fan. Seine Examensarbeit verfasste er über den „Schutz der Vögel in Polen durch das Völkerrecht“. Sicher kein Plagiat. Und abstrusere Themen gibt es auch.

Pawel jedenfalls hatte schnell genug von der Juristerei und verschrieb sich dem Weißstorch. Seither arbeitet er als Vogelschützer, hat zahlreiche Aufsätze über sein Lieblingstier zu Papier gebracht und redet wie ein Wasserfall, wenn man ihn nach dem Storch fragt. War es eine Stunde, die ich Pawel lauschen durfte?

Aber ich habe viel erfahren. Zum Beispiel, dass in Przygodzice in diesem Jahr fünf Storchenpaare je fünf Junge gezeugt haben, was sensationell ist, weil schon drei „Nestlinge“ eine ordentliche Ausbeute sind. Ich weiß jetzt auch, dass der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz in seinem legendäre Poem „Pan Tadeusz“ den Vogel als Symbol verwendete: „…und der Storch ist schon zu seiner heimischen Kiefer zurückgekehrt.“

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Storchenfamilie an der polnischen Ostseeküste bei Dabki.

So zitiert es Pawel und fügt hinzu: „Der Storch steht in der Literatur für die Heimatliebe jener, die während der finsteren Zeit unserer Geschichte ins Exil vertrieben wurden.“ Bei dieser Information setze ich geduldig meine Kaffeemaschine in Gang, um mich für das Weitere zu stärken. Es gebe die These, sagt Pawel, dass eigentlich der Storch ins polnische Staatswappen gehöre, nicht der Adler. Der sei ohnehin fast ausgestorben und längst nicht so sympathisch. Im Übrigen sei der Storch wohl deshalb so beliebt, fährt Pawel fort, „weil er der einzige Großvogel ist, der so nah bei den Menschen lebt“.

Pawel hat dafür gesorgt, dass dies auch so bleibt, selbst wenn sich die Menschen einmal entfernen. Er hat über einem Nest in Przygodzice eine Webcam installiert, die das Leben seiner Störche auf überträgt (www.bociany.ec.pl). „Nah bei den Störchen“, heißt das Projekt, das jährlich fünf Millionen Menschen aus aller Welt verfolgen. Die Kamera störe die Vögel in keiner Weise, sagt Pawel. Sonst hätte er das nicht gemacht. Ich glaube ihm aufs Wort.

Weitere Bilder finden Sie hier.

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